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"Junge Leute ansprechen, bevor es die Extremisten tun"
Fordert ein nationales Programm zur Prävention und Deradikalisierung: Terror-Forscher Peter Neumann. Foto: afp
Terrorismus-Forscher Peter Neumann über Syrien-Rückkehrer, Geheimdienst-Arbeit und das politische Risiko von Präventionsprogrammen

"Junge Leute ansprechen, bevor es die Extremisten tun"

Peter Neumann erforscht seit Jahren die Radikalisierungsprozesse von Dschihadisten. Der Politologe, der in London lehrt, sagt: Wir brauchen viel mehr und bessere Präventions- und Deradikalisierungsprogramme.

02.12.2015
  • AXEL HABERMEHL

Herr Neumann, alle Welt fürchtet sich vor der Rückkehr islamistischer Auslandskämpfer aus Syrien. Sie sagen, manche von ihnen können uns sehr nützlich sein. Warum?

PETER NEUMANN: Die Auslandskämpfer sind keine monolithische Gruppe. Es gibt sehr viele, die sich in Syrien und im Irak weiter radikalisiert haben, es gibt aber auch Leute, die desillusioniert wurden, die festgestellt haben: Das ist doch nicht das, was ich möchte. Manche sind auch schockiert über die Korruption, die Brutalität und das unislamische Verhalten des "Islamischen Staates". Das sind Leute, die der Propaganda des IS sehr glaubwürdig widersprechen können.

Aber wie soll man die von denen unterscheiden, die zurückkehren, um hier Anschläge zu verüben?

NEUMANN: Das ist ein großes Problem. Es muss von Leuten gemacht werden, die sich mit Psychologie gut auskennen, die sich aber auch mit der Situation vor Ort auskennen und nachprüfen können, ob die Geschichten wahr sind. Es muss auch in Zusammenarbeit mit Geheimdiensten und der Polizei stattfinden. Und dass jemand in ein Deradikalisierungs- oder Reintegrationsprogramm kommt, heißt ja nicht, dass er nicht weiter von den Sicherheitsbehörden beobachtet wird.

Gibt es solche systematischen Befragungen denn nicht schon?

NEUMANN: Ja, zum Beispiel in Dänemark und, öfter noch, in Großbritannien. Dort gibt es das Interventionsprogramm "Channel". Das gab es schon vor der Syrien-Krise für Leute, die hochradikalisiert waren und davon abgehalten werden sollten, Gewalt auszuüben. Jetzt wird es verstärkt für Rückkehrer eingesetzt, die damit erstens beobachtet und zweitens reintegriert werden.

Und in Deutschland?

NEUMANN: Der Generalbundesanwalt hat seit Beginn der Syrien-Krise mehr als 500 Verfahren gegen Leute eröffnet, die nach Syrien gereist sind. Eine unglaublich hohe Zahl, so etwas gab es noch nie. Und wenn Sie mit Leuten in den Behörden sprechen, glaubt keiner, dass alle bearbeitet werden und in allen Fällen Strafen verhängt werden können. Es ist also auch hier nötig, zu verstehen, wer gefährlich ist und verurteilt werden muss und wer mit anderen Methoden in die Gesellschaft reintegriert werden kann.

Was schlagen Sie konkret vor?

NEUMANN: Ein nationales Präventions-, Interventions- und Deradikalisierungsprogramm. Bisher gibt es nur Einzelinitiativen, aber keiner weiß, was funktioniert und was nicht. Viele der wirklich guten Initiativen sind völlig unterfinanziert, es gibt keinen systematischen Austausch, alles ist sehr chaotisch. Und jeder schiebt den Schwarzen Peter weiter: die Bundesministerien untereinander, der Bund den Ländern und umgekehrt. Geheimdienste und Polizei sind ständig damit beschäftigt, Brände zu löschen. Aber wir müssen uns auch mal um den Brandschutz Gedanken machen.

Sehen Sie politische Tendenzen in diese Richtung?

NEUMANN: Das ist im aktuellen Klima für Politiker sehr riskant. Keiner möchte derjenige sein, der so eine Maßnahme gepusht hat - und dann passiert etwas mit einem Rückkehrer. Für Politiker ist es einfacher zu sagen: Die sind alle gefährlich, wir müssen sie alle verurteilen - obwohl man weiß, dass es letztlich nicht funktionieren kann.

Zumal in Gefängnissen ja offenbar weiter radikalisiert wird.

NEUMANN: Radikalisierung in Gefängnissen passiert dort, wo sie überfüllt oder überfordert sind. Das muss man verhindern. Zweitens sollte es in jedem Gefängnis moderate Imame geben, die freitags das Gebet anführen können. In vielen Fällen der Gefängnisradikalisierung war es so, dass kein Imam da war und die Extremisten angeboten haben, das Gebet anzuführen. So wurden die zu Anführern der Muslime. Inzwischen gibt es in England und Holland in jedem Gefängnis moderate Imame, in Deutschland noch immer nicht. Drittens müssen Gefängniswärter für den Umgang mit Radikalisierung geschult werden.

Der Umgang ist ja generell ein Problem. Auch viele Eltern oder Lehrer wissen nicht so recht, wie sie auf Radikalisierung reagieren sollen.

NEUMANN: Deswegen ist es wichtig, dass es Hotlines gibt, die nicht zur Polizei führen. Viele Eltern wollen nicht, dass ihr Kind nach Syrien geht, sie wollen aber auch nicht, dass es ins Gefängnis muss. Daher haben sie oft alles Mögliche auf eigene Faust versucht und erst ganz am Ende, als nichts mehr ging, die Polizei angerufen. Und die Polizei macht dann das, was die Polizei eben macht: Sie nimmt den jungen Mann fest oder tut gar nichts.

Was schlagen Sie vor?

NEUMANN: Mehr unabhängige Elternberatung. Es gibt in Deutschland vier regional verteilte Hotlines, die aber personell sehr schlecht ausgestattet sind. Da stapeln sich hunderte Fälle. Und man braucht Jugend- und Sozialarbeiter, die wissen, wie sie mit jungen Leuten reden. Junge Leute, die bei Extremisten auflaufen, haben oft Identitätsprobleme, sie sehnen sich nach Gemeinschaft, Ordnung, Struktur. Es geht darum, diese Leute anzusprechen, bevor es die Extremisten tun.

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02.12.2015, 08:32 Uhr
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