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Ballett

Jedes Detail muss stimmen

Für John Crankos Klassiker „Romeo und Julia“ entwarf er 1962 die Bühne und die Kostüme. Jetzt hat Jürgen Rose in Stuttgart mit „Mayerling“ Premiere.

16.05.2019

Von Jürgen Kanold

Jürgen Rose, 81, recherchiert mit großem Aufwand den historischen Hintergrund seiner Bühnenbilder. Foto: Roman Novitzky

Stuttgart. Das hab‘ ich unterschätzt“, sagt Jürgen Rose und seufzt tief. Sagenhafte 198 Kostüme hat er für „Mayerling“ entworfen. So heißt das historische Ballett von Kenneth MacMillan über den österreichischen Kronprinzen Rudolf, den Sohn von Kaiserin Sisi, der auf Schloss Mayerling erst seiner Geliebten und dann sich selber eine Kugel in den Kopf jagte. Wahn und große Politik, ein Psycho-Drama in der untergehenden k.u.k.-Herrlichkeit. Und dazu Musik von Franz Liszt und die düstere Opulenz des Wiener Hofs: Eine aufwändigere Produktion habe er nie realisiert, erzählt der 81-jährige Altmeister in der Kantine des Stuttgarter Opernhauses, wenige Tage vor der Premiere am Samstag. Allein 30 Paare defilieren zum Ball . . .

Marcia Haydée, die legendäre Primaballerina des Stuttgarter Balletts, auch schon 82, habe ihn dazu überredet. Es ist so eine Art Deal: Dafür tanzt sie mit, als Erzherzogin Sophie, Sisis strenge Schwiegermutter, und erhält „die längste Schleppe“, sagt Rose schmunzelnd.

Man kennt sich seit bald 60 Jahren. Es war 1961 gewesen, als Rose in Stuttgart dem Choreografen John Cranko begegnete. Der Bauernbub aus dem Anhaltinischen traf auf einen Weltbürger aus London: „Er war genial und ich jung und ungemein gierig.“ Ein Jahr später schuf Rose die Ausstattung für „Romeo und Julia“, den Inbegriff des Stuttgarter Ballettwunders.

Eigentlich habe er ja Schauspieler werden wollen: jugendlicher Held. Das redete ihm aber Kurt Hübner aus, der den 22-jährigen ans Ulmer Theater geholt hatte. In Berlin besuchte Rose die Schauspielschule und war Student der Kunstakademie, er assistierte bei Rudolf Sellner in Darmstadt, der ihn als talentierten Bühnenbildner weiterempfahl. Im Jahre 1959 war das, Rose spielte dann zwar in Ulm in „Charleys Tante“ mit, inszeniert von Peter Zadek, der auch gerade erst entdeckt wurde, ansonsten produzierte er Bühnenbilder am Fließband. Die Operette „Rose von Stambul“ war sein Debüt, „Peter und der Wolf“ sein erstes Ballett. Dann ging es schnell: August Everding von den Münchner Kammerspielen meldete sich, auch mit Rudolf Noelte durfte er dort zusammenarbeiten, dann kam John Cranko.

„Mayerling“ erzählt die tragische Geschichte des österreichischen Kronprinzen Rudolf die Zeichnung zeigt Jürgen Roses Figurinen. Foto: Jürgen Rose

Der wollte ihn eigentlich zunächst nach London schicken: Rose sollte die Welt kennenlernen, sich universal bilden. Aber dafür war dann keine Zeit mehr. Dass die Deutschen in den 60ern gerade alles radikal neu machen wollten, für die Moderne alles entrümpelten, habe der Ästhet Cranko nicht gemocht. Sie studierten für „Romeo und Julia“ umfassend die Renaissance. „Cranko war ungemein inspirierend, und er hat mich ermuntert, den eigenen Weg zu gehen.“ Frei aus der Hand heraus sollte er arbeiten: „Junge, sagte er, ich will deinen Strich“, erzählt Rose so detailbewusst, wie er feinssinig und pingelig entwirft.

Rund 300 Produktionen hat er ausgestattet, für Cranko auch „Onegin“ und „Schwanensee“, für John Neumeier „Die Kameliendame“, aber vor allem machte er Schauspiel, zusammen mit Dieter Dorn in den Münchner Kammerspielen („ich hatte immer starke Partner“). Und Opern erarbeitete er auf der ganzen Welt, zuletzt Wagners „Ring“ in Genf; auch selbst führte er Regie.

Und jetzt wieder Stuttgart. Kenneth MacMillan choreografierte „Mayerling“ 1978 für London, seine Witwe, „die Cosima Wagner des Balletts“, wacht darüber, dass kein Schritt verändert wird. Rose aber hat die Bühne und die Kostüme neu gestaltet.

Historisch pingeliger Blick

Der Perfektionist mit dem unbestechlichen Blick studierte intensiv die habsburgische Geschichte, recherchierte in Museen und Archiven und besuchte die historischen Schauplätze. Rose zeichnete 13 Bühnenprospekte im Maßstab 1:25, die dann auf Tüll gedruckt wurden; er verbrauchte unzählige Stifte. Als Requisiten suchte er Möbel aus der Originalzeit. Die Kostüme sind im Prinzip schwarz-weiß gehalten, nur die Hauptfiguren heben sich charaktervoll farblich ab. Das bedeutete zum Beispiel: Schnallen und Schmuck nur aus Silber. Allein darüber, wie er die Stoffe und Materialen für die Kostüme aus aller Welt beschaffte, könnte Rose stundenlang reden.

Aber jetzt ruft Marcia Haydée auf dem Handy an, um noch was für die Proben zu klären. Es ist eine Herkulesaufgabe, diese Ballettproduktion. Jürgen Rose genießt es, aber er weiß noch nicht, ob er sich nach der Premiere wieder im Alltag zurechtfindet.

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Erstellt:
16. Mai 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Mai 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2019, 06:00 Uhr

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