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Raumstation "Mir": Vor 30 Jahren erstes Modul in den Orbit geschossen

Kaninchenbau im Weltall

Sie war der Stolz der sowjetischen Raumfahrt, auch wenn sie zum Schluss auf dem letzten Loch pfiff: die "Mir", die erste Langzeit-Raumstation und 15 Jahre im Einsatz. Vor 30 Jahren hat ihr Aufbau begonnen.

18.02.2016

Von EGBERT MANNS

Beengte Gemütlichkeit: "Mir"-Besatzung und die ersten amerikanischen Gäste aus dem Shuttle "Atlantis". Foto: afp/Nasa

Moskau. Auf eine lange Nutzungsdauer hatte die sowjetische Führung gezielt, als sie Mitte der 70er-Jahre den Plan freigab, eine bewohnbare Raumstation zu bauen. Sie wurde zum Erfolg, was angesichts der Kurzzeit-Stationen "Skylab" (USA) und "Saljut" 1 bis 7 nicht abzusehen gewesen war. Letztlich hat die Raumstation, "Mir" genannt und am 20. Februar 1986 gestartet, die Sowjetunion gar überlebt.

Zu überleben war auf der "Mir" eine der häufigeren Aufgaben. Am 25. Juni 1997 passt die Besatzung nicht auf, und der Frachter "Progress" M-34 rammt ein Solarsegel. Die Folge: ein Leck in der Wand des Moduls "Spektr", aus dem Luft entweicht. Die Besatzung will die "Mir" nicht aufgeben, sie schließt die Luke zum Modul.

Dafür muss sie die Kabel zu den drei anderen Sonnensegeln des Moduls kappen. Die "Mir" verliert damit mehr als ein Drittel ihrer Stromversorgung, deshalb fallen Systeme zur Kühlung, zum Entfernen des Kohlendioxids und zur Erzeugung von Sauerstoff aus.

Nicht aufgepasst hat auch die Besatzung der Raumfähre "Sojus" TM-17, die die "Mir" am 14. Januar 1994 verlässt. Sie fliegt nach dem Ablegen schwerfällig über die "Mir" und rammt das Modul "Kristal". Nach der Landung auf der Erde wird klar, weshalb: Die russisch-französische Besatzung hat zu viele "Souvenirs" eingepackt, die "Sojus" war überladen.

Schon am 23. Februar 1997 ist die "Mir" beinahe am Ende. Feueralarm, Rauch überall, eine meterlange Feuersäule aus einer Sauerstoff erzeugenden Lithium-Perchlorat-Kerze im Modul "Kvant 1". Auch die angedockte "Sojus", in der die Besatzung flüchten könnte, ist verraucht. 15 Minuten dauert es, bis die Astronauten die Flamme mit einem Feuerlöscher erstickt haben.

Auch dann, wenn in der Raumstation Normalbetrieb herrscht, ist das Leben dort ein Event. Pumpen und Ventilatoren erzeugen einen Lärm wie im Inneren eines Staubsaugers, berichtet der deutsche Astronaut Reinhold Ewald. Dusche und Toilette sind fehleranfällig. Schläuche liegen kreuz und quer, Schraubzwingen halten eine Luke dicht. "Viele Russen basteln am Wochenende an ihrem Lada herum", sagt Ewald. "Mit dieser Einstellung sind auch die Kosmonauten auf der ,Mir am Werk." 1999 beginnt die Raumstation, Luft zu verlieren.

In Ewalds 20-tägigen Aufenthalt fällt die Episode mit dem Feuer. Zuvor haben drei andere Deutsche auf der "Mir" gearbeitet: Klaus-Dietrich Flade acht Tage lang im März 1992, Ulf Merbold 169 Tage lang von Oktober 1994 bis März 1995 und Thomas Reiter 178 Tage lang von September 1995 bis Februar 1996.

Insgesamt sind 125 Astronauten auf der "Mir" gewesen, die meisten Russen. Auch ein Syrer, ein Rumäne, ein Japaner, ein Kasache und andere aus elf mehr oder weniger "befreundeten Nationen" haben sich wenigstens für ein paar Tage dort oben aufgehalten.

Die ersten Amerikaner - sie stellen letztlich die meisten Gäste - kommen am 29. Juni 1995 mit der Raumfähre "Atlantis". Ein "Mir"- Report der Nasa beschreibt ihre Eindrücke: Dort oben "häuften sich verschlissene und kaputte Ausrüstung und schwebten Säcke mit Abfall. Niemand hat je überlegt, wie man das Problem mit dem Verstauen lösen sollte. Die ,Mir sah aus wie ein stählerner Kaninchenbau."

86 000 Erdumrundungen legt die "Mir" zurück, immer zwischen dem 51. nördlichen (Höhe von Köln) und 51. südlichen Breitengrad (Feuerland). Dann wird der kaum noch brauchbare Koloss zum Absturz gebracht. Am 23. März 2001 bricht er über dem Pazifik auseinander.

Info Übersichten zur "Mir" unter anderem in history.nasa.gov/SP-4225/ mir/mir.htm, russianspaceweb.com/mir_1986.html, spacefacts.de/ger man/mir

Das Basismodul der "Mir". Im Laufe der Jahre sind daran sechs weitere Module befestigt worden. Foto: afp/Tass

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Erstellt:
18. Februar 2016, 08:30 Uhr
Aktualisiert:
18. Februar 2016, 08:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Februar 2016, 08:30 Uhr

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