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Runter vom Abstellgleis

Jenny Erpenbecks neuer Roman handelt von Flüchtlingen und Rentnern

Arbeit. Immer wieder ist es die Arbeit. Sie fehlt. Das gilt für die Flüchtlinge, die von Oktober 2012 an eineinhalb Jahre lang auf dem Berliner Oranienplatz campierten. Sie stellt Jenny Erpenbeck ins Zentrum ihres neuen Romans "Gehen, ging, gegangen".

10.10.2015
  • CLAUDIA REICHERTER

Das gilt ebenso für Richard, aus dessen Inneren Monologen ihr auf intensiven Gesprächen mit Asylsuchenden basierendes berührendes und erhellendes Buch weitgehend besteht.

Der Witwer und frisch verabschiedete Emeritus ist seit kurzem eben nicht mehr "Professor an der Humboldt Universität, Sektion Klassische Philologie", sondern erlebt die ganze Banalität des Alltags eines Nichtmehrgebrauchtwerdenden.

"Richard wartet, aber er weiß nicht, worauf", schreibt die 48-jährige, vielfach preisgekrönte Autorin.

Der bedächtige Vorstädter beschließt, als der Hungerstreik der Oranienplatz-Flüchtlinge "an einem Donnerstag Ende August" seine Aufmerksamkeit auf sich zieht, diese einem seiner früheren Studienobjekte gleich unter die Lupe zu nehmen: Wer sind die "Männer mit schwarzer Hautfarbe" und dem Schild "We become visible - Wir werden sichtbar"? Sie essen nicht mehr, trinken nicht mehr und wollen nicht sagen, wer sie sind, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen. "Die Idee, sichtbar zu werden, indem man öffentlich nicht sagt, wer man ist", gefällt ihm.

Unerwartete Gemeinsamkeiten tun sich auf: Auch die nach der Räumung des illegalen Camps auf dem Oranienplatz auf karitative Einrichtungen in der Stadt verteilten Afrikaner leiden am staatlich verordneten Nichtstun, am Aus-der-Zeit-gefallen-sein. Auf Richards Frage "Was wollen die Männer?" gibt es nur eine Antwort: "Arbeit wollen sie."

Die gibt es für die fiktionalisierten Oranienplatz-Männer ebensowenig wie für deren reale Vorbilder. Malik Agachi aus Niger könnte so einer sein. Er hat es unter die Fittiche des Berliner Vereins Cucula geschafft und lernt in dessen Werkstätten heute, Designmöbel zu bauen. Wie für Erpenbecks so glaubhaft wie klug konstruierten emeritierten Professor bleibt ihm teilweise nur Essen ("solange das Geld dazu reicht"), Warten und Schlafen. Cucula-Sprecher Matthias Rademacher jedenfalls bestätigt Erpenbecks zentralen Punkt: "Die Hilfsbereitschaft ist großartig - Theaterprojekte, Gartenprojekte, Musikstunden - alles ganz toll. ,Aber eigentlich will ich arbeiten', sagen unsere Jungs. Die wurden in einer entscheidenden Phase ihres Lebens, oft zwischen 18 und 34 Jahren, auf ein Abstellgleis geschoben."

Romanfigur Richard weiß immerhin, wo er am nächsten Tag sein wird, hat ein Heim, das er sich aussuchen konnte, ein Auskommen. Nicht so der herzhaft pragmatische, herzkranke Raschid, den der namensverwandte Erzähler den "Blitzeschleuderer" nennt, nicht so Abdusalam, der "Sänger mit dem Silberblick", noch Ithemba, "der so gut kocht". Weder der junge Beduine Apoll noch Osarobo, dem Richard Klavierunterricht erteilt.

Jeder von ihnen übt nicht nur, die unregelmäßigen deutschen Verben zu deklinieren, sondern darf in "Gehen, ging, gegangen" auch seine zumeist haarsträubende Geschichte erzählen. Dazu setzt Jenny Erpenbeck auf schlichte Dialoge in Deutsch und Englisch, auf unpathetische und dafür umso berührendere Worte, streut Aufzählungen ebenso ein wie das poetische Prinzip von Wiederholung und Variation, und scheut auch vor dem symbolhaft typografischen Bruch nicht zurück. Thematisch betritt die Berliner Autorin hier kein Neuland: Schon in "Heimsuchung" (2008) thematisierte sie Flucht und Vertreibung, anhand der eigenen Familiengeschichte. Und im formal weit kunstvoller aufgebauten, von Lesern und Kritik gleichermaßen gefeierten "Aller Tage Abend" (2012) wandern etwa Osteuropäer nach Amerika aus und befürchten, dahin heimkehren zu müssen, "wo sie nicht mehr daheim sein wollten, wo sie verhungern werden oder man sie erschlägt".

Das blüht am Ende von "Gehen, ging, gegangen" auch Richards neuen Freunden: Auf eine Vereinbarung mit dem Senat und reichlich "bürokratische Geometrie" werden die Asylanträge der Oranienplatz-Männer in 464 von 476 Fällen abgelehnt. Doch selbst an dieser Stelle ist nicht aller Tage Abend. In Erpenbecks Roman ebensowenig wie im wahren Leben - dank Initiativen wie Cucula.

Jenny Erpenbecks neuer Roman handelt von Flüchtlingen und Rentnern
Ein Mann wie von Jenny Erpenbeck ersonnen: Malik Agachi von der Oranienplatz-Gruppe baut heute als Hospitant Stühle von Designer Enzo Mari. Foto: Verena Brüning

Jenny Erpenbecks neuer Roman handelt von Flüchtlingen und Rentnern

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10.10.2015, 12:00 Uhr
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