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Inflation

Jetzt ist sie wieder da

Niedrige Zinsen empören Sparer und freuen Kreditnehmer. Die Zentralbank will Preissteigerungen erzwingen, die Verbraucher ärgern. Warum nur? Wie das alles miteinander zusammenhängt.

27.03.2017
  • HELMUT SCHNEIDER

Die Sache mit der Inflation ist so, wie die meisten wirtschaftlichen Zusammenhänge sind: mehrschichtig. Und deshalb ist die Frage, was gut oder schlecht, richtig oder falsch ist, nicht eindeutig zu beantworten. Um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: Preissteigerungen sind für Verbraucher schlecht, für Schuldner gut und für eine Volkswirtschaft als Ganzes mal das eine, mal das andere. Ganz kompliziert wird es für einen Währungsverbund wie den Euro, der Volkswirtschaften mit unterschiedlicher Leistungsfähigkeit und unterschiedlicher Verschuldung mit einem gemeinsamen Zins steuert. Im Folgenden der Versuch, das Thema Inflation zu umreißen:

Preismacher Markt Wer macht, dass die Preise steigen? Grundsätzlich macht dies der Markt nach der bekannten Formel „Angebot und Nachfrage regeln den Preis“. Die Preise von Waren, Dienstleistungen oder von Krediten (Zins) können die Anbieter festlegen. Ob sie zu diesem Preis auch Käufer finden, ist nicht gesagt. Dazu braucht es Interessenten (Nachfrage). Über den Preis finden beide Seiten zusammen.

Zinsmacher Zentralbank In einer Marktwirtschaft werden Preise nicht von der Regierung direkt festgesetzt. Aber es gibt indirekte Mittel. Wichtigster Akteur ist hier die Notenbank, im Falle des Euro-Verbundes also die Europäische Zentralbank (EZB). Sie ist gewissermaßen die Bank der Banken. Die Zentralbank legt den Preis des Geldes fest, den die Banken zahlen müssen, wenn sie bei ihr Geld ausleihen. Der Gedanke dabei ist, dass die Geschäftsbanken eine Veränderung des Leitzinses an Verbraucher und Unternehmen weitergeben, ihre eigenen Zinsen also erhöhen oder senken.

Konjunkturmacher Dass der Zins oder der Preis des Geldes einen entscheidenden Einfluss darauf haben kann (aber nicht immer haben muss), ist offensichtlich. Unternehmen machen ihre Investitionen auch davon abhängig, wie teuer die Kredite dafür sind; ähnlich verhalten sich Verbraucher, wenn sie auf Pump konsumieren (Auto) oder investieren, indem sie ein Haus bauen oder eine Wohnung kaufen. Unternehmen und Verbraucher sind beide meist Schuldenmacher. Ohne Schulden zu machen ist Wirtschaften oft gar nicht möglich.

Schuldenmacher Staat Kredite sind aber vor allem für den Staat von enormer Bedeutung. Kein Staat kann (oder will) darauf verzichten. So lange sich der Schuldenstand im Rahmen dessen bewegt, was der Staat auch zurückbezahlen kann, ist dies unproblematisch. Schwierig wird es, wenn die Verschuldung eines Landes so groß und zugleich die Wirtschaftskraft (Wirtschaftswachstum) so gering ist, dass nicht ersichtlich ist, wie die Schulden jemals zurückbezahlt werden können. Das ist bei Griechenland der Fall, das seit Jahren nur mit immer neuen Krediten und Bürgschaften vor dem Staatsbankrott bewahrt wird. Die Kredite (übrigens mehr oder weniger für Nullzinsen) kommen von der EZB, dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Union.

Problemmacher Hohe Schulden und hohe Zinsen führen bei Staaten nicht anders als bei Privaten und Unternehmen tendenziell in die Pleite. Unternehmen verschwinden im Zweifelsfall vom Markt, Private müssen den Offenbarungseid leisten. Staaten verschwinden nicht. Sie werden entweder von anderen gestützt (wie Griechenland und andere zuvor) oder sie bezahlen die Schulden nicht mehr. Prominentester Fall der jüngeren Vergangenheit war Argentinien. Die Folge: Niemand leiht ihnen mehr Geld.

Erdrückende Zinsen Weil hohe Zinsen die hoch verschuldeten Staaten in Europas Süden in große Schwierigkeiten bringen würden, zielt die EZB unter ihrem Präsident Mario Draghi indirekt auch darauf ab, die Zinsen zu drücken. Damit will Draghi zweierlei erreichen: Die Konjunktur ankurbeln und zugleich den Schuldendienst der Staaten erträglich halten. Das gelingt nicht zwangsläufig. Der Konjunktureffekt wird dann nicht erreicht, wenn die Unternehmen zwar billige Kredite bekommen, aber aus anderen Gründen (schlechte ökonomische und politische Rahmenbedingungen im jeweiligen Land zum Beispiel) nicht investieren wollen. Und Ziel Nummer zwei – den Schuldendienst erträglich halten – funktioniert auch nur, wenn das Wirtschaftswachstum (und damit die Steuern/Staatseinnahmen) ausreichend ausfällt. Im Falle Griechenlands ist das unklar.

Das Dilemma 19 unterschiedliche Länder haben eine gemeinsame Währung, deren Preis (Leitzins) von einer gemeinsamen Notenbank festgesetzt wird. Wenn die Volkswirtschaften aber zu unterschiedlich sind, resultiert daraus zwangsläufig das Dilemma, dass der einheitliche Zinssatz in einer boomenden Wirtschaft zu niedrig und in einer schwächelnden Wirtschaft zu hoch sein kann.

Gute Inflation Wenn Brot, Kino und Haareschneiden teurer werden, ist das für den Verbraucher eine unangenehme Sache. Warum Preissteigerungen auch angenehme Seiten haben, leuchtet Otto Normalverbraucher nicht gleich ein. Einleuchtend ist allerdings, dass Preise nur steigen, wenn die Dinge gekauft (oder nachgefragt) werden wollen. Das setzt voraus, dass die Nachfrager mehr Geld haben. Deshalb sind höhere Preise in der Regel auch mit steigenden Einkommen oder Löhnen verbunden – eine für den Verbraucher angenehme Sache.

Für die Zentralbank ist ein bisschen Inflation die beste aller Welten. Hauptsächlich aus zwei Gründen: Gibt es gar keine Inflation, ist das Wirtschaftswachstum normalerweise gering und der Leitzins zur Ankurbelung der Konjunktur meist bereits bis auf Null Prozent gesenkt worden (wie in den vergangenen Jahren); die Zentralbank kann dann ihr wichtigstes Instrument – die Senkung des Leitzinses – nicht mehr oder nur ganz eingeschränkt (Minus- oder Strafzinsen) einsetzen.

Schlechte Deflation Der zweite Grund ist wichtiger. Dass hohe Inflation eine Volkswirtschaft ruinieren kann, haben die Deutschen in ihrer Geschichte leidvoll erfahren. Das Gegenteil von Inflation – nämlich Deflation – kennen sie nicht, Japan aber durchaus. Das geringe Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre hat seine Ursache darin, dass die Preise trotz aller Gegenmaßnahmen nicht gestiegen, sondern gefallen sind.

Wenn die Preise aber ständig sinken, kann das bei Verbrauchern und Unternehmen eine aus ihrem Blickwinkel verständliche, aber für die gesamte Wirtschaft fatale Reaktion auslösen: Sie warten ab, weil die Dinge ja billiger werden. Ergebnis: Die Wirtschaft stagniert und die Geldpolitik hat das Pulver, sie wieder anzukurbeln, weitgehend verschossen. Das will jede Notenbank unter allen Umständen verhindern.

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27.03.2017, 06:00 Uhr
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