Soziale Gerechtigkeit als Gradmesser

Kandidaten zur Bundestagswahl (4): Heike Hänsel (Linke) will weiter gegen die Agenda 2010 und

„Sozial ist, was Würde schafft“, sagt Heike Hänsel. Niedriglöhne sind unsozial, findet die Bundestagsabgeordnete der Linken. Deshalb kämpft die Kandidatin unter anderem für einen Mindestlohn von zehn Euro.

26.06.2013

Von Ute Kaiser

Tübingen. Für ein Treffen mit dem TAGBLATT hat Heike Hänsel die U.D.O. im Weilheimer Schelmen gewählt. Das Kürzel steht für „Universitätsklinikum Dienstleistungsorganisation“. Seit zehn Jahren erledigt das Tochterunternehmen des Uniklinikums Tübingen (UKT) Aufträge in den Bereichen Gebäudereinigung, Logistik, Catering und technisches Gebäudemanagement.

Die Bundestagskandidaten im Videoportrait: Heike Hänsel (Die Linke)
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Ein ungewöhnlicher Ort für ein Treffen: Heike Hänsel von der Linkspartei traf tagblatt.de beim Gräberfeld X auf dem Stadtfriedhof Tübingen. Die Gedenkstätte für Opfer des NS-Regimes erinnert die Bundestagskandidatin daran, wieso sie sich politisch engagiert. Friedenspolitik steht ganz oben auf ihrer Agenda.

© Video: Lukas Föhr, Christin Hartard 03:25 min

Diese GmbH ist für die Tübingerin, die zum dritten Mal kandidiert, ein Beispiel dafür, „wie besser bezahlte Beschäftigung ausgelagert wurde“ – und wohin das führt. Von einem Verdienst um die 1000 Euro mit einem Vollzeitjob „kann man nicht leben“. Auch nicht im Alter. „Armutslöhne führen zu Armutsrenten“, so Hänsels Blick in die Zukunft.

Genauso gut hätte das Treffen in der Nähe des UKT sein können. Denn auch dort liegt aus Sicht der Abgeordneten etliches im Argen. „Die Unterfinanzierung der Krankenhäuser geht zuerst zulasten der Beschäftigten.“ Das erlebte Hänsel hautnah als Hospitantin in der Frühschicht einer Balinger Klinik. Von den Erlebnissen dort war sie „geschockt“. Allein auf der Station, in der sie mithalf, gebe es 7000 Überstunden: „Das „hohe Berufsethos der Beschäftigten wird gnadenlos ausgenutzt – bis zur Erschöpfung“, so Hänsels Fazit der Vor-Ort-Visite.

Wenn allein betriebswirtschaftliche Gesichtspunkte zählten, nicht das Wohl der Beschäftigten und der Patienten, sei „das System krank“, redet sich die Abgeordnete in Fahrt und verweist auf rund 300 Stellen, die dem UKT in der Pflege fehlten. Gute Pflege und menschliche Zuwendung als Teil des Heilungsprozesses würden so zerstört. Das hat sie 2008, schwer erkrankt, als Patientin in Berlin selbst erlebt. Wegen des enormen Drucks hätten die Ärzte keine Zeit gehabt, sie ausführlich über die Behandlung und über Alternativen zu informieren. Deshalb geht Verdi-Mitglied Hänsel mit ihrer Gewerkschaft einig und fordert, dass das Gesundheitssystem „bedarfsgerecht“ finanziert wird. Ihrer Überzeugung nach führe auch „kein Weg an der Bürgerversicherung vorbei“.

„Politische Arbeit ist mein Hauptlebensinhalt“, sagt Heike Hänsel. Die Tübingerin ist seit 2005 Bundestagsabgeordnete der Linken und kandidiert wieder auf dem als aussichtsreich geltenden Platz zwei der Landesliste. Sie will als Vertreterin der sozialen Bewegungen „an der Seite der Leute stehen, die unter Sozialabbau leiden“.

Was macht sie als Politikerin aus? Dazu fällt Hänsel das Wort „Bewegungsansatz“ ein. Die 47-jährige gebürtige Stuttgarterin, die sich seit knapp 30 Jahren politisch engagiert, kommt aus der Friedensbewegung. Sie kämpfte schon früh gegen Militarisierung und Sozialabbau. Für die Linke sei „Krieg kein Mittel der Politik“, darin unterscheide sich ihre Fraktion von den anderen Fraktionen im Bundestag. Deutschland müsse von einer „zerstörerischen Politik wegkommen, die Milliarden bindet“, fordert das Vorstandsmitglied von zwei Friedensinitiativen etwa mit Blick aufs umstrittene milliardenverschlingende „Euro-Hawk“-Projekt. Auch dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac gehört die aktive Stuttgart 21-Gegnerin an.

„Wir wollen soziale Gerechtigkeit“, fasst Hänsel ihre Position in einem Slogan zusammen. Doch so lange die Agenda 2010 und Hartz IV gelten, könne es sie nicht geben. Auch die „Schuldenbremse“ ist ihr ein Dorn im Auge. Wegen der Auswirkungen – „massive Einsparungen im sozialen Bereich“ – haben sich die Linken auch hier als einzige Fraktion im Bundestag dagegen ausgesprochen.

„Wir sind das einzige Land in Europa mit Reallohnverlust“, sagt sie. Ihr Gegenrezept: Der Spitzensteuersatz und die Unternehmenssteuern müssen hoch. Die Forderung der Linkspartei, bei Einkommen von über einer Million Euro einen Steuersatz von 75 Prozent zu erheben, hat Hänsel keineswegs nur freundliche Reaktionen eingebracht. Ihre Antwort: Es gehe doch nur „um wirklich große Vermögen“.

Die 47-Jährige ist viel unterwegs. Mit einer Solidaritätsdelegation war sie jüngst im Istanbuler Gezi-Park, als die türkische Polizei ihn räumte. Kaum von den Wirkungen des Tränengases genesen ging es über Tübingen nach Berlin zur Rede von US-Präsident Barack Obama. Beim Brandenburger Tor hielt sie mit anderen Fraktionsmitgliedern Protesttransparente gegen Krieg und die Drohnen-Politik in die Höhe. Ihre Aktion richtete sich aber auch gegen die weltweite Überwachung durch „Prism“. Nicht diejenigen, die das Online-Spionagesystem aufdeckten und Öffentlichkeit schafften, gehörten vor Gericht, so ihr Credo, sondern diejenigen, „die Kriegsverbrechen begehen oder verantworten“.

„Politik von unten“ nennt Hänsel ihr Konzept. „Auch über gesellschaftspolitischen Druck außerhalb des Parlaments werden Veränderungen bewirkt“, sagt die Abgeordnete, die über 20 Jahre lang mit ihrem „politischen Weggefährten“ Henning Zierock für die Tübinger Gesellschaft „Kultur des Friedens“ aktiv war – erst ehrenamtlich, dann gegen Aufwandsentschädigung. Die entwicklungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion will „die Initiativen unterstützen, die in den Ländern des Südens entstehen“. Dabei konzentriert sie sich auf einzelne Länder in Lateinamerika und auf Griechenland.

„Ich versuche, nicht tausend Schubladen aufzumachen“, sagt die Politikerin, die deutlich langsamer sprechen kann als früher. Auch im Parlament will Hänsel nicht durch tausend Anträge und Reden zu allen möglichen Themen glänzen. Ihr Selbstverständnis drückt sich auch in ihrem Kleidungsstil aus. Statt Businessanzug und High Heels, wie viele Politikerinnen, trägt sie ein luftiges Leinenkleid und Ballerinas.

Bei allem Spaß an der Politik empfindet sie ein Defizit: Sie habe zu wenig Zeit zum Lesen. Gerne würde sie sich intensiver mit neuen Ansätzen beispielsweise zur „solidarischen Ökonomie“ beschäftigen. In Sitzungswochen hat sie schnell einen 16-Stunden-Tag. Das Wochenende hält die diplomierte Ernährungswissenschaftlerin so gut es geht frei.

„Man muss nicht glauben, dass man unersetzlich ist“, sagt die Abgeordnete, die auch in Ulm ein Büro hat und die dortige Region mitbetreut. Wenn sie sich erholen will, besucht sie ihre Mutter und Großmutter im Schwarzwald oder fährt an den Bodensee. Als entspannend empfindet die ehemalige Studentin der katholischen Theologie auch eine Radtour zur Wurmlinger Kapelle.

Früher hatte sie mehr Zeit, zu Anti-Nazi-Demos zu fahren. Die fehlt ihr jetzt. Vor kurzem hat Hänsel sich wenigstens einen Abend freigeschaufelt, um das Stück über den Mössinger Generalstreik anzuschauen. In den acht Berliner Jahren hat die Tübingerin gelernt, mit der Erwartungshaltung von anderen und dem Druck, den sie sich selbst macht, umzugehen. „Zusagen nicht einhalten zu können“, das weiß die Aktivistin mittlerweile, „produziert Enttäuschungen.“

Über ihr außerparlamentarisches Engagement kam Heike Hänsel zur Politik. Die 1966 in Stuttgart geborene und in Villingen aufgewachsene Katholikin setzte sich früh für Frieden, gegen Militarisierung und Sozialabbau ein. Wegen der Theologie der Befreiung begann sie 1986 in Tübingen Theologie zu studieren, wechselte aber nach drei Jahren wegen der offiziellen Kirchenpolitik zum Fach Ernährungswissenschaft in Gießen und forschte von 1993 an ein Jahr in Indonesien. 1997 hatte Hänsel ihr Diplom in der Tasche und kehrte nach Tübingen zurück – als Projektleiterin für die Gesellschaft „Kultur des Friedens“. 2005 kandidierte sie erstmals erfolgreich für den Bundestag und wurde vor vier Jahren wiedergewählt. Hänsel ist Vorsitzende im Unterausschuss „Vereinte Nationen, internationale Organisationen und Globalisierung“. Nerz sieht noch gute Chancen: Der Tübinger Bundestagskandidat der Piratenpartei hofft auf den Einzug ins Parlament 07.09.2013 Horst Speichert: Bekanntheitsgrad noch ausbaufähig: Der Bundestagskandidat der Alternative für Deutschland kommt aus Dettenhausen 21.08.2013 Mittelstand als Wohlfahrtsgarant: Kandidaten zur Bundestagswahl (3): Annette Widmann-Mauz sieht die Versorgung Älterer als künftiges Megathema 20.06.2013 Auf die Kliniken kommt es an: Kandidaten zur Bundestagswahl (1): Martin Rosemann, SPD, will den größten Arbeitgeber sichern 24.05.2013 Wo das Leben von Kindern beginnt ...: Kandidaten zur Bundestagswahl (5): Dem dreifachen Vater Christopher Gohl (FDP) geht es vor allem um Chancen 08.08.2013 Soziale Gerechtigkeit als Gradmesser: Kandidaten zur Bundestagswahl (4): Heike Hänsel (Linke) will weiter gegen die Agenda 2010 und Militarisierung kämpfen 26.06.2013 An den großen Stellschrauben drehen: Kandidaten zur Bundestagswahl (2): Chris Kühn (Grüne) will eine Wende in der Verkehrspolitik erreichen 03.06.2013

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Erstellt:
26. Juni 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Juni 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Juni 2013, 12:00 Uhr

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