Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Erfindungen

Kaum Chancen für Fliegen

Vor 65 Jahren hat der Unternehmer Erich Schumm aus Murrhardt den praktischen „Muggabatscher“ aus Kunststoff entwickelt.

23.07.2018
  • HANS GEORG FRANK

Murrhardt. Nichts weniger als eine „bahnbrechende Erfindung“ verspricht die Vitrine Nummer 8. Es handelt sich um ein Utensil, das bisweilen unterschätzt wird, aber eigentlich in jedem Haushalt unverzichtbar ist: die Fliegenklatsche aus Kunststoff, erfunden vor 65 Jahren. Den ebenso handlichen wie effektiven Insektenkiller hat sich Erich Schumm (1907–1979) ausgedacht und als „Gebrauchsmuster“ schützen lassen.

Der Unternehmer, ein gebürtiger Stuttgarter, hat in Murrhardt (Rems-Murr-Kreis) offenbar unablässig über die Erleichterung der alltäglichen Verrichtungen sinniert. Der „Muggabatscher“, wie das Erschlagwerkzeug von Schwaben genannt wird, ist eines der Zeugnisse seines Einfallsreichtums.

Von Insekt geärgert

„Das ist etwas ganz Mörderisches“, lobt der Stadthistoriker und Schumm-Experte Christian Schweizer die Fliegenklatsche aus Kunststoff. Man dürfe wohl davon ausgehen, „dass ihn irgendwann eine Mücke geärgert hat“. Weil sich Erich Schumm von banalen Erlebnissen und Beobachtungen inspirieren ließ, habe er wohl die Klatsche entwickelt. „Eine Zeitung wollte er halt nicht benutzen.“ Das Gelenk zwischen Stiel und Blatt sollte den Bruch verhindern, wenn ein surrender Störenfried mit Schmackes ins Jenseits befördert wird, vermutet Schweizer.

„Die Neuerung besteht im wesentlichen darin, daß der breitflächige Vorderteil der Fliegenklatsche aus sehr weichem, elastisch nachgiebigem Kunststoff besteht“, heißt es im Antrag vom 25. Juli 1953 an das Deutsche Patentamt in München. Ein Gitter ermögliche „beim schnellen Schlagen den Luftdurchtritt“. Wegen der engen Maschen werde „die zu tötende Fliege sicher erfaßt“, garantierte der Erfinder. Bestandteil der Konstruktion ist auch ein Stiel mit „großer Biegungssteifigkeit“.

„Gefälliges Ausehen“

Als ob er bereits um Käufer werben müsste, ließ Schumm seinen Stuttgarter Patentanwalt in dem Brief an die Behörde einen weiteren Vorzug formulieren: „Die neue Fliegenklatsche hat ein gefälliges Aussehen, insbesondere wenn sie in bunten Farben in den Verkehr gebracht wird, was bei der Herstellung aus Kunststoff keine Schwierigkeit bereitet.“

Für Schumm sei es immer darum gegangen, „wie der Haushalt besser bewältigt werden kann, denn da mangelte es ja an vielen Dingen“, weiß Christian Schweizer. Dabei habe er sich stark beeinflussen lassen von seiner Mutter und seinen beiden Ehefrauen.

13 Schaukästen sind nötig, um das Werk des Tüftlers und Unternehmers zu würdigen. Sie stehen in dem nach ihm benannten und finantierten Schumm-Stift an der Fornsbacher Straße. Fachmann Schweizer bietet dort immer mal wieder Führungen an; sonst ist die Leistungsschau täglich von 9 bis 12 und 13 bis 16 Uhr bei freiem Eintritt zugänglich. Kaum bekannt ist, dass Erich Schumm auch die äußerst nützlichen Grabvasen mit der praktischen Spitze zu verdanken sind. Sie sind leicht, stabil und lassen sich ganz einfach in die Erde stecken. „Sie sind ein typisches Beispiel, wie Schumm vor allem den Frauen helfen wollte“, erklärt Schweizer. Diese sollten fortan keine schweren Glasvasen mehr auf den Friedhof schleppen müssen.

Auch Nachttöpfe aus Kunststoff, Vogeltränken für die Gärten, Vogelscheuchen für die Gemüsebeete, Vogelhäuschen fürs Wohnzimmer, Verschlüsse für Plastiktüten, Körbe für Kühlschränke, diverse Formen von Rührschüsseln, ebenso Hauben für Torten und Käse – alles „made by Schumm“. Das Hörbuch gehört auch in diese Galerie: Schumm hatte sich die Idee den Amerikanern abgeguckt.

Christian Schweizer hat bei dem Murrhardter Ehrenbürger eine „kindlich-naive Verspieltheit“ ausgemacht. Er habe alles ausprobieren müssen, was sich irgendwie verwirklichen lasse. Dazu gehörte das kleine Plastikfläschchen in Schoppenform, das mit farbigen Zuckerkügelchen gefüllt wurde und als „Liebesperlen“ längst zum Bestseller wurde. Traubenzucker und sogar Heilerde vervollständigen das Schumm-Sortiment.

Mehr als tausend Patente

Er galt als „Mann der tausend Patente“, aber es seien bestimmt viel mehr gewesen, glaubt Fachmann Schweizer. Schumm habe „unheimlich viel angemeldet“. Manches habe „immens viel Geld verschlungen, aber wenig eingebracht“. Ein bis heute anhaltender Erfolg waren die Handtuchspender mit den Rolltüchern.

Die größte Errungenschaft, eine wahrlich zündende Idee, trägt sogar seinen Namen: Esbit ist die Abkürzung von „Erich Schumm Brennstoff in Tablettenform“. Mit den Würfeln belieferte er während des Zweiten Weltkriegs auch die Wehrmacht.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

23.07.2018, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular