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Kaufrausch im Kaufhaus
Zum Osterfest wird immer mehr und auch teurer beschenkt

Kaufrausch im Kaufhaus

Ostern als das neue Weihnachten? Während früher zum Fest der Auferstehung Christi oft ganz bescheiden nur ein paar Schokoladeneier im Nest lagen, wird nun immer mehr und immer teurer beschenkt.

23.03.2016
  • CHRISTIAN NICK

Ulm/Stuttgart. Eigentlich ist es doch eine Binsenweisheit: Der Weihnachtsmann kann mehr tragen als der Osterhase. Doch dieses scheinbar unumstößliche Gesetz des christlich unterfütterten Materialismus geriet in den vergangenen Jahren ordentlich ins Wanken. Ostern ist Kommerz geworden: Der deutsche Spielwarenhandel macht nach eigenen Angaben in einem Ostermonat mittlerweile über 30 Millionen Euro Mehrumsatz. Das meiste Geld für Spielzeuggeschenke geben die Deutschen in den zwei Wochen vor dem Auferstehungsfest und in der Woche danach aus.

Damit ist Ostern nach Weihnachten und Geburtstagen der drittwichtigste Geschenkanlass. Hauptsächlich für Kinder - aber auch die Älteren greifen für österliche Präsente immer tiefer ins Portemonnaie, berichtet Henning Kroner, Geschäftsführer des Ulmer City-Marketings: "Wir beobachten diesen Trend seit etwa fünf Jahren. Ostern wird für Händler zunehmend bedeutsamer." So floriere vor dem Fest der Absatz von Geschenkgutscheinen - in den Verkaufsstellen des städtischen Marketings wie auch per Internet.

"Wir hoffen immer auf gutes Wetter". Warum? "Bei Sonne und warmen Temperaturen wird auch mehr umgesetzt. Wenn es nach Frühling riecht, animiert das die Menschen, sich für den kommenden Sommer auszustatten": Utensilien für die Gartenarbeit oder Frühjahrs- und Sommermode, die denn auch gerne zur Osterzeit von den Herstellern präsentiert wird. Dass auch die Gewerbetreibenden diese Zeichen der Zeit erkannt haben, weiß die Geschäftsführerin der Stuttgarter "City-Initiative", Bettina Fuchs, zu berichten. "Man versucht, das kalendarische Ereignis bewusst zu inszenieren: Die Deko wird intensiviert, Frühlingsthemen aufgegriffen."

Mit Erfolg: Der Rubel rollt wie Ostereier auf abschüssiger Strecke. Bestimmte Branchen profitieren ganz besonders vom Geschenke-Boom. Für die Lebensmittelindustrie ist Ostern nach Weihnachten die umsatzstärkste Zeit. 2015 wurden allein für den deutschen Markt 127 Millionen Schoko-Osterhasen produziert. In die Kassen der Hersteller von Spielzeug spült das Fest fast gleich viel Geld wie im Dezember, berichtet Sabine Hagmann. Die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg rechnet auch diesmal mit "guten Umsätzen" - denn die Steigerung gegenüber früheren Jahren sei offensichtlich. Heuer kommt auch noch die finanzpolitische Großwetterlage hinzu: Die Zinsen sind auf Tiefstand - das katalysiert den Konsum.

Was Sparer schreckt, freut den Handel, der auch über den gesellschaftlichen Trend jubiliert, den Hagmann so formuliert: "Die Wünsche werden größer." Diese Entwicklung bestätigt denn auch Doris Lindhorst, Geschäftsführerin eines großen Ulmer Kaufhauses. Und das durchaus nicht nur aus der Warte ihrer beruflichen Position: "Wenn ich mich in meinem Bekanntenkreis umschaue, beobachte ich auch, dass die Geschenke teurer und zahlreicher werden."

Die Verkaufsschlager des kommerziellen Ostermarsches? "Für Kinder die Klassiker Lego oder Playmobil. Und immer mehr Kommunikations- und Unterhaltungselektronik." Aber auch Schulranzen gehen vor Ostern gut: Großeltern oder Tanten sorgen schon mal für die Einschulung im Sommer vor. Erwachsene legen sich vorzugsweise Uhren, Schmuck sowie teure Flakons wohlriechender Flüssigkeiten ins Osternest.

Was Industrie und Handel Dollarzeichen in die Augen treibt, sehen andere indes kritisch: Kirchenleute beklagen, dass die Kommerzialisierung vom Gedanken an die Auferstehung und Erlösung Christi ablenke. Ganz handfeste Sorgen angesichts der Geschenkeflut, mit der manche Eltern nun auch an Ostern bis zum Exzess ihren Nachwuchs überschütten, machen sich hingegen Erzieher und Psychologen.

"Vielen Vätern und Müttern fehlt es am Bewusstsein für das Wesentliche", sagt die Stuttgarter Psychotherapeutin Dr. Christiane Goerlich: Nämlich die wahren, ganz immateriellen Bedürfnisse der Kinder zu erkennen. "Wenn Zeit und Zuwendung Mangelware sind, packt man halt mehr ein." Sei dies der Regelfall, könne solcherlei falsch verstandene Aufmerksamkeit drastische Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung entfalten - bis hin zu narzisstischen Störungen.

Der Rat der Psychologin: Nicht zu viel schenken - sondern bewusst. "Aus einem Überangebot suchen sich Kinder ohnehin nur wenige Objekte heraus, zu denen sie dann eine Beziehung aufbauen."

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23.03.2016, 08:30 Uhr
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