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Warten ohne Hoffnung - Ein Besuch im Gefängnis

Jens Söring sitzt seit 28 Jahren wegen eines Mordfalls in US-Haft

Ist der Deutsche Jens Söring ein blutrünstiger Mörder oder Opfer eines Justizirrtums? Seit 28 Jahren sitzt er in den USA hinter Gittern, bis heute beteuert er seine Unschuld. Unser USA-Korrespondent hat ihn besucht.

14.04.2014

Von PETER DE THIER

Auf den ersten Blick könnte man glauben, er sei ein gebrochener Mann. Jens Söring wirkt müde, geschafft. Seine Augen, verborgen hinter einer Hornrandbrille, liegen tief in ihren Höhlen. Das freundliche und etwas verlegene Lächeln zur Begrüßung verrät zugleich die Verzweiflung eines noch relativ jungen Menschen, der weiß, dass er die Justizvollzugsanstalt in diesem entlegenen und heruntergekommen Dorf im ländlichen Virginia wohl niemals verlassen wird.

In Wirklichkeit ist Jens Söring, 47, aber alles andere als fertig mit seinem Leben. Wird er auf den 30. März 1985 angesprochen, jenem schicksalsträchtigen Tag, der seine Zukunft besiegelte, dann blüht er auf. Sörings Augen leuchten. Er redet ohne Punkt und Komma und wiederholt, was er seit fast drei Jahrzehnten beteuert: "Ich war es nicht. Ich bin unschuldig, und ich habe keine Wahl, als für meine Freiheit weiterzukämpfen."

Was genau an jenem Frühjahrsabend vor 29 Jahren geschah, darüber streiten heute noch Strafverteidiger, Staatsanwälte, Angehörige der Opfer und selbst Politiker, die den Deutschen hin- und herschieben wie eine Schachfigur. Sicher ist nur, dass an diesem Tag zwei Menschen brutal umgebracht, geradezu hingerichtet wurden. Der damals 72-jährige Derek Haysom und seine 19 Jahre jüngere Frau Nancy wurden in ihrem Haus in Charlottesville, Virginia, mit insgesamt 31 Messerstichen getötet. Beiden Opfern hatte der Mörder die Kehle so weit aufgeschnitten, dass sie fast enthauptet wurden.

Zwei Tage später wurden die Leichen gefunden, doch erst ein halbes Jahr danach fiel der Verdacht auf Elizabeth Haysom, die 20-jährige Tochter des Ehepaares, und deren deutschen Freund Jens Söring, damals 19. Die beiden Stipendiaten hatten sich an der renommierten Universität von Virginia kennengelernt und ineinander verliebt. Unbekannt war Söring damals aber die schwere Drogensucht seiner Freundin und das tief gestörte Verhältnis zu den Eltern. Deren Mutter soll sie als Mädchen sexuell belästigt und der Vater sich geweigert haben, zum Schutz seiner Tochter einzugreifen. Aus blindem Hass auf die Eltern soll Elizabeth den Doppelmord vorbereitet und einen Komplizen gesucht haben.

Die Tochter wurde nach ihrer Flucht ins europäische Ausland, Festnahme und Überstellung in die USA wegen Beihilfe zum Mord verurteilt und soll bis 2032 im Gefängnis sitzen. Sie behauptet bis heute, der eigentliche Killer sei Jens Söring gewesen. Er war 1986 gemeinsam mit ihr in London wegen Scheckbetrugs verhaftet worden. Söring kämpfte mehrere Jahre gegen seine Auslieferung in die USA und wurde vier Jahre später als seine Freundin den Justizbehörden in Virginia überstellt. In einem reinen Indizienprozess verurteilte ihn ein Geschworenengericht am 20. Juni 1990 zu zweimal lebenslänglich.

"Wenn Jens unschuldig wäre, dann würde ich auf das Haus klettern und das wie ein Spatz von den Dächern pfeifen", sagt Elizabeth auch heute. Sie bestreitet, Grund zum Lügen zu haben, verschweigt dabei aber, dass ihre Chance, vor 2032 auf Bewährung freigelassen zu werden, gleich null ist, würde sie ihre Darstellung jetzt ändern.

Der Verurteilte will sich haargenau an jede Einzelheit jenes verhängnisvollen Tages erinnern können. Seine Version: Er habe in einem Hotelzimmer in Washington gesessen, während Elizabeth nach Charlottesville fuhr, um ihrem Dealer Drogen zu liefern. "Erst als sie nachts ins Hotelzimmer zurückkam, erfuhr ich, dass sie ihre Eltern ermordet hatte." Dann der - so Sörings Darstellung - fatale Fehler: In der irrtümlichen Annahme, als Sohn eines Vizekonsuls diplomatische Immunität zu genießen, hab er - damals Hals über Kopf verliebt - seiner zwei Jahre älteren Freundin ein Alibi angeboten. Er wollte die Tat auf seine Kappe nehmen, um Elizabeth vor dem elektrischen Stuhl zu bewahren.

Jens Söring legte ein Geständnis ab, nahm dieses aber später wieder zurück. Heute sitzt der Deutsche in einer Doppelzelle in Dillwyn, sein Zellengenosse ist ein Kinderschänder, der schon 20 Jahre länger hinter Gittern sitzt als er. Mehr als zwei Stunden lang berichtet Söring detailliert von der Mordnacht, der späteren Flucht ins Ausland und seinen unermüdlichen Kampf für eine Überstellung nach Deutschland. Die Erzählung ist so präzise, dass man fast schon staunt, wie sich ein Mensch an so viele Einzelheiten erinnern kann, die fast drei Jahrzehnte zurückliegen.

Auf jede Frage kommt eine Antwort wie aus der Pistole geschossen. So überzeugt von seiner Darstellung wirkt Söring, dass ihm scheinbare Ungereimtheiten gar nicht auffallen. Etwa, wie es kaum glaubhaft erscheint, dass ein Mensch, selbst wenn er verliebt ist, einen Doppelmord gesteht, wenn er ihn nicht begangen hat. Oder, dass er mal sagt, nach der Tatnacht hätten er und Elizabeth nie wieder über das Alibi gesprochen, dann aber, dass sie monatelang "geübt" hätten, damit im Falle einer Vernehmung ihre Angaben exakt übereinstimmen.

Zwar betont Chefermittler Ricky Gardner, dem Sörings Anwälte vorwerfen, entlastendes Beweismaterial verschwiegen zu haben, dass "wir niemals ein Kopfgeld auf Elizabeth Haysom oder Jens Söring gesetzt hatten. Es führten halt alle Indizien immer wieder zu den beiden Verurteilten". DNA Befunde oder andere forensische Beweise gab es aber nie, im Gegenteil. Blutspuren vom Tatort, die erst vor wenigen Jahren mit der neuesten Technologie untersucht werden konnten, stammen definitiv nicht von Jens Söring.

Dennoch glaubt Söring nicht, dass jener Sonderausschuss, der ein Mal im Jahr seinen Antrag auf Bewährung und Überstellung nach Deutschland prüft, jemals nachgeben wird. Er setzt vielmehr auf die Politik. "Außenminister Westerwelle hat absolut nichts für mich getan, das könnte unter seinem Nachfolger Steinmeier anders werden", gibt sich der Häftling zweckoptimistisch. Seine Wunschvorstellung: Dass Kanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama ein "Tauschgeschäft" vereinbaren, bei dem die USA als Gegenleistung für Sörings Überstellung nach Deutschland "irgendeine politische Konzession aus Berlin erhalten".

Ein illusorischer Deal, der nach Angaben aus Regierungskreisen schon deswegen nie zustande kommen wird, weil die Entscheidung nicht beim Weißen Haus, sondern dem Bundesstaat Virginia liegt. Für Jens Söring aber ist es ein Hoffnungsschimmer - alles, worauf er noch setzen kann.

Ein Bild aus dem Jahr 2011 zeigt Jens Söring während eines Interviews im Gefängnis. Seit vielen Jahren kämpft er für seine Überstellung nach Deutschland. Foto: dpa

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Erstellt:
14. April 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
14. April 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. April 2014, 12:00 Uhr

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