Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Handwerk

„Jedes Stück Holz ist anders“

Roberto Tramontin ist einer der beiden letzten Gondelbauer in Venedig. Seine Familie hat jedes Vierte dieser Boote in der Lagunenstadt hergestellt.

16.09.2017
  • BETTINA GABBE

Venedig. An der Metalltür mit der abgeblätterten grünen Farbe verrät kein Schild, dass sich dahinter eine der letzten beiden traditionellen Gondelbauer-Werkstätten von Venedig verbirgt. Nur wer vom Kanal aus über das Wasser oder die gegenüberliegende Brücke kommt, sieht den Bootsschuppen mit dem Wappen des Königshauses der Savoyer, dessen Hoflieferanten die Tramontins einst waren. Im Innern schmirgelt der einzige Mitarbeiter von Roberto Tramontin, dem Urenkel des Gründers, gerade eine Luxus-Gondel ab, um sie neu zu lackieren.

„Der Besitzer hat ein Faible für Rolex-Uhren, deshalb lässt er seine Gondel mit Markenzeichen der Krone verzieren, natürlich in Blattgold“, sagt Tramontin mit einem Schulterzucken. Viele Gondolieri geben einen Jahresverdienst von gerade mal 15 000 Euro an. Doch es heißt, wer eine Lizenz für 500 000 Euro erwerbe, könne sie dank Steuerhinterziehung nach drei Jahren abzahlen.

Nur Schwarz ist erlaubt

„Eigentlich bin ich schon in Rente“, sagt der 63-Jährige. Ein Viertel der 400 Gondeln in Venedig stammt von ihm und seinem Vater. Heute baut er nur eine im Jahr. „Jedes Mal, wenn eine Gondel zum ersten Mal zu Wasser gelassen wird, hab ich einen Kloß im Hals.“

Tramontin versteht nicht, wie man es langweilig finden kann, immer nur die gleiche Art Boot zu bauen. „Jedes Stück Holz ist anders, je nachdem, ob es von der Süd- oder der Nordseite des Baums stammt“, sagt er und streicht über den Rumpf der Gondel im Bootshaus, die bald einen neuen Anstrich bekommt. Für Gondeln ist nur schwarze Farbe zugelassen.

Eine Gondel hält etwa 15 Jahre, dann muss die Unterseite erneuert werden, um weitere 15 Jahre zu halten. „Länger als eine Ehe“, sagt Tramontin und lacht. Zwischendurch müssen aber immer wieder der Lack ausgebessert und der Rumpf von Muscheln und Algen gereinigt werden.

Unter der schwarzen Außenhaut verbergen sich acht Holzsorten. „Eiche für den Rumpf, Mahagoni für den Bug, Linde für das Heck.“ Für die Aufbauten kommen Lärchen-, Kirschen-, Ulmen- und Nussbaumholz hinzu. Der charakteristische gezackte Bug besteht unter dem Metallbeschlag wegen der besonderen Stabilität vielfach aus Sperrholz.

Einmal zu Wasser gelassen, müsse der Boden alle sechs Wochen gereinigt werden, sagt Tramontin. Am Rumpf siedeln sich Muscheln an, für Gondolieri sei es aber wichtig, das der Unterboden glatt ist, damit sie mit ihrem einzigen Riemen nicht zu viel Mühe haben, den langen Rumpf durch die Kanäle zu bewegen.

Angefangen hat Tramontin offiziell mit 16, aber schon mit 14 hatte er nach der Schule seinem Vater geholfen. Wie der asymmetrische Rumpf gebaut wird, lernt man nicht in der Schule, sondern im Familienbetrieb. Denn da der Gondoliere rechts nur einen Riemen als Antrieb und Steuer nutzt, ist die linke Seite zum Ausgleich stärker gewölbt.

Für eine noch ohne Computertechnik gebaute Gondel verlangt Tramontin rund 40 000 Euro. Bei 80 Euro pro halber Stunde Fahrt muss der Besitzer 250 Stunden lang arbeiten, um den Kaufpreis aufzubringen, nicht eingerechnet die nötige Bootspflege.

Tramontin verdient weniger als die als reich geltenden Gondolieri. Trotz hoher Kosten will er jedoch nicht wie die meisten anderen Venezianer aufs Festland ziehen. „Ich muss das Geräusch der Stille hören, wenn der Riemen das Wasser teilt“, sagt der Vater zweier Töchter. Er esse lieber nur Brot und Zwiebeln, als Venedig zu verlassen. „Das kann man nicht erklären, ebensowenig wie die Liebe.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

16.09.2017, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Neueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular