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Musik muss nicht übersetzt werden

Kathryn Doehner ist Fachfrau für die musikalische Begegnung verschiedener Kulturen

Dass sie vor Deutschland nicht mehr „flüchten“ sollte, wurde ihr letztlich erst durch die Begegnung mit Menschen anderer Kulturen klar. Ihre eigene „Integration“ als Musikerin gelang spielend: Seit drei Jahren in Tübingen ist Kathryn Doehner schon so etwas wie das lokale Gesicht der Ethnomusik, Teil diverser Musikensembles und Anlaufstelle für alle, die bei Geigenspiel nicht in erster Linie an klassische Musik denken. Das von ihr initiierte und geleitete Vhs-Folklang-Projekt könnte angesichts des Flüchtlingsstroms Schule machen.

09.10.2015
  • Peter Ertle

Tübingen. Jeden Mittwoch von 18.15 Uhr bis 20 Uhr treffen sich im Werkstadthaus im Französischen Viertel Menschen aller Herren Länder, bringen ihre Instrumente oder auch „nur“ ihre Stimme mit, bestenfalls auch Volkslieder ihrer Heimat – die dann von allen gemeinsam geprobt werden. Das geht ganz ohne Sprachkenntnisse, Musik ist international, Musik verbindet.

Jeden zweiten Mittwoch wandert die Bagage danach in die Pausenhofkneipe am Sternplatz zur Folklang-Jamsession, wo es dann inoffiziell und spontan weiter geht, regelmäßig platzt die Kneipe vor Zuhörern und Musikern aus den Nähten. Ein hervorragendes Mittel zur Integration von Flüchtlingen, inzwischen auch entsprechend von der Stadt und dem Innenministerium des Bundes gefördert– wobei das Projekt gar nicht primär mit diesem Gedanken entstand. Sondern einfach aus Lust am Miteinander verschiedener Kulturen. Und der eigenen Erfahrung eines Mangels: Als die Geigerin vor Jahren bei einem großen Ethnomusikprojekt dabei war, bei dem die Musiker voller Freude und Stolz Volkslieder ihrer Heimatländer vorstellten, fiel ihr auf, dass sie selbst gar kein deutsches Volkslied kannte, zu dem sie eine ähnliche Verbindung spürte. Möglicherweise ein Erbe der gestörten deutschen Geschichte. Und vielleicht gab es auch einen ganz persönlichen Akzent: „Ich habe gemerkt , dass ich die ganze Zeit, warum auch immer, vor Deutschland weglaufe.“ Sie beschloss, wieder zurückzukehren. Und selbst ein Ethno-Projekt aufzubauen.

In Schwäbisch Hall aufgewachsen, spielte Kathryn Doehner geich nach der Schule in einem lateinamerikanischen Ensemble, wiederholt zog es sie daraufhin für lange Monate nach Brasilien, der Liebe wegen. Nach Brasilien folgten neun Jahre Irland, wo die Geige beliebt ist und – möglicherweise als Antwort auf das Inseldasein – eine große Ethnomusik-Freudigkeit herrscht. Viel spielte sie zusammen mit Stuart Wilde , einem auf den Spuren von Bob Dylan und Tom Waits komponierenden Musiker – er war im Frühjahr zu Gast in Tübingen.

In Irland studierte Kathryn Doehner Alexandertechnik, die lehrt, dass es weniger aufs Notenlesen denn auf die richtige Haltung, das richtige Atmen, das richtige Denken ankommt. Heute ist sie selbst Lehrerin in Alexandertechnik, aufgrund mangelnder zeitlicher Kapazitäten ist das aber bei ihrem Geigenunterricht etwas in den Hintergrund gerückt. Viele Kinder und Jugendliche, aber auch etliche Erwachsene, die ihr als Kind begonnenes Geigenspiel wieder auffrischen und erweitern wollen, lernen bei ihr – mit und ohne Noten.

Warum die aus Irland Zurückkehrende Tübingen wählte? Weil es nicht zu weit von ihrer Herkunftsfamilie in Schwäbisch Hall sein sollte und sie das Stadtmarketing Tübingens überzeugte. Seitdem wohnt die alleinerziehende Mutter einer Tochter im Französischen Viertel. Neben ihrem Folklang-Projekt ist sie in jeder Menge Musikgruppen mit von der Partie. Um nur drei zu nennen: Da ist zum einen das Trio Tonal, in dem sie zwischen afro-peruanischen Cajonbeats und Tupfern von Tango und Rumba ihrer frühen brasilianischen Vergangenheit begegnet. Gemeinsam mit der Indien-erfahrenen österreichischen Geigen- und Jodelspezialistin Claudia Schwab ist sie außerdem eine Hälfte des transkulturellen Experiment-Frauenduos Ants on Glass, wo reich improvisierte Minimal-Melodiebögen mit elektronischen Loops und Effekten unterstützt werden. Neu wiederum ist ihre Zusammenarbeit mit Wolfgang Reichert und Cocosafir im Trio Cocoperation.

Info: Heute um 20 Uhr tritt Kathryn Doehner im Ensemble Cocosafir im Rottenburger Amadeaus auf, am Mittwoch um 20 Uhr ist sie im Ensemble Ants on Glass im Club Voltaire zu Gast.

Kathryn Doehner ist Fachfrau für die musikalische Begegnung verschiedener Kulturen
Kathryn DoehnerBilder: privat

Kathryn Doehner ist Fachfrau für die musikalische Begegnung verschiedener Kulturen
Kathryn Doehner (ganz rechts) als Dozentin des Germany-Ethno-Festivals in der Burg Lichtenberg diesen Sommer.

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09.10.2015, 12:00 Uhr
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