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Geschichte

„Kein Ort für Populismus“

In Stuttgart hat Robert Bosch vor 100 Jahren den Aufbau der Volkshochschule mitfinanziert. OB Kuhn würdigt die Bedeutung der Einrichtung.

11.10.2019

Von UWE ROTH

Dagmar Mikasch-Köthner diskutiert mit Christof Bosch. Sein Großvater Robert hat die Volkshochschulen mitbegründet. Foto: Uwe Roth

Das politische Klima vor 100 Jahren war rau, als am 1. Oktober 1919 der Unternehmer Robert Bosch und der christliche Gewerkschafter Theodor Bäuerle die Volkshochschule (VHS) Groß-Stuttgart eröffneten. Die Weimarer Republik war kein Jahr alt. In den ersten Kursen erhielten die Teilnehmer Grundkenntnisse in Demokratie vermittelt. Während sich die Regierung gegen Kräfte wehrte, die die Kaiserzeit zurück wollten. 100 Jahre später erlebt die Gesellschaft wieder in einem politischen Wandel. Politische Bildung ist und bleibt ein Kernauftrag der Volkshochschulen. Darüber waren sich die Redner in der Veranstaltung in Stuttgart zum bundesweiten Jubiläum 100 Jahre Volkshochschulen einig. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sagte: „Politische Bildung brauchen wir angesichts des wachsenden Populismus mehr denn je.“

Eine Wissensvermittlung über Einrichtungen wie die VHS sei unabdingbar in einer Zeit manipulierter Nachrichten, in der Menschen Tatsachen egal zu sein scheinen. „Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass wir in eine solche Situation kommen, in der Ideale der Aufklärung in Frage gestellt werden“, sagte der Ministerpräsident. Der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) ist Aufsichtsratsvorsitzender der VHS Stuttgart und Vorsitzender des Volkshochschulverbands Baden-Württemberg. Er betonte: „Die VHS ist politisch neutral. Doch sie ist kein Ort für Populismus und Hetze.“

Die Aufklärung im 18. Jahrhundert hat laut Kretschmann den Grundstein für eine Einrichtung zur Bildung gelegt. Mit der Aufforderung, „habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, hat der Philosoph Immanuel Kant erklärt, dass Bildung jedem Menschen zusteht. In der Weimarer Verfassung von August 1919 heißt es: „Das Volksbildungswesen, einschließlich der Volkshochschulen, soll von Reich, Ländern und Gemeinden gefördert werden.“ In der baden-württembergischen Verfassung von 1953 ist aus dem „Soll-“ ein „Ist-Auftrag“ zur Förderung der Erwachsenenbildung geworden.

Der Artikel 148, Absatz 4 war vor 100 Jahren der Auslöser zahlreicher VHS-Gründungen. Neben Stuttgart entstanden Bildungseinrichtungen in Esslingen, Freiburg, Heilbronn, Offenburg, Reutlingen und Schopfheim. Von Beginn an nahm die VHS gesellschaftliche Strömungen auf. 1924 wurde eine Frauenabteilung eröffnet. Die promovierte Wissenschaftlerin Carola Rosenberg-Blume entwickelte ein Frauenbildungskonzept, das die Volkshochschule Stuttgart international bekannt machte. Doch zehn Jahre später war vorerst alles vorüber: 1936 kam die VHS unter das Dach der Nazi-Organisation „Kraft durch Freude“ und erhielt den Namen „Volksbildungsstätte Stuttgart“.

Integration von Flüchtlingen

1946 kam es zur Wiedereröffnung. In den 1980er Jahren wurde die VHS mehr und mehr zu einer kommunalen Einrichtung. Die Stuttgarter VHS-Direktorin Dagmar Mikasch-Köthner betonte den zentralen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen. 2018 registrierte die Geschäftsstelle 7400 Anmeldungen für Deutschkurse. Insgesamt hat die VHS Stuttgart jährlich 200 000 Kursbesucher.

Eine Konstante ist seit der Gründung vor 100 Jahren der Name Bosch geblieben. Der Enkel von Robert Bosch, der Forstwissenschaftler Christof Bosch, ist der Vorsitzende des Kuratoriums der Robert-Bosch-Stiftung. Sie ist immer mal wieder Geldgeber bei Veranstaltungen. Bosch bezeichnete seinen Großvater als „pädagogisches Naturtalent“.

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Erstellt:
11. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Oktober 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2019, 06:00 Uhr

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