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Die Hoffnung stirbt zuletzt

Jürgen Moltmann im mehrjährigen Briefwechsel mit einer US-amerikanischen Todeskandidatin

Die Hinrichtung der in den USA zum Tod verurteilten Kelly Gissendaner ist zum zweiten Mal im letzten Moment aufgeschoben worden. Der Tübinger evangelische Theologe Prof. Jürgen Moltmann engagiert sich für eine Umwandlung der Todesstrafe.

14.03.2015

Von Hans-Joachim Lang

Tübingen. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Vorsehung Gottes so trickreich sein könnte“, sagt Jürgen Moltmann. Er lächelt gequält, denn das Leben der 46-jährigen Amerikanerin steht noch immer auf der Kippe, in der vergangenen Woche gab es einen Aufschub von ungewisser Dauer. Vor 18 Jahren ist Kelly Gissendaner von einem Gericht im US-Bundesstaat Georgia zum Tod verurteilt worden, weil sie einen Freund anstiftete, ihren Mann zu ermorden. Der Mörder erhielt eine Gefängnisstrafe von 20 Jahren und kann mit seiner baldigen Freilassung rechnen.

Von einer amerikanischen Theologin, die während eines Praktischen Jahres auch theologische Kurse in einem staatlichen Frauengefängnis gibt, bekam Moltmann vor fünf Jahren den Aufsatz einer Gefangenen zugeschickt. Die Arbeit handelte von dem lutherischen Theologen und NS-Widerständler Dietrich Bonhoeffer und der Tübinger Gelehrte sollte dazu einen Kommentar abgeben. Über die Verfasserin wusste er nichts Näheres. „Es war erstaunlich“, sagt Moltmann rückblickend, „die Arbeit war sehr gut und auf dem Niveau eines hiesigen Proseminars.“

Kurz danach traf ein Brief aus dem Lee Arrendale State Prison bei ihm ein und er erfuhr nun von der Absenderin Kelly Gissendaner die ganze Geschichte und so viel Interesse, dass er ihr sein auf Englisch übersetztes Buch „Theologie der Hoffnung“ zukommen ließ. Es war der Anfang eines intensiven Briefwechsels und noch viel mehr. Als Moltmann nämlich ein Jahr später zum Reformationsfestvortrag nach Atlanta an die Emory University eingeladen wurde, fand in dem 100 Kilometer entfernten Frauengefängnis zufällig die Graduation Ceremony jenes theologischen Kurses statt, an dem Kelly Gissendaner und neun weitere weibliche Häftlinge teilgenommen hatten. Der mit zwölf Doktorhüten ausgezeichnete weltberühmte Professor sagte ohne Zögern zu, dort sogar eine kleine Ansprache zu halten.

Die „Theological Studies“ in dem Frauengefängnis werden von jungen protestantischen Theologen gehalten, die sich auf die Tradition katholischer Arbeitervereine berufen. Sie umfassen Bibelstudium, Geschichte, Ethik, und Seelsorge und enden nach einem Jahr mit einem Zertifikat.

„Kelly Gissendaner ist nicht nur eine intelligente Frau“, lobt Moltmann, „sie reflektiert ihr Schicksal theologisch und denkt selbstständig.“ Ihre Hinwendung zur Theologie sei alles andere als eine jener effekthaschenden „Jalehouse Conversions“, wie sie von manchen Sekten praktiziert wird. „Das Gefängnis liegt tief in der Pampa, ringsum Stacheldraht und Wachtürme, Eingangskontrollen wie auf Flughäfen.“ Die Häftlinge saßen in Gefängniskleidung bei Moltmanns Ankunft in einer Kirchenbaracke, die Absolventen des theologischen Kurses trugen Barette und Talare wie Kollegiaten.

Den im nächsten Monat 89-jährigen Theologen erinnerte die Situation im Gefängnis an seine Kriegsgefangenschaft und kam in seiner kurzen Ansprache darauf zu sprechen. „Ich weiß wie es einem Gefangenen geht, der das Selbstbewusstsein verliert und in der Versuchung steht, sich selbst aufzugeben und zynisch zu werden.“ Und er sprach über Gotteserfahrung aus Selbsterfahrung. Anschließend hatten er und die Gefängnisseelsorgerin – in einem verschlossenen Raum ohne Türklinken – noch eine Stunde lang Gelegenheit zu einem Gespräch mit Kelly Gissendaner.

„In demokratischen Gesellschaften“, sagt Moltmann, „hat die Todesstrafe keinen Platz.“ Dessen ungeachtet erreichte ihn im vergangenen November ein Brief der Todeskandidatin, dass ihre Hinrichtung auf den 25. Februar terminiert sei. Am Abend davor klingelte in Moltmanns Wohnung das Telefon, ein Freund teilte mit, dass die Begnadigung abgelehnt worden sei.

.Der Theologe zündete eine Kerze an und verweilte in Gedanken bei Kelly Gissendaner, die vor Weihnachten ein letztes Mal geschrieben und sich für mitfühlenden Trost bedankt hatte. Tags darauf erfuhr Moltmann, dass wegen eines Schneesturms der Transport der Gefangenen zur Todeszelle nicht möglich war. Aufschub bis zum 1. März. Und bei diesem zweiten Termin war die Giftampulle bereits aufgezogen, als wegen einer sichtlichen Trübung der Flüssigkeit die Henker zweifelten, ob das Gift wirken würde.

Nun werden Unterschriften gesammelt, Petitionen eingereicht. „Die Fundamentalisten in Georgia sind sehr stark“, sagt Moltmann. Aber die Hoffnung, die stirbt zuletzt.

Prof. Jürgen Moltmann im staatlichen Frauengefängnis des US-amerikanischen Bundesstaats Georgia. Dort überreichte er im Jahr 2011 ein Theologie-Zertifikat an die zum Tod verurteilte Kelly Gissendaner. Bild: Borden/Emory University

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Erstellt:
14. März 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
14. März 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. März 2015, 12:00 Uhr

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