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Waidmänner am Scheideweg

Karlsruher Grundbesitzer klagt: Er will Jägerei im eigenen Wald verbieten lassen

Wenige Themen sind in Deutschland so umstritten wie die Jagd. Die einen halten sie für ein martialisches Privatvergnügen - für viele ist sie schiere Notwendigkeit. Jäger sehen sich als Naturschützer.

31.12.2011

Von ANDRÉ BOCHOW

Berlin Der Wildschweinschädel ist beeindruckend. Er passt nur nicht recht in das Neubaubüro in der Berliner Friedrichstraße. Weil aber das Haupt des Keilers an der Geschäftsstellenwand des Deutschen Jagdschutzverbandes DJV hängt, hat wohl alles seine Richtigkeit.

Als das Tier erlegt wurde, schrieb man das Jahr 1912. Berichtet der Pressesprecher des Verbandes, Torsten Reinwald. Sein Chef, Präsident Hartwig Fischer, konterkariert mit seinem Tablet-Computer auf den Knien die historische Schwarzwildtrophäe. Fischer wurde erst im Juni Verbandschef. Seit 2002 sitzt der Christdemokrat im Bundestag.

Wie viele Jagdgegner es gibt, ist unbekannt. Aber es fehlt nicht an Zusammenschlüssen, die sich mit Vehemenz gegen das Jagen wenden. Am bekanntesten ist wahrscheinlich die "Initiative zur Abschaffung der Jagd" - ein Netzwerk, das unverdrossen Demonstrationen organisiert und gern den ehemaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss zitiert. Und zwar mit den Worten: "Jagd ist eine Nebenform menschlicher Geisteskrankheit."

Selbstredend ist Hartwig Fischer, der schon als Kind mit Jagen, Angeln und der Falknerei vertraut gemacht wurde, völlig anderer Meinung. Für ihn ist die Jagd unverzichtbar. Er sagt: "Wir haben nicht mehr die Beutegreifer, die es früher gab. Nahrungsangebot und Lebensraum für die Tiere haben sich in unserer Kulturlandschaft völlig verändert." Deswegen müsse der Mensch regulierend eingreifen.

Muss er nicht, wird gerade vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg behauptet. Vor dem klagt ein 56-Jähriger aus Stutensee in Baden-Württemberg. Es geht darum, dass er nach deutschem Recht als Besitzer von Wald oder Wiesen auf einer Fläche von unter 75 Hektar die Jagd auf seinem Grund und Boden dulden muss. Das Jagen sei unsinnig, wenn das Wild sich ständig ins kleinflächige Asyl begeben könnte, meint der Gesetzgeber. Der Kläger aus dem Landkreis Karlsruhe argumentiert, es gebe keinen Beweis dafür, dass die Jagd im Interesse der Allgemeinheit sei. Es sei erwiesen, dass sich die Natur in unbejagten Gebieten selbst zu helfen wisse.

Jagdverbandspräsident Fischer wundert sich zunächst darüber, dass der Wunsch, Tiere nicht durch menschliche Hand sterben zu lassen, bei dem Kläger offenbar nur auf Wild beschränkt ist. Schließlich stünde auf dem Weideland ganz normales Schlachtvieh in beträchtlicher Größenordnung. Vor allem aber will Fischer nicht gelten lassen, dass die Selbstheilungskräfte der Natur nachgewiesen wurden.

"Vielmehr", so der Niedersachse, "ist die Mehrheit der Wissenschaftler der Meinung, dass vor allem Tierarten, die vom Menschen profitieren, oder die, wie der Waschbär, zugewandert sind und keine natürlichen Feinde haben, bejagt werden müssen." Andernfalls machen sie anderen Populationen den Garaus. Pressesprecher Reinwald ergänzt leidenschaftlich: "Wir bauen auf 27 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands Weizen, Raps und Mais an - also Wildschweinfutter. Ohne Jagd würden die Bestände explodieren. Das Ergebnis wären massenhaft verwesende Tierkadaver, Schweinepest und weitere Krankheiten." Allein Wildschweine vermehrten sich hier um 300 Prozent im Jahr.

Daran aber sind die Jäger mitschuldig, behauptet die grüne Bundestagsabgeordnete Cornelia Behm. Die Brandenburgerin ist als Jagdexpertin bekannt und bekommt deshalb viel Post. Fotos werden da geschickt, "die beweisen, wie tonnenweise Früchte und andere Reste aus der Landwirtschaft in den Wald gekippt werden, um die Tiere anzufüttern."

Kirren oder Ankirren nennt man diese Form der Lockung. Klar gibt es die, räumt man im Jagdschutzverband ein - aber als Ausnahme. Jedenfalls könne das Kirren unmöglich für den enormen Populationszuwachs der Wildschweine verantwortlich sein. Also ist es wohl doch vor allem der Maisanbau.

Den hält auch Cornelia Behm für höchst problematisch. Hinzu könnte noch das zersplitternde Jagdrecht kommen. Seit der Föderalismusreform im Jahr 2006 dürfen die Bundesländer im Prinzip selbst über die Jagd verfügen. Es sei denn, der Bund legt sich ins Zeug. Das nennt man dann konkurrierende Gesetzgebung. "Teilweise absurd" nennt die grüne Politikerin Behm das bestehende Recht. "Nach dem Gesetz können viele Tiere gejagt werden, die unter strengstem Schutz stehen."

Werden sie zwar nicht - aber auf der Liste der jagdbaren Tiere bleiben vorerst Luchs, Wildkatze, Fischotter, Großtrappe oder Steinbock. Die Bundesregierung sieht derzeit allerdings keine ernsthaften Probleme beim Bundesjagdrecht. Auf eine Kleine Anfrage der Linken im Bundestag reagierte die Regierung gelassen. Im Koalitionsvertrag hatte man sich darauf verständigt, das Bundesjagdgesetz in seiner jetzigen Form zu belassen.

Das gilt auch, wenn es um Flinten und Büchsen geht. Lapidar teilt die Regierung mit "Eine Verschärfung des Waffenrechtes ist nicht geplant." Ein heikles Thema. Immer wieder sterben durch Waidmänner Vereinskameraden und Unbeteiligte. Die Jagdgegner zählen 40 Tote im Jahr, die bei der Jagd oder durch Jagdwaffen ums Leben kommen.

Präsident Fischer meint: "Jeder, der bei der Jagd ums Leben kommt, ist einer zu viel." Aber: "Bei insgesamt 350 000 Menschen, die sich an der Jagd beteiligen, kann man Unfälle nicht ausschließen." Die genannten Zahlen seien viel zu hoch. Der Verband hat extra ein Papier erarbeitet. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften zählte danach 2008 drei Jagdtote. Danach läge das Risiko, bei der waidmännischen Tätigkeit in die ewigen Jagdgründe einzugehen bei 0,009 Prozent, während man mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,02 Prozent sein Leben im Straßenverkehr lässt.

Wenn es um die Waffen selbst geht, werden die Jäger schnell energisch. In einem Internet-Chat des Jagdschutzverbandes wurde sogar darüber diskutiert, wie mit halbautomatischen bzw. mit "kriegswaffenähnlichen Anschlagswaffen" umzugehen sei. Gegen letztere jedoch hat sich der Verband ausgesprochen.

Die grundsätzliche Notwendigkeit der Jagd bestreitet die bekennende Wildbret-Freundin Cornelia Behm nicht. Nur die Zahl der Hobbyjäger möchte die Abgeordnete reduzieren. "In jedem Fall muss die Ausbildung deutlich verbessert werden. Am besten wäre es, wenn die Waldbesitzer Berufsjäger einstellen würden."

Auch der Naturschutzverband NABU will die Jagd reformieren, nicht abschaffen. Auch der Jagdschutzverband selbst ist eine staatlich anerkannte Naturschutzvereinigung. Präsident Fischer meint, die Jagd sei ein Kulturgut, das einen grundlegenden Wandel erlebt. Deshalb gelte: "In unseren zersiedelten Landschaften haben wir als Jäger vor allem ökologische Aufgaben. Wer sein Revier ernsthaft betreibt, der beschäftigt sich zu 60 bis 80 Prozent mit Biotopenschutz, Artenschutz und Hege."

Naturschützer oder Trophäensammler - Jäger stehen in der Kritik. Foto: Fotolia

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Erstellt:
31. Dezember 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
31. Dezember 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 31. Dezember 2011, 12:00 Uhr

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