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Wählen im Zeichen der Banane

Je älter die Wähler werden, desto eher geben sie ihre Stimme einer konservativen Partei

Deutschland ist auf dem Weg in die Rentner-Republik. Die Älteren entscheiden Wahlen. Die Parteien müssen zudem Singles gewinnen. Und wer profitiert von diesem Wandel - Rot, Gelb, Grün oder Schwarz?

04.09.2013

Von MARTIN HOFMANN

Wolfgang Schäuble (CDU) hat es erkannt: "Bald schon wird jeder zweite Wähler über 60 Jahre sein. Das ist dann die absolute Mehrheit", schreibt der Finanzminister im Vorwort zum Buch "Generationenvertrag statt Generationenverrat". Bald heißt in vier Jahrzehnten. 15 Prozent der Bevölkerung sind dann 20 und jünger, 42 Prozent 60 und älter. Gegenüber 1970 hat sich der Anteil junger Leute halbiert, die Zahl der Älteren verdoppelt - bei gleichbleibend niedriger Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau und 100 000 Personen, die jährlich mehr zuziehen als abwandern.

Die Bundestagswahl 2013 dominieren die "Grauhaarigen" noch nicht. Mit 33,7 Prozent aller 61,8 Millionen Wahlberechtigten beeinflussen sie aber maßgeblich, wer das Land künftig regiert. Dass Ältere CDU/CSU bevorzugen, ist kein Geheimnis. Bei der Wahl 2009 gaben 42,4 Prozent ihre Zweitstimme den Konservativen. In den Altersgruppen darunter votierte allenfalls jeder Dritte für sie. "Ohne die Stimmen der Senioren hätte es für Schwarz-Gelb nicht gereicht", erklärt Richard Hilmer, Geschäftsführer vom Wahlforschungsinstitut Infratest dimap.

Die SPD hat unter den Älteren 2009 mit 27,3 Prozent ebenfalls ihr bestes Ergebnis erzielt. Unter allen jüngeren Altersgruppen erreichte sie höchstens noch jeden Fünften. Zu ihrer Glanzzeit - 1969 bis 1980 - wählten noch zwei von fünf Älteren sozialdemokratisch. 1972 stimmte mehr als die Hälfte der Jungwähler für sie. Bescheidene 18,2 Prozent überzeugte sie noch vor vier Jahren. "Auf die Bretter gegangen", so beschreibt SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück das Abschneiden seiner Partei ganz zutreffend.

Unter ihrem Gesamtergebnis blieben bei der 60-plus-Generation die kleineren Parteien. Während die FDP aber nur 2,0 und die Linke 1,5 Prozentpunkte gegenüber ihrem Endresultat einbüßten, fanden Grüne unter Senioren nur halb so viel Zuspruch wie im Rest der Wählerschaft. Die FDP war unter den 25- bis 35-Jährigen hinter der Union zweitstärkste Kraft. Bei den Jungwählern überflügelten die Grünen die Liberalen trotz deren bestem Ergebnis seit 1953, wenn auch ganz knapp. Die Ökopartei landete da auf Platz drei.

Lassen sich langfristige Trends aus den Ergebnissen aller Bundestagswahlen sowie aus der demographischen Entwicklung ableiten? Und was hat dies mit einer gekrümmten Tropenfrucht zu tun? Mit seinem Lied "Zug der Opportunisten" nahm der Kabarettist Marc-Uwe Kling die sich zu Bürgerlichen wandelnde erste Generation grüner Spitzenpolitiker auf die Schippe - passend zu den Reifestadien einer Banane: "Heute grün und morgen gelb und übermorgen schwarz", lautet der Refrain des Songs.

Dieses plastisch-drastische Bild hat es Wahlforschern der Universität Mannheim angetan, die sich mit der alternden Gesellschaft und ihrem Wahlverhalten von 1953 bis 2060 befassen.

Ihre Analysen und Prognosen basieren auf zwei grundlegenden Annahmen, die die politische Orientierung wesentlich beeinflussen. Im Lauf eines Lebens ändern sich die Interessen, Forderungen und Bedürfnisse jedes Einzelnen. Dieser Lebenszykluseffekt führt dazu, am erreichten sozialen Staus festzuhalten und den erarbeiteten Lebensstil nicht aufzugeben. Mit zunehmendem Alter entscheiden sich Wähler deshalb für konservative Parteien, da sie am ehesten die Gewähr bieten, dass sich am Status quo - also ihrem jeweiligen eigenen Lebensstandard - nichts Gravierendes ändert.

Die zweite Prägung erfährt der Mensch durch das Umfeld, in dem er aufwächst. Es vermittelt die zentralen Werte und Grundüberzeugungen. Sie führen zu einer politischen Grundhaltung, die beibehalten wird. Dass sich Werte im Laufe der Zeit wandeln, ist den Wissenschaftlern klar. Diese Änderungen wirken sich auf das Wahlverhalten aber erst aus, wenn die jüngeren Generationen altern.

Natürlich beeinflussen die Parteien mit ihren Programmen und Persönlichkeiten, mit ihrem Regierungs- und Oppositionsstil, aber auch durch politische Skandale und andere Krisen das Wählervotum. Voraussagen lassen sich diese Einflüsse aber nicht.

Die Mannheimer Wissenschaftler haben anhand der offiziellen "Repräsentativen Wahlstatistik" untersucht, welche Rolle die Bevölkerungsentwicklung spielt. Laura Konzelmann fasst zusammen: "Unsere Analysen haben ergeben, dass allein die Alterung zu Änderungen im Wahlergebnis führt." Berücksichtigt wurden die demographische Entwicklung und die Präferenzen der Altersgruppen. Davon profitiert das konservativ-bürgerliche Lager - Unionsparteien und FDP - in der Größenordnung von zwei Prozentpunkten. Dies war laut Konzelmann auch in zurückliegenden Wahlen der Fall. Die SPD müsse hingegen leichte Verluste gewärtigen. Das deutsche Wahlvolk ist - mit aller Vorsicht - ein Stück weit auf dem Bananen-Trip, schätzen daher die Wahlforscher aus Mannheim.

Dennoch befindet sich Deutschland nicht auf dem Weg in eine Rentner-Demokratie, sagen die Analysten um Professor Hans Rattinger. Ein wesentlicher Grund dafür: Elternschaft verbindet jüngere und ältere Wähler. Sie sei ein bestimmender Faktor für ihre Interessenlage. Diese Beziehung zwischen den Generationen dürfte die Parteienwahl beeinflussen, obwohl familienpolitische Absichten oder Entscheidungen für Ältere keine unmittelbare Rolle mehr spielen. Sprich: Den Großeltern ist die Lebenssituation ihrer Kinder und Enkel alles andere als gleichgültig. Allerdings bilden sich nach Angaben der Wahlforscher bisher daraus noch keine Lager zwischen Kinderlosen und Eltern, obwohl den 16,4 Millionen Single-Haushalten nur 8,06 Millionen Haushalte mit Kindern gegenüberstehen.

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Erstellt:
4. September 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
4. September 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. September 2013, 12:00 Uhr

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