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Joumana Hijjo muss aus der Wohnung in Nehren ausziehen und findet keine neue Bleibe für die Familie
Neriman (17), Josef (2), Ezzat (5), Mutter Joumana Hijjo und die sechsjährige Layal müssen ihr Nehrener Haus verlassen. Die Suche nach einer neuen Bleibe belastet die Familie sehr, denn entweder die Wohnungen passen nicht, oder sie bekommen Absagen. Bild: Rippmann
Wohnungsnot: „Keiner möchte so viele Kinder“

Joumana Hijjo muss aus der Wohnung in Nehren ausziehen und findet keine neue Bleibe für die Familie

Joumana Hijjo ist nicht anspruchsvoll. Trotzdem findet sie einfach keine neue Bleibe für sich und ihre große Familie.

05.01.2018
  • Gabi Schweizer

Es war ein schöner Nachmittag am 16. Juli 2006.“ Joumana Hijjo erinnert sich noch ganz genau an dieses Datum, das das Leben ihrer Familie für immer verändern sollte. „Wir waren in Neckartailfingen an einem See, zum Grillen.“ Sechs Jahre alt war ihre Tochter Neriman damals. Die Schwimmflügel müssen ihr lästig geworden sein. Jedenfalls zog sie sie aus, ehe sie Matsch holen ging. Ein harmloses Kinderspiel. Scheinbar harmlos. „Dann ist jemand mit dem Schlauchboot über sie drüber.“ Minutenlang war das Mädchen unter Wasser, bekam keine Luft.

Heute kann Neri nur noch über Mimik „Ja“ und „Nein“ signalisieren. Sie sitzt im Rollstuhl und ist rund um die Uhr auf Pflege angewiesen. „Schwere spastische Tetraparese“ lautet die Diagnose. Sie hat keine Kontrolle über die Bewegungen von Armen und Beinen mehr. Schlafstörungen machen ihr und auch den Angehörigen zu schaffen. Sie müssen um Mitternacht aufstehen, um die junge Frau zu wickeln, sie umzulagern oder sie zu unterhalten.

Mutter Joumana Hijjo wirkt wie jemand, der sich nicht so schnell unterkriegen lässt. „Wir leben den Tag, täglich.“ Neri dauerhaft in ein Heim zu geben, das kann die Mutter sich nicht vorstellen. Aber momentan kommt selbst die 40-Jährige an ihre Grenzen. Ende September hätte sie mit ihrer Großfamilie aus dem Nehrener Haus ausziehen sollen, in dem sie mit sechs Kindern zur Miete wohnt. Der Eigentümer möchte es verkaufen, er hat darum Eigenbedarf geltend gemacht.

Eine neue, passende Wohnung ist aber nicht in Sicht, obwohl die Familie seit Februar auf der Suche ist. „Die Nerven sind sowieso kaputt, weil du deine Tochter fast verloren hast.“ Und zu alldem komme noch der Stress mit der Wohnungssuche, resümiert Joumana Hijjo resigniert: „Du findest nichts. Null. Keiner möchte so viele Kinder. Keiner möchte Hartz IV. Wir hängen in einem Loch und kommen nicht mehr raus.“

An einem regnerischen Januarmorgen sitzen sie im Wohnzimmer auf dem Sofa: Mutter Joumana, Neri, die Kinderkrankenschwester von der Diakonie-Kinderkrankenpflege Metzingen und die drei jüngsten Kinder: Josef (2), Ezzat (5) und Layal (6). Die Kleinen sind noch ein bisschen verschlafen. Außer Neri haben sie noch drei weitere erwachsene Halbgeschwister. Eine Schwester, 19 Jahre alt, macht gerade ein ein FSJ, eine weitere, 21, hat soeben ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau abgeschlossen. Beide wohnen noch im Haus. Der Älteste, 22, ist bereits ausgezogen.

Es sind mehrere Gründe, die es für die Hijjos schwierig machen, auf dem Wohnungsmarkt etwas zu finden. Wegen Neris Rollstuhl muss der Zugang barrierefrei sein. In ihrem Zimmer müssten die Hijjos wieder eine Liegedusche und einen Deckenlifter installieren. Sie wolle nicht, dass in ihrem Haus umgebaut wird: Mit diesen Worten hat schon einmal eine potenzielle Vermieterin abgelehnt.

Eine Vermietungsfirma wiederum wollte nicht so viele Menschen in einer Wohnung. Und manches Mal fragt sich Joumana Hijjo, ob es nicht an ihrem Kopftuch liegt, dass die Leute am Telefon ganz freundlich sind, sie beim Besichtigungstermin aber schnell abwimmeln. „Nicht nur Deutsche, sondern auch Türken.“ Joumana Hijjo selbst ist als Tochter einer palästinensischen Flüchtlingsfamilie in Beirut geboren und mit zehn Jahren nach Deutschland gekommen.

Nächstes Problem: Joumana Hijjo bezieht Hartz IV. An sich ist das für Vermieter eine sichere Bank, das Geld kommt direkt vom Amt. Die „angemessenen Unterkunftskosten“ jedoch sind nach Hijjos Erfahrung utopisch. Einmal hat sie einem Vermieter angeboten, die Differenz selbst zu bezahlen. Der Mann hat es sich überlegt, dann aber doch abgesagt. „Er hatte Angst, dass ich die 270 Euro im Monat nicht mehr bezahlen kann.“

Auf Härtefallregelungen wagt Joumana Hijjo nicht zu hoffen. „Die Ämter sind anders geworden“, findet sie. „Früher waren die freundlicher, hilfsbereiter. Jetzt hörst du immer wieder: nein!“ Die Tabelle kennt Joumana Hijjo fast auswendig. Eine Wohnung in der Stadt Reutlingen dürfte maximal 1030 Euro kalt kosten und höchstens 150 Quadratmeter groß sein, damit das Jobcenter die Miete übernimmt. Für umliegende Städte und Kreisgemeinden gelten andere Mietstufen.

Joumana Hijjo ist nicht anspruchsvoll, weder bei der Ausstattung noch bei der Größe. Wenn eine Wohnung vier oder fünf Zimmer hätte, wäre sie damit vollkommen glücklich. Reutlingen wäre toll, dort leben Joumana Hijjos Geschwister und ihre Eltern. Die sind selbst hilfsbedürftig, und die 40-Jährige würde sie gern mehr unterstützen.

Jede andere Gemeinde im 20-Kilometer-Umkreis wäre ebenso willkommen. „Wir suchen sogar schon Richtung Stuttgart.“ Joumana Hijjo hat darüber nachgedacht, ob es Sinn machen würde, die beiden erwachsenen Töchter ausziehen zu lassen, dann wäre die Familie kleiner, die Suche eventuell einfacher. Aber dann wäre es schwieriger, sich bei Neris Betreuung abzuwechseln. Die Familie würde auseinander gerissen. Der Gedanke gefällt Joumana Hijjo ganz und gar nicht.

Seit Februar studiert Joumana Hijjo Wohnungsanzeigen, fragt herum. Viele wollten ihr helfen und seien sogar bereit, für sie zu bürgen. Die Gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften (GWG) in Reutlingen und Tübingen hat Hijjo kontaktiert, die Gemeinde Nehren angeschrieben und die Reutlinger Oberbürgermeisterin Barbara Bosch. In deren Namen antwortete die GWG – bedauernd zwar, aber ohne Lösung.

Für Geld arbeiten: Das würde Joumana Hijjo ja gerne. „Tagsüber sind die Kinder ja im Kindergarten und in der Schule.“ Aber eine Berufsausbildung hat sie nicht, und sowieso scheinen Job- und Wohnungsmarkt gewisse Parallelen aufzuweisen: „Keiner möchte einer Mutter Arbeit geben.“ Als ihre älteren Kinder klein waren, schien ihr das leichter. Sie war damals als Putzfrau oder Verkäuferin in der Bäckerei beschäftigt. „Damals hatte ich noch kein Kopftuch.“

Auch Ehemann Mohammed, von Beruf Sicherheitsmann, ist momentan erwerbslos. Einmal haben sie es mit einem eigenen Lebensmittelladen versucht, aber das hat nicht geklappt. Von Joumana Hijjos erstem Ehemann, dem Vater der älteren Kinder, ist keine Hilfe zu erwarten. Er hat den Kontakt schon vor Jahren abgebrochen.

Auch Nerimans Kinderarzt Till Reckert aus Reutlingen hofft sehr, dass es für die Familie bald klappt mit einer neuen Wohnung. „Das sind die schwächsten in der Kette, die Familien mit schwer mehrfachbehinderten Kindern. Da kann man nicht beliebig zusammenrücken.“ Er kennt das Problem gut. Kein Verständnis hat er für jene, die dann sagen, die Frau arbeite ja gar nicht: „Frau Hijjo arbeitet richtig viel. Sie versorgt viele Kinder und macht das richtig gut.“

Im Nachhinein weiß Joumana Hijjo: Sie hätte niemals aus ihrer Reutlinger GWG-Wohnung aus- und nach Nehren ziehen sollen. Fünf Jahre liegt dieser Wechsel nun zurück. Die Familie wuchs und brauchte Platz. Und Neriman wurde größer, so dass es immer schwieriger war, ihren Rollstuhl über die Eingangsstufen zu hieven. Das Haus in Nehren schien ideal, und dass zunächst mal viel Eigeninitiative angesagt war, um es auszuräumen und herzurichten, schreckte die Hijjos nicht.

Neris Zimmer liegt im Erdgeschoss, die paar Stufen zum Eingang sind mit einer Rampe leicht zu überbrücken, der Platz reicht für alle und die Dreifürstensteinschule in Mössingen ist nicht weit. „Sie hat sich, seit sie in Nehren ist, richtig stabilisiert“, berichtet ihr Arzt. Der Mietvertrag war auf fünf Jahre befristet. „Ich hab‘ mir keinen großen Kopf gemacht“, gibt Joumana Hijjo zu. Wäre sie bei der GWG geblieben, hätte diese vielleicht irgendwann eine passendere Wohnung für sie gefunden.

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05.01.2018, 01:00 Uhr
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