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Ministerin Stolz: Beweise für Beschwerden fehlen

Kein Pardon für Handy-Sensible

Ein Mann, der nur an Orten ohne Handy-Netz campiert, stand kürzlich vor Gericht, weil er einen Funkmasten sabotierte. Der Ruf nach Schutzzonen für angeblich Strahlensensible lässt das Land kalt.

16.10.2009

Von ANDREAS BÖHME

Stuttgart Nahezu jeder Quadratmeter im Land ist für Mobiltelefone erschlossen. Die Netzabdeckung liegt bei 100 Prozent, einige wenige Funklöcher im Schwarzwald ausgeschlossen. Für Menschen wie Ulrich Weiner ist das eine schlechte Nachricht: Der Mann gibt vor, unter der Strahlung von Funkmasten zu leiden - und zieht deshalb im abgeschirmten Wohnmobil durch Südbaden, immer auf der Suche nach Stellen, in die kein Mobilfunkstrahl fällt. Schon das ist meist illegal, weil solch abgelegene Plätze für Dauercamper wie Weiner tabu sind. Gänzlich verboten war, dass der Mann zu Jahresbeginn auf eine Mobilfunk-Antenne kletterte und sie mit Alufolie abschirmte. Der Sender war danach stundenlang lahmgelegt.

Gisela Splett, aus Freiburg stammende Landtagsabgeordnete der Grünen, hat den Fall zum Gegenstand einer parlamentarischen Anfrage gemacht. Für derart sensible Menschen hält das Land keine Konzepte bereit, antwortete nun Gesundheitsministerin Monika Stolz (CDU), selbst Ärztin. Nach aktuellem wissenschaftlichen Kenntnisstand bestehe kein Zusammenhang zwischen den beschriebenen Beschwerden und Handystrahlung - es fehle jede Basis, die Erkrankungen zu diagnostizieren. "Die Frage nach der Einrichtung von Schutzzonen erübrigt sich daher", so Stolz.

Als das Handynetz noch wenig ausgebaut war, gab Weiner vor Gericht an, er habe sogar spüren können, welcher Netzbetreiber gerade funke. Das Gesundheitsministerium widerspricht: Schon vor vier Jahren kam die Weltgesundheitsorganisation zum Schluss, die "Elektrosensibilität" sei weder ein medizinisches Krankheitsbild noch ein eigenständiges medizinisches Problem. Das Bundesamt für Strahlenschutz schließe einen Zusammenhang der geschilderten Beschwerden mit Mobilfunk-Strahlen ebenso aus wie die Bundesanstalt für Arbeitsschutz. Fazit laut Stolz: "Das Phänomen, unter dem Menschen wie Weiner leiden, verweise auf psychische Grundbedingungen".

Konkrete Zahlen, wie viele Menschen an Elektrosensibilität leiden, gibt es nicht. Allerdings, ergänzt eine Sprecherin des Ministeriums, bezeichnen sich 1,5 Prozent der Deutschen selbst als entsprechend anfällig. Das wären rund 1,2 Millionen Menschen. Von denen sich indes die wenigsten in den Wald flüchten, denn auch darüber gibt es kein statistisches Material.

Schweden erkennt laut Splett elektrosensible Menschen als behindert an, um ihnen Chancengleichheit zu bieten. Im Land hingegen gibt es keine derartigen Konzepte. Auch Mobilfunkanlagen so herunterzufahren, dass eine Handyversorgung nur noch im Freien, aber nicht mehr innerhalb von Gebäuden gewährleistet wäre, steht nicht an.

Nur im Schutzanzug auf den Mobilfunksendemast. Die Goldfolie stört den Empfang. Foto: dpa

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Erstellt:
16. Oktober 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Oktober 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2009, 12:00 Uhr

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