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Vielsagende Gedankenstriche

Jossi Wieler über seine Stuttgarter Opernintendanz und Beethovens "Fidelio" zum Saisonstart

Als erste Premiere der neuen Saison bringt die Oper Stuttgart am Sonntag Ludwig van Beethovens "Fidelio" heraus. Ein Gespräch mit Jossi Wieler über seine Intendanz und seine Arbeit als Regisseur.

21.10.2015
  • JÜRGEN KANOLD

Stuttgart Noch vor der ersten Saison-Premiere sorgte die Oper Stuttgart für Schlagzeilen. Erst feierten die Kritiker der "Opernwelt" in ihrer Jahresumfrage die Arbeit des Hauses am Eckensee, dann gab Intendant Jossi Wieler bekannt, seinen Vertrag nicht über 2018 hinaus zu verlängern. Der Grund: die persönliche Lebensplanung.

Es ist seither viel spekuliert worden. Aber der 64-jährige Wieler, ein intellektueller Kopf und ein höchst integrer Teamplayer, versichert beim Gespräch im Intendantenbüro noch einmal: Nein, alles laufe in Stuttgart bestens, unverdrossen werde er die vielen Pläne verwirklichen. Es sei schlichtweg seine private Entscheidung, in drei Jahren zu gehen und wieder auch andernorts, nicht zuletzt im Schauspiel, zu inszenieren. "Ich bin gesund, falls man meint, es gäbe andere Gründe. Der Job des Intendanten ist keine Position auf Lebenszeit, wir sind nicht in einer Monarchie, und das Theater lebt von Veränderungen."

Und das große Thema Generalsanierung? Wann und in welchem Unfang die Baumaßnahmen beginnen, wo dann ein Übergangsspielort gefunden werden kann, ist offen - aber klar ist: Ein Stuttgarter Opernintendant wird dann als Manager gefragt sein. Will er sich das nicht antun? Nein, auch das habe keine Rolle gespielt in seinen Zukunftsgedanken, erklärt Wieler. Und pocht freilich auf die Dringlichkeit des Großprojekts: "Das Opernhaus ist eine alte, mehr als 100-jährige Dame, bei der das Lifting nicht mehr genügt. Das Opernhaus muss von Grund auf saniert werden."

Jossi Wieler ist ein erfolgreicher Intendant, aber er ist vor allem auch Regisseur. Zusammen mit seinem Chefdramaturgen Sergio Morabito inszeniert er in Stuttgart pro Spielzeit zwei Opern - stilprägend fürs Haus. Wieler gehört zu den künstlerischen Intendanten, er studiert mit Sicherheit lieber Partituren und Libretti als Baupläne.

Man spürt das sofort, wenn er über die Neuproduktion von Ludwig van Beethovens Oper "Fidelio" spricht, die am Sonntag Premiere feiert. Aber er tut es nachdenklich, akribisch, skrupulös, mit leiser und um die treffende Formulierung ringender Stimme. Plakatives ist von diesem Schweizer nicht zu erwarten, nicht im Interview und auch nicht auf der Bühne.

Die Freiheitsoper "Fidelio" in diesen politisch aufwühlenden Zeiten? Da bremst der Regisseur gleich mal ab: "Der Reflex von Musiktheater auf das tagespolitische Geschehen wäre nicht sehr förderlich. Wir interpretieren die alten Werke immer für eine Gegenwart, da schwingt eine zeitgenössische Sicht mit. Es wäre falsch, eine fiktive Geschichte auf nur einen gesellschaftlichen oder politischen Nenner engzuführen." Gerade der "Fidelio" verhandele eben nicht allein den Terror eines politisches Systems. Es gehe ja zum Beispiel auch um die Befreiung einer Frau, Leonore, die sich geradezu fanatisch auf die Suche nach ihrem gefangenen, teils totgeglaubten Gatten macht, dafür eine andere Identität annimmt, ja undercover im Provinzgefängnis von Sevilla ihren Florestan sucht.

Wie gehen Wieler und Morabito mit den Dialogen um, die oft gestrichen werden, ja nur als knappe Hinführung zu den Arien dienen? Sie spielen den "Fidelio" fast ungekürzt nach der Fassung letzter Hand von 1814. "So banal wie man immer meint, sind die Dialoge nicht. Man muss sie genau abklopfen nach einem doppelten Boden. Es geht um Menschen, die in einem Gefängnissystem leben, überwacht werden. Was meint die Sprache wirklich? Es gibt im Libretto viele Gedankenstriche, fast wie in einem Drama Kleists - was wird da eigentlich nicht gesagt, was traut man sich nicht zu sagen? Es wird in unserer Inszenierung eine andere Balance entstehen zwischen Sprache und Musik."

Typisch Wieler - er versenkt sich kompromisslos ins Werk. Schlagzeilen will er nicht mit seiner Person machen, sondern nur mit seiner Musiktheater-Arbeit.

Jossi Wieler über seine Stuttgarter Opernintendanz und Beethovens "Fidelio" zum Saisonstart
Jossi Wieler inszeniert "Fidelio" - im Hintergrund Michael König (Florestan), Dirigent Sylvain Cambreling und Sergio Morabito (Co-Regisseur). Foto: A.T.Schaefer

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21.10.2015, 12:00 Uhr
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