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Einzelhandel

Karte zücken für eine Brezel

Viele Menschen wickeln ihre Käufe bargeldlos ab. Der Trend macht sich auch in Bäckereien und Cafés in der City bemerkbar – wenn auch langsam.

17.06.2019

Von Nadja Otterbach

In vielen Läden in Stuttgart können Kunden digital bezahlen, nur einige halten noch am Bargeld fest. Foto: Robert Kneschke - fotolia.com

Ein Morgen im quirligen Stuttgarter Westen. Aus der U-Bahn an der Schwab- und Bebelstraße steigt eine Traube Menschen aus. Einige biegen in die Bäckerei „Brotfreunde Grau“ ab, um sich einen Kaffee oder ein belegtes Brötchen zu holen. Die meisten bezahlen bar. Aber nicht alle. Seit ein paar Wochen brauchen die Kunden weder Münzen noch Scheine, um hier einzukaufen. Auf einer Schiefertafel steht: „Jetzt neu bei uns: EC-Kartenzahlung“. Damit folgt der Betrieb einem Trend, der in vielen Ländern längst Alltag ist.

Während in Schweden Zahlungen fast ausschließlich digital abgewickelt werden und sogar die Verkäufer von Obdachlosen-Zeitschriften mobile Kartenlesegeräte bei sich tragen, haben die Deutschen den Ruf, ihr Bargeld zu lieben. Das tun sie noch immer, doch wickeln immer mehr Verbraucher ihre Käufe bargeldlos ab, wie das Handelsforschungsinstitut EHI ermittelt hat. 2018 wurde im stationären Einzelhandel zum ersten Mal mehr Geld mit Karte ausgegeben als in Scheinen und Münzen. Herausgekommen ist aber auch, dass bei kleinen Summen nach wie vor am liebsten bar bezahlt wird.

Dennoch rüsten immer mehr kleine Läden technisch auf, weil die Nachfrage merklich steigt. In der Bäckerei „Brotfreunde Grau“ können Cent-Beträge, etwa für eine einzelne Brezel, noch nicht digital beglichen werden. Die Gebühren für die Transaktionen seien unverhältnismäßig hoch, sagt Mitarbeiterin Friderike Ließke. Ab einem Einkaufswert von zehn Euro können Bürger mit Karte bezahlen. „Vor allem unsere Stammkunden freuen sich darüber“, sagt Ließke. Bereits vor zwei Jahren hat man im Laden außerdem eine Kundenkarte eingeführt, die aufgeladen und ebenfalls als Zahlungsmittel genutzt werden kann.

Annemarie Wilk handhabt das ähnlich. Wer in ihrem Obst- und Gemüseladen „Stuttgarter Früchtle“ mindestens zehn Euro ausgibt, braucht dafür kein Bares mehr. Doch macht sie die Erfahrung, dass immer noch etwa 80 Prozent der Kunden Paprika und Co. bar bezahlen wollen.

Anders bei „HanserBäck“ nahe der S-Bahn-Station Schwabstraße. Die Bäckerei stellt seit wenigen Monaten ein Lesegerät für EC-Karten bereit, „weil die Nachfrage definitiv da ist“, sagt eine Mitarbeiterin. Hier kann man auch ein einzelnes Brötchen oder eine Brezel digital bezahlen. Bei Backwerk läuft es genauso. Immer mehr Pendler nutzen dafür Smartphone oder Smartwatch. Das gehe ruckzuck und sei unkompliziert, sagt die junge Kassiererin. In Bäckerläden, die sich bisher noch nicht dazu durchgerungen haben, ist das digitale Zeitalter zumindest ein Thema, etwa bei Veit oder im Backhaus in der Stadtmitte.

Stefan Körber, Hauptgeschäftsführer vom Landesinnungsverband für das Württembergische Bäckerhandwerk, glaubt, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis wirklich jeder Bäcker in der Landeshauptstadt ein Lesegerät angeschafft haben wird. Auch er nennt die Gebühren als Grund und fordert: „Bei niedrigen Beträgen müssen die gegen null tendieren.“

Touristen bezahlen meist digital

Für Astrid Christ war von Anfang an klar, dass ihre Kunden kein volles Portemonnaie brauchen, um bei ihr einen Cappuccino zu trinken. Sie betreibt das Café „Kuchenliebe“ am Wilhelmsplatz und hat selbst fast nie Bargeld bei sich. Sie kennt das unangenehme Gefühl, an der Kasse zu stehen und zu registrieren, dass Kartenzahlung nicht möglich ist. Das möchte sie ihren Gästen ersparen, zudem ist sie der Meinung: „In der Innenstadt gehört das einfach dazu.“ Zumal viele Touristen aus Spanien, Asien oder auch Amerika zu ihr kommen, die es aus der Heimat nicht mehr anders kennen. Mindestens 30 Prozent ihrer Kunden bezahlen digital, schätzt sie. Tendenz steigend. Mit den Gebühren, die bei jeder Transaktion entstehen, kann sie leben. Sie hat mit ihrer Hausbank erfolgreich verhandelt, sagt Christ. „Ich denke, da gibt es immer einen gewissen Spielraum.“

Im Café „Gustav“ an der Schwabstraße gibt's den Coffee to go weiterhin nur gegen Cash. Das bringt manchen unzufriedenen Kunden mit sich, gibt eine Mitarbeiterin zu. Dennoch hält das Lokal fest am Konzept: Wer mit Karte bezahlen möchte, muss 15 Euro ausgeben. Wer das nicht möchte, muss zum Geldautomaten. Drei stehen in unmittelbarer Umgebung.

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Erstellt:
17. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Juni 2019, 06:00 Uhr

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