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Türkei

Kampf um die Pfeifsprache

In den Bergdörfern am Schwarzen Meer verständigen sich Einheimische über eine seltene Vogelsprache. Der droht nun das Aussterben.

17.09.2019

Von DPA

Bis zu fünf Kilometer weit ist die Vogelsprache zu hören ideal für die Verständigung in abgelegenen Bergdörfern. Foto: Bradley Secker/dpa

Giresun. Ein melodisches Pfeifen durchschneidet die Stille. Yilmaz Civelek (47) legt die Finger an den Mund und zwitschert hinunter ins grüne, hügelige Nichts. „Wink mal rüber“, sollte das heißen, sagt Civelek. Eine Gestalt löst sich aus dem Hang, schickt einen kurzen Pfeifton zum Gruß zurück und hebt die Hand. Civelek gehört zu den Wenigen, die noch die türkische Pfeifsprache (islik dili) beherrschen. Weil sie dem Zwitschern eines Vogels ähnelt, nennen die Einheimischen sie einfach nur „Vogelsprache“. Wie alt sie ist, kann keiner sagen.

Vor allem Hirten benutzen das Gezwitscher, um sich über große Entfernungen hinweg zu verständigen. Einige Dörfer in der Region liegen nur ein paar hundert Meter über den Meeresspiegel, die Weiden und die Hochplateaus dagegen teils in 1800 Metern Höhe. Und die Häuser sind durch tiefe Täler voneinander getrennt. Mit Worten könnte man sich über diese Distanzen nicht verständigen. Die Pfeifsprache aber überbrückt mehrere Kilometer.

Inzwischen gibt es nur noch wenige Hirten. „Und da ist die Technologie, die Mobiltelefone“, seufzt Civelek. Die haben auch in den Bergen Empfang. Civelek stammt aus Kusköy – dem Vogeldorf in der Provinz Giresun. Hier leben die Menschen vor allem vom Anbau von Haselnüssen, die Plantagen säumen die Serpentinen hoch ins Dorf.

Civelek ist ein lebenslustiger Mann mit dunklem Schnurrbart und breitem Lachen. Wie die meisten seiner Generation ist er mit der Vogelsprache aufgewachsen. Heute wohnt er in der Stadt Giresun und arbeitet als Hausmeister. Civelek will verhindern, dass die Vogelsprache ausstirbt. Er engagiert sich im Vogelsprachenverein von Kusköy und will sein Können bald in Kursen unterrichten.

Im Sommer verbringt Civelek so viel Zeit wie möglich auf dem Hochplateau, wo es deutlich kühler ist als an der Küste oder im Dorf selbst. Auf dem Plateau hat er mit seiner Frau ein kleines Haus aus roten Ziegelsteinen und Wellblechdach gebaut. Seine Schwester Muazzez Köcek wohnt nebenan: ein kleiner Garten, ein paar Kühe, eine Handvoll Nachbarn. Sonst sind die Häuser umsäumt von grünen Weiden und dunklen Wäldern.

Köcek gilt als eine der besten Pfeiferinnen im Dorf. Beim Wettbewerb, der jährlich zum Vogelsprachenfestival in Kusköy abgehalten wird, hat sie schon dreimal den ersten Platz der Frauen belegt. Fünfmal gewann sie den dritten Platz in der gemischten Kategorie. Köcek kann nur mit der Zunge pfeifen – anders als Civelek, der wie in der türkischen Vogelsprache üblich mit den Fingern pfeift. Je nach Entfernung, die er dabei überbrücken will, steckt er dazu nur den Zeigefinger oder mehrere Finger in den Mund. Um sich über eine Entfernung von geschätzt fünf Kilometern zu verständigen, nimmt er die zweite Hand zur Hilfe und bildet damit einen Hohlraum.

Fusion von Musik und Sprache

Allgemein wird angenommen, dass die linke Hirnhälfte für die Sprache zuständig ist und die rechte für Melodie und Rhythmus. Onur Güntürkün, Professor für Biopsychologie an der Ruhr-Universität Bochum, hat bei einer Studie in Kusköy herausgefunden, dass bei Sprechern der Pfeifsprache beide Gehirnhälften aktiv sind – Fusion von Musik und Sprache.

Früher kam die Vogelsprache auch in Notfällen zum Einsatz, sagt Civelek. Er erinnert sich noch daran, wie er als Kind einmal Schafe und Ziegen hütete und Wölfe die Herde anfielen. Mit der Pfeifsprache habe er die Hunde angeleitet, um die Wölfe zu vertreiben und die anderen Hirten gewarnt. Wölfe hat Civelek in der Gegend schon lange nicht mehr gesehen. Aber er findet eine Ziege, die sich auf der Hochebene verirrt hat. Er legt die Finger an die Lippen und pfeift in die Ferne. „Deine Ziege ist hier“, soll das heißen. „Danke“, zwitschert es aus dem Nichts. dpa

Yilmaz Civelek bedauert das Aussterben der Pfeifsprache. Foto: Bradley Secker/dpa

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Erstellt:
17. September 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. September 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. September 2019, 06:00 Uhr

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