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Der Papst soll es richten

Katholische Bischöfe lassen Umgang mit Wiederverheirateten und Homosexuellen offen

Die katholische Kirche wandelt sich langsam. Zwar hat sich die Familiensynode auf ein Abschlussdokument geeinigt. Konkrete Lösungen für kontroverse Fragen bietet es nicht. Nun hat der Papst das letzte Wort.

26.10.2015
  • BETTINA GABBE

Die Bischofssynode über Ehe und Familie hat sich um eine neue positivere Sprache im Umgang mit Partnerschaften von heute bemüht. Wiederverheiratete Geschiedene gelte es so weit als möglich zu integrieren, empfehlen die Bischöfe aus aller Welt Papst Franziskus in ihrem 94 Punkte umfassenden Abschlussdokument. Wie dies geschehen soll, überlassen sie sicherheitshalber dem Pontifex. Andernfalls wäre die angestrebte breite Mehrheit bei der Abstimmung über das Schlussdokument nicht zustande gekommen. Sie soll Einheit demonstrieren. Als oberster Brückenbauer muss Franziskus nun Entscheidungen für die wachsende Anzahl von Familien treffen, deren Lebensumstände das Dokument vorsichtig als "komplexe Situationen" bezeichnet.

Eine Kirche, die nicht vornehmlich als Richter sondern als Helfer in schwierigen Lebenslagen wahrgenommen werden will, entspricht dem Wunsch des Papstes und des Münchner Kardinals Reinhard Marx nach einer Kirche mit offenen Türen. Ein Protestbrief von dreizehn Kardinälen über die Arbeitsmethode der Synode, hinter der sie Manipulation witterten, sprach dagegen die Sprache der Verschwörungstheorien, die Franziskus so sehr verabscheut.

Zu den Unterzeichnern des Briefs gehörte mutmaßlich auch der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Vor der Synode hatte er Möglichkeiten für einen Zugang wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion ausgeschlossen.

Bei den Beratungen in der deutschen Kleingruppe zeigte der von seinen Gegnern als Hardliner verschriene oberste Glaubenshüter sich jedoch am Ende kompromissbereit. Ohne ihn hätte der deutsche Vorschlag für wiederverheiratete Geschiedene nicht einstimmig verabschiedet werden können. Die Zustimmung Müllers zu diesem Vorschlag war für viele die eigentliche Überraschung der Synode.

Wie groß die kulturellen Unterschiede zwischen den Bischöfen insgesamt waren, machte der afrikanische Kurienkardinal Robert Sarah deutlich. "Was im 20. Jahrhundert Nazi-Faschismus und Kommunismus waren, das sind heute westliche Ideologien über Homosexualität und Abtreibung sowie der Islamistische Fanatismus", sagte der Präfekt der Gottesdienstkongregation bei der Synode.

Die deutsche Sprachgruppe bat dagegen Homosexuelle und wiederverheiratete Geschiedene für das Leid, das die Kirche durch ihre harte Haltung in der Vergangenheit über sie gebracht habe, ausdrücklich um Vergebung. Sie zeigte Wege auf, wie wiederverheiratete Geschiedene in Einzelfällen wieder zur Kommunion zugelassen werden können. Sie kritisierte Gegner von Reformen wie den australischen Kurienkardinal George Pell. Seine Behauptung, bei der Synode gehe es um die entscheidende "Schlacht" zwischen Bewahrern der katholischen Lehre und gefährlichen Reformern verurteilten sie offen als "falsch und verletzend".

Trotz aller, nicht immer fair ausgetragener Grabenkämpfe bei der Bischofsversammlung zogen die deutschen Synodenväter am Ende eine positive Bilanz. Die erwartete Enttäuschung in Deutschland über mangelnde Fortschritte bei der Anerkennung moderner Lebensrealitäten hatten sie dabei sehr wohl im Auge: "Im Rückblick hätten wir uns manches Mal mehr Mut gewünscht, sich intensiver mit den Realitäten zu befassen und sie als Zeichen der Zeit anzuerkennen, in denen Gott uns etwas sagen will." Für Kardinal Marx, den Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, und den Bischof von Osnabrück, Franz-Josef Bode, ist aber vor allem wichtig, anzuerkennen, "dass wir gelernt haben, uns auf andere Kulturen und Erfahrungen einzulassen". Noch am letzten Beratungstag hatte ein Synodenteilnehmer Homosexualität als Krankheit eingestuft. Eine solche Sichtweise als Ergebnis kultureller Unterschiede zu sehen, dürfte nicht allen leichtgefallen sein.

Im Vatikan war in den vergangenen Wochen der Eindruck entstanden, dass der Papst als oberste Autorität, die nach der Synode und ihren Konflikten als einzige Instanz Entscheidungen trifft, durch gezielte Störmanöver geschwächt werden sollte. Dazu gehörte ein Bericht über einen angeblichen Hirntumor des Papstes ebenso wie der auf Druck von Medien erfolgte Schritt eines Monsignore aus der vatikanischen Glaubenskongregation, der seine Homosexualität am Tag vor dem Beginn der Synode öffentlich machte. Unter diesen Umständen fanden zwar offenbar hitzige Debatten zwischen den Synodalen über Homosexualität statt. Das Abschlusspapier erinnert in diesem Zusammenhang jedoch nur noch daran, dass Gottes Liebe und Gnade "ohne Ausnahme" allen gelte. Eigentlich müsse man Mitleid mit den Betroffenen haben, klingt zwischen den Zeilen des Absatzes über die Notwendigkeit einer besonderen Begleitung von Familien mit Homosexuellen in ihrer Mitte durch.

Nach dem Ende der Synode steht die Kirche dort, wo sie vor anderthalb Jahren stand, also vor einer Befragung der Gläubigen in aller Welt zum Thema Familie und zwei Bischofsversammlungen. Dass deutsche Bischöfe anders mit Familien von heute umgehen als Kurienkardinäle aus Guinea, verwundert niemanden. Offen bleibt aber die Frage, ob es den Synodenprozess brauchte, wenn ohnehin allein der Papst Entscheidungen trifft.

Franziskus hatte vermutlich gehofft, dass es breitere Mehrheiten für eine Öffnung der Kirche gibt. Der bewusst vage Abschlussbericht der Synode deckt nun viele mögliche Papstentscheidungen ab, auch die von Franziskus gewünschte Dezentralisierung von Entscheidungen. Sie könnte Konservativen und Reformern Spielraum für die Umsetzung der je eigenen Interpretation der katholischen Lehre geben.

Veränderungsprozesse vollziehen sich in einer 1,2 Milliarden Menschen umfassenden Gemeinschaft nicht rasch. Die neue Offenheit, mit der die Bischöfe bei der Synode anders als bei früheren Zusammentreffen diskutierten, ist für viele bereits ein positives Ergebnis. Es dient dem Papst dazu, seine Entscheidungen auf eine breite Basis zu stellen. Kurz vor Ende der Synode hatte er die Teilnehmer gemahnt: "Die Zeiten ändern sich, und ein Christ ändert sich mit ihnen."

Katholische Bischöfe lassen Umgang mit Wiederverheirateten und Homosexuellen offen
Mahnende Worte? Papst Franziskus im Gespräch mit einer kleinen Gruppe der 270 Bischöfe am Rande der Synode. Foto: dpa

  • Wiederverheiratete: Die Bischöfe sprachen sich dafür aus, mehr Offenheit zu zeigen und den jeweiligen Einzelfall zu betrachten. Die Zulassung zur Kommunion wird aber nicht direkt angesprochen.
  • >Homosexuelle: Das Abschlussdokument betont, Homosexuelle müssten mit Respekt behandelt und anerkannt werden.
  • >Familie: Einig waren sich die Bischöfe, dass der Wert der Familie für die Gesellschaft und ihre Bedeutung in der Welt betont und positiv gesehen werden müsse.
  • >Wilde Ehe: Die Situation von Paaren, die ohne Trauschein zusammenleben, wird im Schlussdokument angesprochen und nicht nur negativ gesehen.
  • >Frauen: Die Synode würdigt die wichtige Rolle der Frau in der Gesellschaft, in der Kirche wünscht sie sich zudem mehr Verantwortung und Entscheidungsbefugnisse für Frauen. dpa

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26.10.2015, 12:00 Uhr
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