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Push-Nachrichten: Kampf um Beachtung

Sie blinken, vibrieren und wollen schnell gelesen werden: Push-Nachrichten sind die effektivste Waffe im Kampf um unsere Aufmerksamkeit. Was das mit unserer Psyche macht.

06.09.2021

Von DOMINIK GUGGEMOS

Illustration: art-sonik/Shutterstock.com

Wann haben Sie das letzte Mal auf ihrem Smartphone nach der Uhrzeit geschaut, nur um wenig später festzustellen, dass Sie immer noch nicht wissen, wie spät es eigentlich ist? Das hat dann höchstwahrscheinlich mit einer oder mehreren Push-Benachrichtungen zu tun, die sofort Ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben, nachdem Sie den Bildschirm angemacht haben. Chat-Nachrichten, Eilmeldungen, E-Mails oder der Hinweis, dass etwas vermeintlich Wichtiges in den sozialen Medien passiert ist – die Möglichkeiten, was auf dem Startbildschirm alles aufploppen kann, sind schier grenzenlos. Push-Benachrichtigungen sind die effektivste Waffe im Kampf um die wichtigste Ressource überhaupt: unsere Aufmerksamkeit.

Was machen Push-Benachrichtigungen mit unserer Psyche? Sie erzeugen eine Fear of Missing Out (Fomo), also die Angst, etwas zu verpassen. „Fomo geht mit negativen Gefühlen einher“, sagt Christian Montag. Der Professor für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm ist einer der führenden deutschen Wissenschaftler in der Psychoinformatik, die den Einfluss von Internet und Smartphones auf Emotionalität, Persönlichkeit und Gesellschaft untersucht. Fomo funktioniert, weil wir soziale Wesen sind.

„Man braucht Seilschaften, Netzwerke, um sich im Leben behaupten zu können“, sagt Montag. Eine Push-Benachrichtigung kann relevante Informationen beinhalten, wie ich wahrgenommen werde. „Ich lerne etwas darüber“, sagt der Psychologe, „wie eine Beziehung zu einer Person von dieser wahrgenommen wird“. Manche Plattformen machen bestimmte Informationen zudem nur zeitlich begrenzt verfügbar. Man könnte etwas verpassen, das für das direkte Umfeld unmittelbar wichtig ist – und dann nicht in der Lage sein, mitzureden.

Nicht jede Person reagiert gleich auf Fomo, empfindet Druck. Gleichwohl gibt es vulnerable Personengruppen dafür. Menschen mit hohen Neurotizismus-Werten – also einer Neigung zur Nervosität, Ängstlich- und Reizbarkeit – sind anfällig für Fomo. Zudem haben, das ist kein Klischee, jüngere Menschen oft Tendenzen zu einer problematischen Smartphone-Nutzung. Das hat einen biologischen Grund: „Der präfrontale Kortex, der für die Selbstregulation wichtig ist“, erklärt Montag, „reift erst mit Anfang 20 aus“.

Warum werden wir mit Push-Benachrichtigungen überschwemmt? Das hat mit dem Geschäftsmodell der sozialen Medien zu tun. Die Benutzer zahlen kein Geld für die Dienste, sie bezahlen mit ihren Daten. Die Push-Benachrichtigungen sagen: „Achtung, es gibt etwas Neues für Dich, komm doch mal vorbei.“ Das Ziel ist, die Benutzer in jeder freien Sekunde auf die Plattform zurückzubringen. Das bringt mehr Daten für Facebook, Google und Co. Mit diesen Daten können dann bessere Psycho-Profile der Benutzer erstellt werden, was wiederum interessant für die Werbeindustrie ist.

Dieses Daten-Geschäftsmodell hat unser Leben fundamental verändert. Noch vor 30 Jahren brachte uns der Briefträger einmal am Tag persönliche Nachrichten. Der digitale Postbote kommt in jeder wachen Minute. „Das Silicon Valley hat mit dem Daten-Geschäftsmodell so viele Unterbrechungen in unseren Alltag eingeführt, die unsere Tagesstruktur kaputt gemacht haben“, sagt Montag, der darüber das Buch „Du gehörst uns!“ geschrieben hat. „Diese Struktur müssen wir uns zurückerobern, unseren Alltag neu organisieren.“

Dafür müsste das Finanzierungsmodell der Social-Media-Giganten durch politische Regulierung fundamental verändert werden. Kunden müssten für den Service mit Geld statt Daten bezahlen. Montag hofft, dass sich mehr Menschen von einer solchen Alternative überzeugen lassen, wenn der Nutzen – bessere Faktenchecks zum Erkennen von Fake News, mehr Privatsphäre, gesünderes Social-Media-Design – klar werde. Und wenn das nicht klappt? „Wenn das Daten-Geschäftsmodell nicht abgeschafft wird, werden wir nach einer Idee von Thomas Pettitt vielleicht ein Stück weit wieder in dem Zeitalter vor dem Buchdruck landen.“ Bedeutet: sehr viele Gerüchte, sehr wenig Klarheit über Fakten.

Was kann man zur Smartphone-Entschleunigung tun? Wer Stress durch zu viel Benutzung des Smartphones empfindet, kann sich durch kleine Tipps dem Suchtfaktor der Geräte entziehen. Wer besonders viel Zeit auf einer Plattform wie Facebook oder Instagram verbringt, kann sich in der App einen Timer setzen, der nach einer festgelegten Zeit zum Schließen der App auffordert. Technologie mit Technologie bekämpfen, sozusagen. Auch ist es möglich, in den Einstellungen der Smartphones für einzelne Apps oder gleich für alle Push-Benachrichtigungen auszuschalten. In dem Fall bestimmt man selbst, wann man sich von einer Plattform auf den neuesten Stand bringen lassen will – verpasst aber gegebenenfalls wirklich wichtige Nachrichten oder Meldungen.

Simpel, aber äußerst effektiv kann es sein, das Smartphone in einen anderen Raum zu legen. So schaut man ab und zu, ob es etwas Neues gibt, bekommt aber weder die Vibration, noch das Blinken mit, wenn mal wieder eine Push-Benachrichtigung ankommt. Da es nicht im Blickfeld liegt, verspürt man auch weniger das Bedürfnis, aktiv zu schauen. Zu guter Letzt kann es lohnend sein, sich eine analoge Armbanduhr zuzulegen. Die sagt einem die Uhrzeit, kämpft aber nicht anderweitig um unsere Aufmerksamkeit.

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Erstellt:
6. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
6. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. September 2021, 06:00 Uhr

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