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Der Leitartikel

Jeder gegen jeden

Beide Seiten setzen aufs Ganze. Beide Seiten werfen alles in die Schlacht. Denn in Aleppo könnte sich in den nächsten Monaten der syrische Bürgerkrieg entscheiden – das Schicksal der Opposition genauso wie das Schicksal des Regimes. Entsprechend erbittert sind die Kämpfe und verworren die Fronten.

12.08.2016
  • MARTIN GEHLEN, KAIRO

Kurdische YPG-Einheiten, die ansonsten mit den USA gegen den „Islamischen Staat“ kämpfen, halfen dem Assad-Regime, den aufständischen Osten Aleppos einzukesseln. Ausgerechnet Al-Kaida-Brigaden, die von Washington als Terrororganisation geführt werden, sprengten am Wochenende die Belagerung auf und bewahrten damit auch die Genfer Gespräche vor ihrem finalen Kollaps. Das Regime in Damaskus wiederum bietet alles an Verbündeten auf, um die drohende Strangulierung der eigenen Stadthälfte abzuwehren – Einheiten der Hisbollah, iranische und irakische Milizen, ja selbst palästinensische Hilfstruppen. Baschar al-Assads Soldaten dagegen scheinen nach gut fünf Jahren Krieg so ausgelaugt, dass sie den zu allem entschlossenen Dschihadisten nicht mehr standhalten.

Aleppo mit seinem blutigen Jeder gegen Jeden ist ein Mikrokosmos des syrischen Bürgerkriegs. Zwar betont der russische Außenminister Sergej Lawrow, eine militärische Lösung in Syrien könne es nicht geben. Faktisch aber agiert der Kreml seit fast einem Jahr so, als wenn sich der Sieg auf dem Schlachtfeld noch erzwingen ließe. Und so wurde bei den Genfer Gesprächen nie ernsthaft verhandelt. Stattdessen nutzte das Assad-Regime UN-Vermittler Staffan de Mistura als Kulisse, um die Fronten rund um Aleppo im eigenen Sinne zu begradigen.

Seit dem Wochenende jedoch sieht alles wieder anders aus. Der Moskauer Generalstab hat seine strategische Rechnung offenbar ohne die verschlissene syrische Armee gemacht. Und so könnte mit einer Wende in Aleppo jetzt auch in Moskau die Einsicht reifen, dass dieser Konflikt mit Raketen allein nicht zu gewinnen ist und nur die Tragödie des syrischen Volkes vergrößert.

Denn der Zeitpunkt einer militärischen Intervention von außen, die den Krieg hätte beenden können, ist längst verpasst. Vielleicht wäre das noch im August 2013 möglich gewesen, als das Regime unter den Augen internationaler Waffenexperten kaltblütig Wohnviertel Aufständischer nahe Damaskus mit Giftgas beschoss. Drei Jahre und 100 000 Tote später existiert diese militärische Option nicht mehr, eine Einsicht, die jetzt auch dem Kreml ins Haus stehen dürfte. Seine Luftwaffe kann Assads Armee nicht zur permanenten Übermacht bomben. Stattdessen macht das massive Wüten der russischen Kampfjets ausgerechnet die Al-Kaida-Brigaden zu gefeierten Helden der syrischen Opposition. In einer ähnlichen Klemme stecken auch die USA. Ihr Luftkrieg gegen die Al-Nusra-Front schwächt gleichzeitig die moderaten Rebellen. Diese unterhalten mit den islamistischen Elitetruppen zahlreiche lokale Waffenbündnisse. Und so reduziert jede systematische Bombardierung von Al-Kaida auch die strategische Bedrohung für das Assad-Regime und unterhöhlt dessen Bereitschaft, wirklich zu verhandeln.

Trotzdem könnte das amerikanische Doppelziel, zusammen mit den Russen den Syrienkonflikt zu beenden und gleichzeitig die radikalen Dschihadisten niederzuringen, durch ein Scheitern der Regimeblockade Aleppos neu belebt werden – und zwar durch die Kesselbrecher von Al-Kaida. Deren Sieg dürfte auch Moskau klarmachen, dass einzig eine in Genf ausgehandelte politische Übergangsführung diesen Krisenherd beenden kann.

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12.08.2016, 06:00 Uhr
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