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Infrastruktur

Kampf um Wohnraum

In Baden-Württemberg muss mehr gebaut werden, um dem steigenden Bedarf gerecht zu werden. Eine Studie der L-Bank mahnt zur Eile. Bis zum Jahr 2040 wächst die Zahl der Haushalte um rund 600 000.

15.11.2017
  • MARTIN HOFMANN

Stuttgart. Es ist eine Jahrhundertaufgabe, für die nur 22 Jahre Zeit bleibt. Laut einer Studie der L-Bank muss in Baden-Württemberg bis 2040 Wohnraum für mindestens 600 000 neue Haushalte geschaffen werden. Der Schwerpunkt liegt auf dem Bau bezahlbarer Wohnungen für Bezieher unterer und mittlerer Einkommen, sozialem wie altersgerechtem Wohnraum. Das dient dem sozialen Frieden in der Gesellschaft, aber auch dem Wirtschaftsstandort, stellt die Prognos AG fest. Ohne ein ausreichendes Angebot wird der notwendige Zuzug von Fachkräften nicht gelingen, so die Untersuchung für die Staatsbank des Landes, die mit Krediten Wohnungsbau fördert. Die Daten und Fakten:

Bevölkerung: Durch Zuzug aus Deutschland und dem Ausland hat die Bevölkerung im Südwesten von 2011 bis 2015 um 370 000 Menschen (oder 3,5 Prozent) zugelegt – mehr als in Bayern oder Hessen. Entscheidender Grund dafür: das Jobangebot. Die Zahl der Beschäftigten stieg in fünf Jahren um 355 000. Weit mehr Arbeitsplätze als im Schnitt entstanden in den Landkreisen Karlsruhe, Heilbronn, Ludwigsburg, Tuttlingen, dem Hohenlohekreis und der Stadt Stuttgart. Dazu kommt: Die Zahl der Haushalte wächst mit 5 Prozent rascher, da mehr Menschen allein leben. Die Zunahme an Neubürgern ist nahezu flächendeckend, wobei Stuttgart mit seinen Nachbarkreisen allein 100 000 Zuzügler aufgenommen hat. An Bevölkerung stärker zugelegt als im Durchschnitt haben auch die Ober- und Mittelzentren mit 5 und 4 Prozent.

Wohnungen: Aktuell fehlen 88 000 Wohnungen. Allein in den neun Stadtkreisen klafft eine Lücke von 38 000 Wohnungen. Aber auch in den Landkreisen Konstanz, Tübingen, Ravensburg, Böblingen, Calw, Karlsruhe, Heilbronn, dem Rems-Murr- und Ostalbkreis hätten im vierstelligen Bereich Behausungen errichtet werden müssen, um den Bedarf zu decken. Einzig in den Kreisen Rottweil und Biberach liegt das Angebot noch knapp über der Nachfrage.

Folgen: Der Wohnungsnot treibt die Preise. „Von den 30 teuersten Städten liegen laut Mietpreisspiegeln 16 im Südwesten“, erklärt der Mieterbund Baden-Württemberg. Beispiel: Wird eine Wohnung in Freiburg wieder vermietet, zahlt man für die vier Wände 40 Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt. „Für Bezieher mittlerer und unterer Einkommen gilt: Immer mehr Menschen wohnen sich arm“, sagt Udo Casper, Geschäftsführer des Mieterbunds. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung geben in 77 deutschen Großstädten bereits 40 Prozent der Haushalte mehr als 30 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Bruttomiete aus. Rund 1,3 Millionen Haushalte verfügten über ein Resteinkommen unterhalb des Hartz-IV-Satzes. Bei Grundstückspreisen ist der Südwestencx unter den Flächenländern hinter Bayern und Hessen das drittteuerste. Pro Quadratmeter sind 36 Prozent mehr zu zahlen als im Bundesdurchschnitt.

Voraussage: Nach Hochrechnungen der Prognos AG wird die Bevölkerung in Baden-Württemberg bis zum Jahr 2040 um 380 000 bis 750 000 Menschen zunehmen. Daraus ergibt sich ein maximaler Zuwachs der Haushalte um 600 000. Sie müssen mit Wohnungen versorgt werden. Behält die Bautätigkeit ihr bisheriges Tempo bei, wird das aber nicht gelingen.

Soziales: Von den laut Prognos noch vorhandenen 57 400 Sozialwohnungen fallen bis 2030 rund 22 000 aus der Preisbindung. Um die Anzahl dieser Wohnungen zu halten, müssten pro Jahr 1500 gebaut werden. Von 2014 bis 2016 förderte die L-Bank 1000 solcher Wohneinheiten. Ein Bündnis aus Städtetag, Mieterbund, Wohnungswirtschaft, Gewerkschaften und VdK fordern den Neubau von 6000, um 2030 ein Niveau von 100 000 Sozialwohnungen zu erreichen. Als Grund dafür nennen sie: „Das Angebot hält mit der Nachfrage schon längst nicht mehr Schritt.“ In Stuttgart warten 4000 Haushalte auf eine Sozialwohnung. In Esslingen würden 600 Wohnberechtigungsscheine ausgestellt, während jährlich 100 Sozialwohnungen neu vermietet würden. Das Argument der Verbände für den Aufbau dieser Wohnmöglichkeit: „Der soziale Friede kann nur dann bewahrt werden und die Integration der Zuwanderer kann nur dann gelingen, wenn auf den Wohnungsmärkten die unterschiedlichen Bedarfsgruppen nicht gegeneinander ausgespielt werden.“

Barrieren: Den Bedarf an altersgerechtem Wohnraum beziffert Prognos bis 2040 auf 486 000 Wohnungen. Zurzeit existieren etwa 99 000 Wohneinheiten, in denen etwa ein Rollstuhlfahrer sich ohne Hilfe bewegen kann.

Reaktionen: Die L-Bank hat die Prognos-Studie als Grundlage für die Wohnraum-Allianz erstellt, die Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) berufen hat. Dort erarbeiten alle für Wohnungsbau zuständigen Akteure Empfehlungen, um ausreichenden und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Alle Beteiligte sind sich einig, dass sehr viel mehr passieren muss, um die Wohnungsnot zu beheben.

Dazu gehört: Die Kommunen sollten schneller mehr Bauland bereitstellen. Anwohnern neuer Baugebiete müssen vom Bedarf überzeugt werden, um Einsprüche zu vermeiden. Das Baurecht sollte entschlackt werden, um Kosten zu senken. Zudem sollte die Grunderwerbsteuer auf 3,5 Prozent sinken. Empfohlen wird die Rückkehr zur degressiven Abschreibung bei Immobilien. Die Nachverdichtung in Städten gilt es zu beschleunigen. Die Preisbindung für Sozialwohnungen soll wieder 30 statt 10 Jahre betragen.

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15.11.2017, 06:00 Uhr
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