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Koin G’ruch, koin G’schmack

Jürgen Hirning siegt beim Mostseminar in der Mössinger Kulturscheune

Mostseminar in der Mössinger Kulturscheune: Das ist auch für Menschen ein Vergnügen, die dem Schwabentrunk nicht unbedingt zugetan sind.

26.04.2010

Von jürgen jonas

Mössingen. Der Homo Heidelbergiensis soll der Erfinder des Mostes gewesen sein. Deshalb nämlich, weil ein männliches Exemplar vor etwa 500 000 Jahren an Unterkieferarthritis mit beständigem Schmerzen litt. Eines Tages warf er Holzäpfel in eine Wassergrube, wo sie vor sich hinwirtschafteten. Nach einiger Zeit begann der Urmann, den Saft ausgiebig zu verkosten, der ihm, leicht säuerlich und herb, nicht nur köstlich mundete, sondern auch das Zahnweh zum Verschwinden brachte. Allerdings konnte er auch nicht mehr recht aufrecht gehen. Jedenfalls soll so das erste Mostrezept in die Welt gekommen sein. Wenn man dem Autor Traugott Haberschlacht glauben darf, den Michael Niethammer zitierte, als er, für das Café Chamäleon, hoch droben in der Kulturscheune die Gäste begrüßte, die zum fünften Mostseminar strömten.

Mehr Schein als Sein des Blenders

Niethammer erzählte auch aus den Anfangstagen des Cafés, als er 600 Liter bereitete, um das Getränk zu einem guten Preis an die Gäste auszuschenken. Nach geraumer Zeit waren freilich gerade mal 30 Liter verbraucht, „und das liegt deutlich unter meinem eigenen Verbrauch“. So kam man darauf, gemeinsam mit dem Netzwerk Streuobst und dem Obst- und Gartenbauverein Mostseminare mit Verkostung einzuberufen. Am Freitagabend war es soweit, wieder unterhielt Christoph Herrmann die Gäste mit seinem Akkordeon, es gab Speck- und Zwiebelkuchen, Mostverkoster brauchen eine solide Grundlage. Brotstückchen und Wasserkaraffen standen auf den Tischen, zwecks Geschmacksneutralisation.

14 Proben waren zu bewerten, wie immer nach Farbe und Geruch mit fünf und natürlich Geschmack mit zehn Punkten. „Je besser der Most, desto höher die Punktzahl“, gab Hans Wener, OGV-Chef, als Leitlinie aus. Dann wurde aufgetragen und eingeschenkt. Die Experten schätzten die Farbe ein. Hielten die Nase hinein. Spitzten die Lippen. Schmeckten und schluckten. Schon begann die teils gnadenlose Beurteilung.

„Farbe hat er eine schöne“, aber doch auch einen gewissen „Hefe- und Fassgeruch.“ Einer hat „Superfarbe“, sonst nix. „So wöllt i koin!“ „Noi, net guat!“ „Weibermoscht.“ „Der tuat bloß dr Kläranlag' guat!“ Einer kommt moussierend ins Glas: „Mehr Schein als Sein.“ Nämlich „ein Blender.“ „Koin G'ruch, koin G'schmack!“ Und der? „Den sauft koi Katz!“ Und jener? „Ein Abführmittel,“ da sei das Mössinger Hahnewasser ja noch besser. „Herr Niethammer, es wird immer minder!“ Positives war ab und an auch zu hören: „Wunderbarer Birnen- und Apfelmost.“ Oder „der isch et schlecht!“ Was nicht getrunken wurde, kam aus den Probiergläschen in ein Weizenbierglas, „es ist wie in der Urologie.“ Heitere Stimmung allenthalben.

Der Zuhörer lernte viel: Birnen wirken „adstringierend“ auf die Backen, ziehen sie nach innen, sagte Wener. Schweizerbirnen geben Weibermost. Man erfuhr, wie „Bauernsekt“ bereitet wird: Wenn er im Fass anfängt zu schaffen, wird die Flüssigkeit einfach in ein paar Bügelbierflaschen eingefüllt, „das trinken auch Frauen gern“.

Noch nie einen so guten Most

Die Gruppen an den Tischen hatten einen Schriftführer bestellt, der die Zahlen eintrug, die Dieter Weimar, am Computer sitzend, eingab und auswertete. Währenddessen wurde der Film „Abenteuer Apfel“ von Quenstedt-Schülern der zehnten Klasse gezeigt, ihre Facharbeit für „Naturwissenschaft und Technik“. Hervorgegangen aus der Betreuung der Streuobstwiese des Gymnasiums, die Alex, Moritz, Kevin und Markus filmisch dokumentierten, vom Sammeln der Früchte über den Besuch in der Mosterei Streib, die Bestimmung des Öchslegehalts und die Schwefelung.

Rudolf Weners Most belegte den sechsten Platz mit 159 Punkten, Dieter Weimar bekam mit seinem 160 Punkte, Karl Maiers erhielt 165 Punkte, einen mehr hatte man dem von Hans Streib zugemessen, der Hans-Wener-Most lag mit 176 Punkten auf Platz zwei. 186 Punkte schließlich erhielt der Sieger und dafür einen schönen Mössinger Krug. „Normal müsst meiner der Best' sein“, hatte er in einer Vorahnung gesagt. Es war der Gomaringer Jürgen Hirning, Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins in Gomaringen. Oberösterreicher bilden bei ihm zu 75 Prozent die Grundlage, der Rest setzt sich aus etwa 25 verschiedenen Apfelsorten zusammen. „So einen guten Most hatte ich noch nie.“ Nun strebt er für Gomaringen „heftig“ eine ähnliche Mostverkostungsveranstaltung an.

Was für eine strenge Jury! Schauen, riechen, schmecken, schlucken: Mostverkostung in der Kulturscheune. Bild: Rippmann

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Erstellt:
26. April 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. April 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. April 2010, 12:00 Uhr

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