Gott der kleinen Leute

Kantatengottesdienst zu Weihnachten

Tübingen. Das Magnificat, der „Lobgesang der Maria“, ist die irdische Antwort auf das „Ave Maria“ des Verkündigungsengels. Als sie das Jesuskind in sich spürt, beschwört Maria: „Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.

Kantatengottesdienst zu Weihnachten

Zum Kantatengottesdienst am Sonntag kamen 850 Besucher in die Stiftskirche. Bild: Metz

“ Stiftskirchenpfarrer Karl Theodor Kleinknecht verglich das Magnificat mit „sozialkritischen Chansons und Protestliedern, zeitlos und zugleich konkret aktuell“. Er stellte aber auch die Frage, wie dieser vermeintliche „Aufruf zum Umsturz“ zusammenpasse mit dem weihnachtlichen „Geist der Versöhnung“.

Im Kantatengottesdienst zum Ersten Christtag war das Magnificat überall präsent: vertont von Vivaldi und Schütz sowie von den 850 Gottesdienstbesuchern gesprochen. Es sang die Kantorei der Stiftskirche unter Kirchenmusikdirektor Ingo Bredenbach, begleitet von der Camerata viva Tübingen (Continuo-Orgel: Dorothea Mohr-Sigel). Seit seinem Amtsantritt im Januar 2010 hat Bredenbach die Kantorei kontinuierlich nach seinen klanglichen und ästhetischen Vorstellungen umgestaltet. Am Sonntag kam sein konzeptueller Zugriff erstmals in seinem ganzen Potential zur Wirkung.

Schütz‘ deutsche Magnificat-Vertonung „Meine Seele erhebt den Herren“ beeindruckte durch die kräftigen Farben, zumal in den Männerstimmen, zugleich voll und geschmeidig gerundet, der Text emotional wie artikulatorisch erfüllt und getragen. Besonders erhaben, hymnisch durchleuchtet war die abschließende Doxologie.

Seit 2000 Jahren

nicht unterzukriegen

In Vivaldis Magnificat begeisterte die gestalterische Wendigkeit und Vielfalt der Kantorei. Die neun knappen Sätze mit ihren gegensätzlichen Tempo- und Ausdruckwechseln standen auf den Punkt da: der gravitätisch schreitende Vorspann, die harmonisch schwierigen großen Sept-Sprünge im „Et misericordia“, die schmerzerfüllten Dissonanzen, die sich langsam öffneten wie Pupillen. Im heraufziehenden Crescendo des „Fecit potentiam“ war die beschworene Gewalt Gottes spürbar, der Umsturz im dahinstürmenden „Deposuit potentes“ mit seinem bizarren Unisono. Sehr schön verbanden sich die drei Soli (Barbara Unseld, Mezzosopran; Anneka Ulmer, Alt; Johannes Fritsche, Bass) im beschwingten „Sicut locutus“. Bei den Terzparallelen der beiden Frauenstimmen im „Esurientes“ war Ulmers sonst sehr geschätzter Alt etwas zu füllig im Vergleich zu Unselds mädchenhaft schlankem Timbre.

Exquisit die spielerischen Feinheiten der Camerata viva: helle, leichtfüßig konzertierende Violinen mit springendem Bogen, weich schwingende Impulse in den langsamen Abschnitten.

„Das Magnificat ist seit 2000 Jahren nicht unterzukriegen“, brachte es Kleinknecht in der anschließenden Predigt auf den Punkt: „Der Gott der kleinen Leute hat sich auf die Seite der Niedrigen geschlagen.“ Kleinknecht verwies auf die Interpretation der Befreiungs- und Feministischen Theologie. „Das Magnificat ist keine Vorstufe zu Weihnachten, nicht vorchristlich.“ Seine „Zumutung und Herausforderung“, aber auch seine „Durchhalte- und Widerstandskraft“ gehören zum unausweichlichen Spagat in dieser Welt: „Wir sind herausgefordert, in diesem Widerspruch Wege zu finden. Gott greift ein in diese Welt. Und wir alle wirken an diesem Prozess mit. Das ist die subversive Kraft des Evangeliums.“

Zum Auszug spielte Dorothea Mohr-Sigel die gedankenschwer ernste Orgel-Fuge BWV 733 über das gregorianische Magnificat, Bach zugeschrieben, eventuell aber ein Werk seines Schülers Johann Ludwig Krebs.Achim Stricker


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27.12.2011 - 12:00 Uhr