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Energie

Kein Grund für Panikkäufe

Nach den Angriffen auf Öl-Anlagen in Saudi-Arabien sind die Preise für Rohöl international kräftig gestiegen. Experten rechnen aber mit einer baldigen Beruhigung.

17.09.2019

Von DIETER KELLER UND MARTIN GEHLEN

Bei der Ölförderung anfallendes Gas wird abgefackelt. Foto: Foto. Bernard Gerard / Eye Ubiquitous

Berlin. Kurzfristig hatten die Drohnenangriffe auf die größte Ölraffinerie in Saudi-Arabien dramatische Auswirkungen an den internationalen Rohstoffbörsen: Zu Handelsbeginn stiegen die Preise gestern um bis zu 20 Prozent. Allerdings beruhigten sie sich bald wieder. Später kostete ein Barrel, also 159 Liter, der Nordsee-Sorte Brent 65,33 Dollar (59,39 Euro). Das waren fast acht Prozent mehr als am Freitag. Für die nächsten Tage rechnen viele Experten mit einer weiteren Beruhigung. Trotzdem stellen sich viele Fragen.

Wie groß ist der Schaden in Saudi-Arabien? Das Königreich steuert etwa zehn Prozent zur weltweiten Förderung von täglich rund 100 Millionen Barrel bei. Saudi-Arabien musste seine Produktion nach Angaben von Ölminister Prinz Abdulaziz bin Salman um 5,7 Millionen Barrel herunterfahren. Das ist der größte Einbruch in der Geschichte der Golfregion. Unklar ist, wie schnell eine Reparatur möglich ist. Experten halten die Schäden für sehr gravierend und kalkulieren die Reparaturarbeiten auf Wochen und Monate. Dagegen spielten die Saudis den Schaden herunter. Der Chef des staatlichen Erdölkonzerns Aramco, Amin Nasser, kündigte an, die Produktion solle bereits in den nächsten Tagen wieder um zwei Millionen Barrel hochgefahren werden. Zudem solle ein Teil des Ausfalls aus Vorräten kompensiert werden.

Ist die Ölversorgung in Deutschland gefährdet? Nein. Nur 1,7 Prozent des Rohöls, das 2018 in Deutschland verbraucht wurde, stammte aus Saudi-Arabien, Tendenz rückläufig. „Die Ölversorgung ist in vollem Umfang gesichert“, betonte der Mineralölwirtschaftsverband (MWV). Für andere EU-Länder spielt Saudi-Arabien eine wesentlich größere Rolle: Im letzten Jahr stammten 7,6 Prozent der Erdölimporte der EU aus Saudi-Arabien. Das Bundeswirtschaftsministerium sieht keine Notwendigkeit, die strategischen Ölreserven anzutasten. Dagegen bewilligte US-Präsident Donald Trump den Zugriff auf die nationalen Ölreserven der Vereinigten Staaten im Fall von Engpässen. Die Menge habe er noch nicht festgelegt. Aber sie werde ausreichend sein, „um die Märkte gut zu versorgen“, twitterte er.

Warum steigen jetzt hierzulande die Preise? Deutschland bezieht zwar kaum Rohöl aus Saudi-Arabien. Aber die Preise werden an den Rohstoffbörsen gemacht, und das weltweit. Daher schwanken sie täglich, und sie reagieren binnen Minuten auf internationale Entwicklungen.

Wird jetzt Autofahren dramatisch teurer? Danach sieht es nicht aus. Zwar kletterten die bundesweiten Durchschnittspreise für Superbenzin und Diesel gestern um ein bis zwei Cent. Doch da sie die Mineralölkonzerne mehrmals am Tag verändern, lässt sich daraus noch keine Tendenz ablesen. Im August waren nach Angaben des MWV Superbenzin mit durchschnittlich 144,8 Cent pro Liter und Diesel mit 124,6 Cent deutlich günstiger als noch im Juni.

Soll ich schnell noch den Heizöltank vollmachen? Keine Panik, schon weil die Versorgung gesichert ist. Zwar stieg der Heizölpreis am Montag je nach Region um drei bis fünf Cent je Liter. Das waren aber immer noch fast zehn Prozent weniger als vor einem Jahr, erinnert sich Hans-Jürgen Funke vom Verband für Energiehandel. „Ich sehe keine dramatische Entwicklung.“ Wenn es keinen kriegerischen Konflikt gibt, rechnet Funke wieder mit einem Preisrückgang. Allerdings sollten sich die Verbraucher rechtzeitig um Nachschub kümmern, ehe der Tank leer ist. Eine Regel, dass Heizöl im Sommer günstiger ist als im Winter, gebe es nicht.

Wie geht es weiter? „Ruhe bewahren ist die richtige Strategie“, sagte Galina Kolev vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) unserer Zeitung. Die Situation sei nicht mit dem zweiten Golfkrieg 1991 zu vergleichen, als sich der Ölpreis kurzfristig verdoppelte, aber binnen einiger Monate zum alten Wert zurückkehrte. Heute federten die USA mit ihrer eigenen Ölförderung mit Hilfe des umstrittenen Fracking-Verfahrens viel ab. In den nächsten Tagen dürften die Preise weiter schwanken, auch an den Tankstellen. Mittelfristig rechnet sie aber mit einer Beruhigung.

Drohen die Ereignisse die Konjunktur weiter abzuwürgen? Darüber wird wild spekuliert, aber keiner kann viel sagen. Neben den Unsicherheiten durch die internationalen Handelskonflikte, den Brexit und die nachlassende Weltkonjunktur wären anhaltend hohe Ölpreise schlecht. Steigen sie nur vorübergehend, rechnet die IW-Konjunkturexpertin Kolev kaum mit spürbaren Auswirkungen. Sollte allerdings der Ölpreis dauerhaft um 20 Prozent steigen, könnte das Wirtschaftswachstum in Deutschland 2020 um etwa 0,05 Prozentpunkte niedriger ausfallen und 2021 um rund 0,1 Prozentpunkte, hat Kolev ausgerechnet. China wäre aufgrund seiner hohen Ölimporte deutlich stärker betroffen.

Dieses Foto zeigt Schäden an der Infrastruktur der Aramco-Ölraffinerie. Foto: Uncredited/U.S. Government/DigitalGlobe/AP/dpa

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Erstellt:
17. September 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. September 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. September 2019, 06:00 Uhr

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