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IG Metall wird intellektueller und weiblicher

Jörg Hofmann und Christiane Benner gewählt

Die mächtigste Einzelgewerkschaft der Welt steht vor einer Zäsur. Mit großer Mehrheit wählte die IG-Metall den Diplom-Ökonomen Jörg Hofmann und die Soziologin Christiane Benner an ihre Spitze.

21.10.2015
  • THOMAS VEITINGER

"Es gibt große Stunden im Leben. Wir schauen an ihnen hinauf, wie an kolossalen Gestalten der Zukunft und des Altertums, wir kämpfen einen herrlichen Kampf mit ihnen, und bestehen wir vor ihnen, so werden sie wie Schwestern und verlassen uns nicht." Vielleicht dachte Jörg Hofmann gestern an diese Worte. Der neue IG-Metall-Vorsitzende schätzt Friedrich Hölderlin, wie er einmal verriet.

Wahrscheinlich ist dies aber nicht so. Hofmann hält sich nicht lange mit der Vergangenheit auf. Sein Blick geht nach vorn. Erreichtes ist ihm wichtig, das Morgen aber wichtiger. Hofmann hat zwar Kämpfe geschlagen und die Erfolge machen ihn nun zum mächtigsten Mann der größten Einzelgewerkschaft der Welt: Die Delegierten des IG-Metall-Gewerkschaftstages haben den 59-Jährigen zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Aber das war zu erwarten gewesen.

Interessanter ist, wie viele Arbeitnehmervertreter des höchsten Entscheidungsorgans der Gewerkschaft ihm folgen. Die bisherige Nummer eins, Detlef Wetzel, bekam bei seine Wahl vor zwei Jahren nur 75,5 Prozent der Stimmen - ein klassischer Fehlstart. Mit noch weniger Prozenten wurde in der IG-Metall-Geschichte nur der umstrittene Jürgen Peters während eines Führungsstreits im Jahr 2003 abgestraft. Hofmann dagegen errang gestern 91,3 Prozent.

Das sehr gute, aber nicht brillante Ergebnis beruht auf seinen Erfolgen und Visionen. Dem Württemberger werden nicht nur gute Beziehungen in die Wirtschaft, sondern auch in die Politik nachgesagt - die bei den Vorgängern weniger ausgeprägt waren. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) rechnet mit einer guten Zusammenarbeit, wie er am Eröffnungstag des Kongresses erklärte. Dies ist ein Ziel der Gewerkschaft: "Den Delegierten verspreche ich, dass wir das konstruktive Klima zwischen uns und der Politik mit Nachdruck nutzen werden, um weitere Forderungen durchzusetzen", kündigte Wetzel vor der Wahl an. Im Blick hat er "den Stopp des Missbrauchs von Werkverträge", mehr Demokratie in Betrieben, die Zukunft der Industrie.

Hofmann hat seine Dialogfähigkeit und seinen Weitblick mehrfach unter Beweis gestellt. Seine Feuertaufe war das 2004 ausgehandelte und noch heute in Wirtschaft und Gewerkschaft gerühmte Pforzheimer Abkommen: Unternehmen können kurzfristig vom Tarifvertrag abweichen, wenn sie wirtschaftliche Probleme haben, der Flächentarifvertrag bleibt bestehen. "Die Pforzheimer Tarifvereinbarung war ein Musterbeispiel für gelungene interne Flexibilisierung", lobt Wetzel.

Mehrere Pilotabschlüsse gehen auf das Konto Hofmanns, wie etwa der sich in wirtschaftlichen Schwächephasen bewährte Tarifabschluss über Arbeitszeitkonten, Altersteilzeit und Leiharbeit. Die in der jüngsten Tarifrunde eingeführte Bildungsteilzeit trägt ebenfalls seine Handschrift. Für Hofmann ist sie die Antwort auf demografischen Wandel, Fachkräftemangel und Digitalisierung - einige der großen Herausforderungen der Gewerkschaft.

Zwar ist auch Hofmann kein herausragender Redner. Seine Stimme klingt etwas gedrückt, manchmal geradezu zögerlich. Nach zehn Jahren an der Spitze des traditionellen Metall-Pilotbezirks Baden-Württemberg greift der eher schüchterne Württemberger auch höchst selten zu Funktionärsvokabeln wie "Ausbeutung", wenn es um Leiharbeiter geht. Statt auf dem Marktplatz Parolen zu schmettern, argumentiert er kundig mit Tarifdetailwissen. Die Zeiten eines Franz Steinkühler, der noch lautstark auf die Dreifaltigkeit politischer, gesellschaftlicher und sozialer Grundsätze pochte, sind mit Hofmann endgültig vorbei.

Eine Kollegin von ihm skizziert Hofmann sogar mit "brutal schlau". "Er kann sich extrem in Sachen einarbeiten. Wenn er nachts um 3 Uhr geweckt wird, betet er sicher Details aus dem Arbeitsrecht herunter." Oft sei er im Kopf schon weiter, das erklärten seine "manchmal leicht verquasten Sätze".

Selbst auf der anderen Seite, bei Südwestmetall, finden sich positive Worte. "Er ist kein ideologischer Hardliner", sagt ein langjähriger Verhandlungspartner, "er ist nicht verbohrt sondern eher knitz." Hofmann kämpfe bis zum letzten Wort. "Wenn er mit der einen Begründung nicht landen kann, versucht er es mit anderen Argumenten." Dabei sei er absolut fundiert und nur "ganz selten kann ihm Nichtwissen nachgewiesen werden". Mit ihm werde die Gewerkschaft Schwung bekommen, heißt es bei Südwestmetall. Die Arbeitgebervertreter wissen: Unterschätzt werden darf der schwäbelnde Träger einer dicken Brille auf keinen Fall. Hofmann selbst sagt über sich: "Wenn ich ganz leise spreche, wissen meine Gesprächspartner: jetzt ist es mir ganz ernst."

Der Lehrersohn aus der kleinen Gemeinde Oppelsbohm (Rems-Murr-Kreis) ist der erste IG-Metall-Chef mit Uni-Abschluss: Nach einer abgebrochenen Landwirtschaftslehre studierte er Ökonomie und Soziologie in Stuttgart-Hohenheim, Paris und Bremen. Heute gibt der Diplom-Ökonom als Berufsbezeichnung schlicht "Gewerkschafter" an. Wie er sich die Zukunft der 124 Jahre alten Arbeitnehmervertretung vorstellt, will er heute in Frankfurt bekannt geben. Vorab hat er gefordert: "Wir sollten ein neues Normalarbeitsverhältnis anstreben, das eine unbefristete Vollzeitarbeit mit der Option der zeitweisen Absenkung von Arbeitszeiten für Pflege- und Betreuungsaufgaben, Zeit für berufliche Bildung und flexible Altersübergänge verbindet." Aus Hofmanns Worten "leuchtet die Zukunft hervor", wie es im wohl wichtigsten Gewerkschaftslied "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" heißt.

Seine Stellvertreterin Christiane Benner steht noch stärker für eine IG Metall 2.0. Die Expertin für Gleichberechtigung, Arbeitszeitordnung und digitale Wirtschaft ist die erste Frau im Spitzengremium und wurde von 91,9 Prozent der anwesenden 480 Delegierten gewählt. Die 47-Jährige dürfte nach einem ungeschriebenen Gesetz der IG Metall einmal Hofmann ablösen. Die Soziologin gilt als nicht abgehoben und sucht bei Sachthemen gern die Meinung der Basis. Benner hat aber einen "gewerkschaftlichen Makel": sie ist für keinen Pilotabschluss verantwortlich. An ihrer Person kann die Gewerkschaft noch zeigen, wie reformfähig sie selbst ist.

Jörg Hofmann und Christiane Benner gewählt
Das neue Spitzenduo der IG Metall lächelt um die Wette: Jörg Hofmann und seine Stellvertreterin Christiane Benner. Foto: dpa

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21.10.2015, 12:00 Uhr
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