Cold Cases

„Kein Fall wird vergessen“

In Baden-Württemberg könnte die Bearbeitung von ungelösten Tötungsdelikten bald zentralisiert werden. Vorbilder dafür gibt es.

06.04.2020

Von DOMINIQUE LEIBBRAND

So mancher Tatort gibt der Polizei ein Rätsel auf. Doch immer wieder gelingt auch nach Jahren eine Aufklärung. Foto: dpa

Stuttgart. Es ist der 14. Juli 1995. Brigitta J. hat lange gearbeitet, gegen halb zwölf Uhr abends macht sie Feierabend. Die Stuttgarterin arbeitet als Aushilfe in einem Sindelfinger Modeunternehmen. Jetzt will sie mit der S-Bahn nach Hause fahren. Doch so weit kommt es nicht. Unterwegs wird sie von einem Mann angegriffen und mit mehreren Messerstichen ermordet. Die Suche nach dem Täter bleibt ergebnislos.

Bis jetzt. Im Februar dieses Jahres wird der 69-jährige Hartmut M. in einer Hamburger Kleingartensiedlung festgenommen. Eine alte DNA-Spur, die dank kriminaltechnischer Weiterentwicklungen besser ausgewertet werden konnte, hatte die Fahnder zu ihm geführt.

Hartmut M. soll 2001 auch eine Ladenbesitzerin aus der Nähe von Schwäbisch Hall getötet haben. Obendrein soll er vom Shell-Konzern unter dem Decknamen „Garibaldi“ mit angedrohten Anschlägen auf Autofahrer Millionen gefordert haben. Bis 2017 saß er deswegen in Haft. Die Polizei glaubt, dass er der Täter von Sindelfingen ist.

Empfehlung aus NSU-Ausschuss

Der Mord an Brigitta J. firmierte bei der Polizei jahrelang als Cold Case. Der Begriff beschreibt Fälle, die eingestellt wurden, weil es keinen neuen Ermittlungsansatz gab. „Das bedeutet aber nicht, dass sich niemand mehr damit beschäftigt, die Fälle werden nicht vergessen“, sagt Sabine Rieger, Kriminalhauptkommissarin beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg. Wie genau solche Fälle aber weiter bearbeitet werden, dafür gibt es keine einheitliche Vorgehensweise im Land. „Aktuell ist es so, dass die Präsidien für Cold Cases in ihrem Zuständigkeitsbereich verantwortlich sind, sie regeln die Bearbeitung unterschiedlich.“

Das könnte sich ändern: Als Reaktion auf den NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags haben mehrere Bundesländer die Bearbeitung von Cold Cases bei ihren Landeskriminalämtern gebündelt – entweder in einer eigenständigen Einheit als Cold Case Investigation Unit oder über konzentrierte Abläufe, darunter Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Nun wird auch im Südwesten darüber nachgedacht, wie man den Empfehlungen des NSU-Ausschusses gerecht werden kann. Bei der damaligen Mordserie folgerten weder Polizei noch Geheimdienst, dass eine rechte Terrorzelle hinter den Taten stecken könnte.

Seit 2019 hat sich eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Sabine Rieger mit der Thematik beschäftigt. Dabei sei es um mögliche neue Organisationsstrukturen und um Fragen gegangen wie: „Was verstehen wir unter einem Cold Case? Und wo ziehen wir zeitlich die Grenze? Die Ergebnisse sollen demnächst präsentiert werden.

Eine Zentralisierung könne die Vernetzung fördern und eine fundierte Dokumentation ermöglichen, fasst Rieger die Erfahrungen aus anderen Bundesländern zusammen. Sie nennt auch das Präsidium Stuttgart als gutes Beispiel, wo die Bearbeitung bei einem Kollegen angesiedelt ist. Joachim Beerweiler ist bei der Kripo Stuttgart für ungelöste Tötungsdelikte zuständig. Mit seinem Kollegen Pit Schühlen hat er alle Fälle aufbereitet, die Akten lägen griffbreit, wie Beerweiler sagt. Ein wichtiger Vorteil, wenn ein Hinweis reinkomme. Rund 40 ungelöste Fälle in Stuttgart hat er auf der Liste.

Wie viele Cold Cases es in Baden-Württemberg gibt, ist unklar. Das Datenmaterial sei nicht valide und die Erhebung noch nicht abgeschlossen, sagt Rieger. NRW beispielsweise geht von 1100 ungeklärten Verbrechen seit 1970 aus (siehe Infobox). In der Gesamtstatistik bilden Cold Cases indes nur einen kleinen Teil der Tötungsdelikte ab, die meisten Morde werden aufgeklärt – im Südwesten liegt die Aufklärungsquote bei rund 95 Prozent.

Technik wird immer besser

Die Chancen, Cold Cases zu lösen, steigen stetig, denn die kriminaltechnischen Möglichkeiten werden immer besser: „Vor 30 Jahren war es etwa nicht möglich, aus einer Hautschuppe DNA zu generieren“, sagt Andreas Krombacher, Sprecher des Landeskriminalamts. Gleichzeitig könne man DNA-Spuren immer genauer zuordnen: „Bis 2011 wurden Täterdaten mit acht Merkmalen gespeichert, heute sind es 16.“

Obendrein gehen bei der Polizei immer wieder Hinweise ein. „Die kommen oft von Angehörigen, die uns bitten, einer Sache nochmal nachzugehen“, sagt Rieger. Für die Kommissarin liegt darin die Motivation: „Wir haben Opfern und Angehörigen gegenüber einen Auftrag.“

Auch Brigitta J.s Tod könnte jetzt doch noch gesühnt werden. Hartmut M. sitzt in U-Haft, in den nächsten Monaten könnte Anklage erhoben werden. 25 Jahre nach der Tat. Möglich ist das, weil Mord nicht verjährt.

Zum Artikel

Erstellt:
6. April 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
6. April 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. April 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App