Strafvollzug

Kein Netz im Knast

Häftlinge sind vom Internet weitgehend abgekoppelt. Das erschwert die Resozialisierung der Strafgefangenen, kritisieren Straffälligenhelfer.

07.11.2020

Von HANNAH MÖLLER

In der JVA Schwäbisch Hall können Häftlinge nur sehr eingeschränkt das Internet nutzen. Foto: Foto/ Marijan Murat/dpa

Während sich das Leben in Freiheit häufig online abspielt, haben Gefängnisinsassen oft überhaupt keinen Zugang zum Internet. „Dabei sind digitale Medien heutzutage Grundlage des gesellschaftlichen Lebens“, kritisiert Alexandra Weingart, Geschäftsführerin der katholischen Bundes-Arbeitsgemeinschaft Straffälligenhilfe. „Der digitale Wandel darf Menschen, die in Haft sind und aus der Haft kommen, nicht zu Verlierern machen, indem sie davon ausgeschlossen werden.“ Digitale Bildung sei ein wichtiger Baustein zur Resozialisierung.

Bisher haben in Baden-Württemberg Gefangene an den Standorten Adelsheim, Freiburg und Schwäbisch Gmünd beschränkten Zugriff auf eine digitale Bildungsplattform und auf eine Online-Jobbörse. „Ein schrittweiser Ausbau auf weitere Justizvollzugsanstalten mit Bildungsschwerpunkten ist angedacht“, teilte das Landesjustizministerium mit.

Häftlinge, die kurz vor der Entlassung stehen, brauchen einen Internetzugang, um sich auf das Leben draußen vorbereiten zu können, betont Alexandra Weingart. Denn ohne Internet haben sie schlechtere Chancen bei Bewerbungen. Auch tun sie sich schwerer, eine Wohnung zu finden. Richtig abgehängt seien Langzeitinsassen: „Manche von denen kommen raus und suchen eine Telefonzelle“, sagt Weingart. Einige wüssten nicht, wie man eine SMS schreibt.

Der Tübinger Kriminologe Jörg Kinzig bekommt gelegentlich Post aus dem Gefängnis. Häftlinge bitten ihn um Rechtsberatung oder haben andere Anliegen. „Ich erkenne die Briefe aus dem Vollzug fast immer daran, dass sie entweder mit der Hand oder mit der Schreibmaschine geschrieben wurden“, erzählt Kinzig. Auch er stimmt Weingart zu: „Wenn man Resozialisierung ernst nimmt, sollte man die Gefangenen nicht vollkommen von den digitalen Medien abkoppeln.“ Denn gerade in der modernen Arbeitswelt sei digitale Kommunikation nicht mehr wegzudenken. Zudem gilt in allen Strafvollzugsgesetzen der Länder der „Angleichungsgrundsatz“. Dieser lautet, wie Kinzig erklärt: „Das Leben im Gefängnis soll so weit wie möglich dem Leben in Freiheit angeglichen werden.“

Beispiel: JVA Schwäbisch Hall

Generell gilt, dass die Resozialisierung besser gelingen kann, wenn ein Gefangener Kontakte zur Außenwelt hat. Welche Möglichkeiten gibt es dafür in baden-württembergischen Gefängnissen? Vollzugsabteilungsleiterin Teresa Mazzarella von der Strafvollzugsanstalt Schwäbisch Hall erklärt, wie die knapp 370 Insassen ihre Verbindungen nach draußen halten können. Gefangene können dort Briefe schreiben und einmal pro Woche 10 bis 15 Minuten über die Flurtelefone ein Gespräch führen. Dafür müssen sie einen Antrag für einen Telefontermin stellen.

Die Besuchszeiten wurden aufgrund der Corona-Pandemie stark reduziert: Lediglich eine Stunde Besuch im Monat sind momentan noch gestattet. „Das ist das gesetzliche Mindestmaß, sonst sind es eigentlich vier Stunden im Monat“, erklärt Mazzarella.

Das Coronavirus hat in Schwäbisch Hall für einen Digitalisierungsschub gesorgt. Seit einigen Monaten können Gefangene wählen zwischen Videotelefonie oder persönlichen Besuchen. Dieses Angebot sei flächendeckend in den baden-württembergischen Gefängnissen eingerichtet worden, berichtet Landesvorstand Alexander Schmid vom Bund der Strafvollzugsbediensteten. Seiner Auffassung nach, spricht nichts dagegen, dass Videotelefonie auch nach der Pandemie weiter genutzt wird.

In Haftanstalten verboten sind Handys. Allerdings tauchen sie immer wieder auf. „Wir wissen nicht, wie sie dort hineingelangen“, sagt Mazzarella. Sie vermutet aber, dass Besucher sie einschleusen oder über Lieferanten oder Drohnen in Gefängnisse gelangen.

Eine Frage der Sicherheit

In der JVA Schwäbisch Hall ist die Internet-Nutzung auf Videotelefonie beschränkt. Der Kontrollaufwand wäre sonst zu hoch, meint Mazzarella.

In den Augen von Alexander Schmid stößt die Digitalisierung des Strafvollzugs wegen Sicherheitsbedenken an Grenzen. Gerade im Bereich des Dark-Nets sei es sehr schwer, Kontrolle zu wahren. Er kann sich nicht vorstellen, dass es hierfür sichere Lösungen gibt. Außerdem schiebt er nach: „Resozialisierung gelingt nicht durch Digitalisierung, sondern durch mehr geschultes Personal.“

Zum Artikel

Erstellt:
7. November 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
7. November 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. November 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App