Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Der letzte Generalstreiker

Jakob Textor starb kurz vor seinem 102. Geburtstag

Mössingen. Er war, mit 101 Jahren, Mössingens ältester Bürger.

20.01.2010

Von Ernst Bauer

Und der letzte noch lebende Generalstreik-Aktivist. Einer jener legendären Handwerker und Arbeiterturner, die am 31. Januar 1933 den lokalen Aufstand gegen die Machtübergabe an Hitler angeführt hatten. „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier“ – nur in Mössingen wurde der Generalstreik-Aufruf gegen die Nazis befolgt. In der Nacht von Sonntag auf Montag ist Jakob Textor gestorben.

In letzter Zeit wollte er nicht mehr viel wissen, nicht immer wieder von seinen mutigen Taten erzählen, für die ihn die Stadt nie richtig gewürdigt hat – schon 1932 hatte der junge Maler auf Mauern in Mössingen gepinselt: „Wer Hitler wählt, wählt Krieg.“ Als drahtiger Turner war Textor nachts aufs Pausa-Kamin geklettert und hatte die Rote Fahne gehisst. In die KPD trat er erst nach dem Krieg ein.

Nun war er schon seit längerem kränklich, gebrechlich, hatte 1996 einen Herzschrittmacher bekommen – aber trotz allem noch sehr wach das Zeitgeschehen verfolgt und schöne Ölbilder gemalt. Sein Hobby. Zum 75. Jahrestag des Generalstreiks hat ihn Museumsleiter Hermann Berner als „Schlangenmensch“ vorgestellt, in den „Mössinger Geschichten“, die im TAGBLATT-Verlag erschienen sind. Das war sein anderes Hobby: Textor hatte eine Akrobatengruppe im Arbeitersportverein; er war, als Mitglied auch im Arbeiterradfahrverein, der erste Mössinger, der mit dem eigenen Motorrädle durch die Gegend geknattert ist – und dann die Motorradgruppe leitete; auch einer der ersten Skifahrer.

Ja, erzählte er uns kurz vor seinem 100. Geburtstag am 1. März 2008, er sei immer „fortschrittlich“ gewesen. Besonders stolz war Jakob Textor darauf, dass er als einziger Sportler aus Mössingen an der Arbeiter-Olympiade 1925 in Frankfurt teilnehmen konnte. In bescheidenen Verhältnissen auf der Lehr aufgewachsen – der Vater war Maurer, die Mutter Näherin in der Fabrik –, hatte Textor bei Albert Wagner seine Malerlehre gemacht, von 1921 bis 1924, dann in Tübingen und auch in Zürich gearbeitet; von 1926 an fuhr er als Malergeselle zwölf Jahre lang jeden Tag mit dem Zug frühmorgens von Mössingen nach Balingen zur Arbeit. Fünf Jahre war er im Krieg, Gebirgsjäger. Später verwirklichte er sich den Traum von einer eigenen Hütte im Lechtal.

1948 machte Textor die Meisterprüfung und ein eigenes Malergeschäft auf. Zuletzt arbeitete er, bis zur Rente, als Betriebsmaler bei der Pausa. Jakob Textor hinterlässt zwei Söhne, drei Enkelinnen und einen Urenkel. Er wird auf dem Mössinger Friedhof beerdigt, der Termin steht noch nicht fest.

Malermeister Jakob Textor war einer der kühnsten Mössinger Arbeiterturner und hatte früh schon vor den Nazis gewarnt. Archivbild: Rippmann

Zum Artikel

Erstellt:
20. Januar 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Januar 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Januar 2010, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+