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Syrien

Jeder gegen jeden

Der Vielfrontenkrieg wird immer brisanter. Mittlerweile droht die direkte Konfrontation zwischen dem Assad-Regime und der Türkei, Russland und den USA sowie Israel und dem Iran.

22.02.2018

Von MARTIN GEHLEN

Nach dem Bombenhagel: Menschen suchen Schutz in der von Rebellen gehaltenen Stadt Hamouria in der Region Ost-Ghuta. Foto: AFP/ ABDULMONAM EASSA

Damaskus. Syrien ist der brutalste und gefährlichste Konflikt der Welt. Sieben Jahre wird gekämpft, ein Ende des Blutbades ist nicht in Sicht. Zwar ist der „Islamische Staat“ nach einer dreijährigen Schlacht besiegt, dafür aber gehen seit Beginn des Jahres die Beteiligten der internationalen Anti-IS-Allianz heftiger denn je aufeinander los. Die Lage gerät mehr und mehr außer Kontrolle – mit unabsehbaren Folgen für die Bewohner, die nahöstliche Region und das internationale Machtgefüge. Viele Lunten lodern an dem Pulverfass Syrien. Wir dokumentieren die fünf wichtigsten Schlachtfelder.

Assad-Regime gegen Opposition: Die schrecklichsten Bilder kommen derzeit aus Ost-Ghuta. Seit Wochen wird die Rebellen-Enklave östlich von Damaskus rund um die Uhr bombardiert. „Was hier passiert, ist jenseits jeder menschlichen Vorstellungskraft“, sagt der UN-Hilfekoordinator für Syrien, Panos Moumtzis. „Dieser Alptraum muss aufhören und zwar sofort.“ Allein in dieser Woche kamen nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mehr als 300 Menschen ums Leben, die meisten begraben unter den Trümmern ihrer zusammengestürzten Häuser. Drei Krankenhäuser wurden durch den syrisch-russischen Bombenhagel zerstört. zehntausende der 400?000 Eingeschlossenen hungern. Inzwischen zieht Präsident Baschar al-Assad rund um Ost-Ghuta Elitetruppen zusammen, die das Gebiet zurückerobern sollen. Der Diktator lässt keine Zweifel daran, dass er alle Gegner für Terroristen hält und „jeden Zentimeter“ des syrischen Territoriums wieder unter seine Kontrolle bringen will, nicht nur Ost-Ghouta, auch die Rebellen-Enklave Idlib im Norden.

USA gegen Russland und Assad: Nach den Siegen in Rakka und Deir ez-Zor tobt der Feldzug gegen die Reste des „Islamischen Kalifates“ nun am syrischen Unterlauf des Euphrat. Entlang des östlichen Ufers rücken die arabisch-kurdischen Einheiten der Syrisch Demokratischen Front (SDF) vor, die von den USA ausgerüstet und aus der Luft unterstützt werden. Parallel dazu operieren am westlichen Ufer syrische Truppen zusammen mit iranisch-irakischen Milizen und russischen Söldnern. Am 7. Februar kam es zwischen beiden Seiten zu einem bisher beispiellosen Zwischenfall. Nachdem die Assad-Seite die US-geführten SDF-Einheiten mit Panzern und Artillerie angegriffen hatte, wurde sie durch amerikanische Apache-Hubschrauber und Erdkampf-Jets unter Feuer genommen. Mindestens 200 Soldaten kamen ums Leben, darunter mehrere dutzend russische Söldner, die als Paramilitärs im Auftrag Moskaus in Syrien operieren. Eine direkte Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und Russland ist leicht möglich.

Türkei gegen Kurden: Am 20. Januar gab Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan den Marschbefehl. Die türkische Armee überquerte die Grenze zu Syrien und marschierte in die kurdische Enklave Afrin ein. Sie gehört zu dem quasi-autonomen Gebiet Rojava auf syrischem Territorium, welches aus den drei kurdischen Kantonen Al-Dschasira, Kobane und Afrin besteht. Der Türkei geht es vor allem darum, die Volksverteidigungseinheiten der YPG aus dem Grenzgebiet zu vertreiben, die sie wegen ihrer engen Verbindungen zur PKK für eine Terrororganisation hält. YPG-Einheiten jedoch bilden das Rückgrat der US-geführten Bodentruppen gegen den IS. Am Dienstag kündigte Erdogan an, seine Armee werde in den kommenden Tagen die Stadt Afrin direkt angreifen und abriegeln. „Auf diese Weise wird die Hilfe von außen blockiert“, erklärte er als Reaktion auf die Ankündigung von Damaskus, den Kurden militärisch zu helfen.

Assad gegen Türkei: Die bedrängten YPG-Kurden von Afrin riefen die syrische Regierung zu Hilfe, weil die USA ihnen in diesem Konflikt mit Ankara die Unterstützung verweigert und Russland sich demonstrativ abseits hält. Seit Dienstagmittag rücken Assads Milizen in die Enklave und ihre Hauptstadt Afrin vor, empfangen von türkischen Artilleriesalven. Diese syrischen „Volkseinheiten“ sollen die Türken vertreiben und entlang der Grenze Position beziehen, was eine direkte Konfrontation zwischen Damaskus und Ankara praktisch unausweichlich macht. Für die Kurden hat diese heikle Intervention der ungeliebten syrischen Staatsmacht zudem einen hohen politischen Preis. Denn Assad riskiert diesen Schritt nur, um die Autonomie-Wünsche der kurdischen Minderheit zu beschneiden.

Israel gegen Iran und Hisbollah: Zwar tat der iranische Außenminister Mohammad Dschawad Sarif den Auftritt von Benjamin Netanjahu auf der Münchner Sicherheitskonferenz als Zirkus ab. Israel hatte am 10. Februar über den Golanhöhen eine iranische Drohne abgeschossen und als Vergeltung zwei Angriffswellen gegen iranische und syrische Stellungen geflogen. Der syrischen Luftabwehr gelang es, einen der Jets vom Himmel zu holen. Israels Regierungschef ließ in München keinen Zweifel: Sein Land werde es nicht hinnehmen, dass der Iran eine „dauerhafte militärische Präsenz in Syrien“ etabliert. Etwa 3000 Revolutionäre Garden hat Teheran derzeit auf syrischem Boden. Hinzu kommen mindestens 10?000 von Teheran rekrutierte und bezahlte Milizionäre, überwiegend Iraker und Afghanen. Die libanesische Hisbollah ist mit 6000 Kämpfern in der Region präsent. „Testen Sie nicht unsere Entschlossenheit“, sagte Premier Netanjahu. Israel werde, wenn nötig, nicht nur die Stellvertreter des Iran bekämpfen, sondern auch den Iran selbst angreifen.

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Erstellt:
22. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2018, 06:00 Uhr

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