Interview · Pandemie

Forscher Peter Zwanzger: „Jeder hat ein Recht auf Angst“

Corona ist eine Bedrohung, die viele Menschen schier überwältigt. Die Gefahr sollte uns aber nicht lähmen, sagt Angstforscher Peter Zwanzger.

29.10.2020

Von ELLEN HASENKAMP

Angstforscher Peter Zwanzger. Foto: Pressefoto

Berlin. Die Corona-Lage verstärkt unsere Unsicherheit. Der Arzt und Angstforscher Peter Zwanzger erläutert, wie man damit umgehen sollte.

Warum hat der Mensch eigentlich Angst?

Peter Zwanzger: Angst ist äußerst wichtig: Sie ist eine Basisemotion, die uns vor Gefahren schützt. Sie sorgt dafür, dass wir überleben – und dass es uns gut geht. Wenn jemand aber zu lange, zu stark oder zu oft Angst hat oder sich in Situationen fürchtet, in denen keine objektivierbare Gefahr besteht, spricht man von krankhafter Angst. Es gibt also ein breites Spektrum.

Corona ist eine objektivierbare Gefahr. Trotzdem heißt es, Angst sei ein schlechter Ratgeber.

Da muss man differenzieren: Schlecht ist unkontrollierte Angst, die uns nur noch Gefahren, aber nicht mehr die Lösungen sehen lässt. Ich würde es so sagen: Wir brauchen einen gesunden Respekt vor der Bedrohung.

Und das heißt?

Einerseits die Bedrohung ernst zu nehmen; sozusagen adäquat Angst zu haben. Andererseits, sich nicht verrückt machen zu lassen und beispielsweise in Schutzmaßnahmen zu vertrauen.

Viele haben den Eindruck, dass Angst gemacht wird, um die Bürger zur Vorsicht zu zwingen.

Es ist nicht leicht, in der politischen Kommunikation den richtigen Ton zu treffen. Politiker wählen in diesen schweren Zeiten auch mal eine Formulierung, die von dem einen ganz sachlich verstanden wird und beim anderen schon Ängste auslöst. Nach meinem Empfinden wird nicht unangemessen mit Angst gearbeitet. Es ist ja Fakt, dass wir es mit einer Bedrohung zu tun haben.

Angst kann uns zu Höchstleistungen antreiben – oder lähmen.

Evolutionär muss man sich das so vorstellen: Unsere Vorfahren standen plötzlich vor dem Säbelzahntiger, und es gab drei Möglichkeiten: kämpfen, wegrennen oder vor Furcht erstarren. Freezing sagt man dazu in der Wissenschaft. Dann bin ich nicht mehr handlungsfähig – und erst recht in Gefahr. Den Zustand müssen wir als Gesellschaft unbedingt vermeiden.

Manche Diskussion wird abgewürgt: „Ich habe aber trotzdem Angst.“

Ich finde es grundsätzlich ein gutes Zeichen, wenn jemand seine Emotionen klar benennt. Das gilt in der Therapie, das gilt aber auch für gesellschaftliche Diskussionen. Wenn man seine Gefühle artikuliert, kann man Verständnis und auch Empathie auslösen. So ein Satz bedeutet ja auch: Ich weiß, dass ich womöglich übertreibe, aber ich möchte gehört werden. Jeder hat ein Recht auf Angst.

Die Bedenken schwanken Foto: Grafik: Reichelt / Quelle Statista

Und wie sollte man damit umgehen?

Entscheidend ist, die Gefahr richtig einzuordnen. Das geht aber nur, wenn ich sie kenne. Wenn ich also beispielsweise sicher weiß, der Säbelzahntiger sieht größer aus als er ist. Wenn mir aber zehn Leute sagen, der beißt und zehn sagen, er beißt nicht, bin ich schon verunsichert. Deswegen sind klare Informationen wichtig.

Da sind wir wieder bei Corona: Selbst die Experten haben da bislang wenig klare Informationen.

Genau, es gibt unterschiedliche wissenschaftliche Auffassungen und das verwirrt. Deswegen ist es wichtig, auch mal den ganzen Informationsfluss abzuschalten und beispielsweise ganz bewusst das Handy aus der Hand zu legen.

Wenn man sehr viel Angst hat, kann das zum Verdrängen führen? Könnte das die Masken-Verweigerer oder gar Corona-Leugner erklären?

Das ist noch nicht richtig untersucht. Ich halte es aber für möglich, dass das Leugnen eigentlich ein Verdrängen ist: Man will es nicht wahrhaben, weil es Angst einflößt. Deswegen sollte die Gesellschaft Menschen mit solchen extremen Ansichten nicht nur beschimpfen. Man muss immer wieder informieren und aufeinander zugehen.

Kann man sich an Angst gewöhnen?

Grundsätzlich ja. Und das ist auch wichtig. Ein Beispiel: Wenn Sie auf dem Bürgersteig gehen und neben Ihnen rasen die Autos vorbei, braucht es nur einen falschen Schritt und Sie können tot sein. Trotzdem gehen wir halbwegs entspannt durch die Stadt. Wir haben das integriert, wir wissen, wie wir uns verhalten müssen. Das nennt man Habituation: Wenn ein Reiz immer da ist, gewöhnt man sich daran. Das heißt nicht, dass wir die Bedrohung falsch einschätzen, sondern, dass wir lernen, mit ihr zurechtzukommen.

Wir werden also auch lernen, mit Corona zu leben?

Genau so wird es sein: Abgesehen von Medikamenten und Impfstoffen werden wir immer besser lernen, wo die Gefahren konkret lauern. Am Anfang dachten wir ja, man kann sich überall anstecken. Mittlerweile können wir das besser eingrenzen und je besser wir das können, desto einfacher wird es. Die Menschen sind entwicklungsgeschichtlich sehr gut dafür ausgestattet, mit Belastungen zurecht zu kommen. Das wird uns mit Corona auch gelingen.

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Erstellt:
29. Oktober 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
29. Oktober 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. Oktober 2020, 06:00 Uhr

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