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Tübinger Kino-Bilanz

Ein Jahrgang mit Durststrecke

Der lange Sommer hat auch den Tübinger Kino-Betreibern zu schaffen gemacht. Ihre Bilanz für das Jahr 2018 fällt mager aus.

15.01.2019

Von Madeleine Wegner

In dieser Hinsicht war 2018 erfolgreich. Diese Filme stehen an der Spitze der Tübinger Charts. Von links oben im Uhrzeigersinn: „Bohemian Rhapsody“, „Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen“, „25 km/h“ und „Loving Vincent“. Verleihbilder

Für ihr herausragendes Programm erhalten die Kinobetreiber im Kreis Tübingen regelmäßig Preise. So auch im zurückliegenden Jahr. Dennoch gingen in 2018 deutlich weniger Menschen ins Kino als im Vorjahr. „Den Jahrhundertsommer haben die Kinos deutlich gemerkt“, sagt Martin Reichart, Geschäftsführer der Vereinigten Lichtspiele, zu denen die Kinos Blaue Brücke und Museum gehören.

Das Kino Museum verzeichnete im vergangenen Jahr einen Rückgang von vier Prozent, in der Blauen Brücke, wo eher Mainstream-Filme laufen, gab es sogar ein Besucher-Minus von über 18 Prozent. „Das ist ganz immens“, sagt Reichart. Die Kinos Arsenal und Atelier hatten mit 37.000 Besuchern gegenüber dem Vorjahr fünf Prozent weniger Gäste. Dabei schnitt das Atelier deutlich schwächer ab, während das Arsenal etwas beliebter unter den Besuchern war. „Das sind Zahlen, die man nicht gern weitergibt“, sagt Dieter Betz, der für das Programm der beiden Kinos zuständig ist.

Immer weniger Menschen gehen ins Kino – das ist seit Jahren ein bundesweiter Trend. 2018 kam erschwerend die Fußball-WM hinzu. „In der Zeit bringen die Verleiher keine starken Filme heraus“, sagt Reichart, der deshalb den Kino-Betrieb in der Blauen Brücke während der WM eingestellt hatte. Generell kämen immer mehr Filme in die Kinos, sagt Arsenal-Geschäftsführer Stefan Paul, darunter seien jedoch kaum noch „Brotfilme“, also Kultfilme, die sich über einen langen Zeitraum von allein tragen.

Und dann hinterließ im vergangenen Jahr der lange Sommer deutliche Spuren in der Besucher-Statistik: „In den USA gehen die Menschen gerade, wenn es heiß ist, ins kühle Kino. Aber bei uns gehen die meisten lieber ins Freibad oder in den Biergarten“, so der Lichtspiele-Geschäftsführer.

„Schon das Frühjahr war mau, weil es sehr früh warm war“, sagt auch Betz und spricht von einer „Totalkatastrophe“. Wirtschaftlich lohne sich der Kinobetrieb kaum noch. „Was die Finanzierung der Kinos angeht, muss ein Umdenken stattfinden – von Seiten des Bundes, der Länder, aber vor allem auch der Kommunen“, fordert Betz. Er kritisiert auch die Filmförderung, die „komplett falsch aufgezogen“ wurde: Die gesamte Förderung fließe in die Produktion, für die Auswertung der Filme bleibe zu wenig übrig.

Die Stadt in der Pflicht

„Es gibt kaum noch Vertriebsförderung“, fügt Geschäftsführer Paul hinzu. Auch an den Filmhochschulen höre die Ausbildung mit dem fertigen Film auf – Marketing oder ähnliche Themen stünden kaum auf dem Lehrplan.

Paul sieht auch die Stadt in der Pflicht. Wenn Kinos als kulturelle und soziale Treffpunkte gewünscht seien, dann müssten sie auch entsprechend unterstützt werden. „Doch bislang hat sich die Stadt fein herausgehalten“, so Paul.

Den rückläufigen Besucherzahlen zum Trotz investieren die Lichtspiele kräftig in ihre Kino-Säle: Über 300.000 Euro hat 2017 allein die Neuausstattung des Museum 1 gekostet. In diesem Jahr soll die Blaue Brücke eine neue Leinwand und das Studio im Museum eine größere bekommen. „Wir sind guten Mutes, dass die Leute wieder ins Kino kommen“, zeigt sich Reichart optimistisch.

„Man muss sich immer was überlegen“, sagt Heiko Heil, der im Kino Arsenal verschiedene Filmreihen wie „Retro Cinema“ mit Leinwand-Klassikern und mit queerem Fokus „Q-Film“ organisiert. Außerdem seien Kooperationen wichtig, „um gemeinsam gegen die schwindenden Zahlen anzukämpfen“ und neues Publikum zu erschließen. So organisiert er beispielsweise mit der Uni zusammen Rhetorik-Verträge zu ausgewählten Filmen. „Der kuratierte alltägliche Kinobetrieb ist sehr aufwändig“, sagt Paul. So gibt es Stammtische in der Arsenal-Kneipe, Themenabende, Konzerte, Kino-Brunch im Atelier und Café Haag sowie regelmäßig Privat-Vorführungen für Geburtstage und Feste. Nicht zuletzt stellen Filmemacher häufig ihre Filme persönlich in den beiden Kinos vor. „Ohne Veranstaltungen würde es nicht funktionieren“, sagt Paul und fügt hinzu: „Und ohne Arsenal-Kneipe und Café Haag auch nicht.“

Das Drei-Säulen-Konzept aus Kino, Gastro und Kultur sei schlüssig und richtig, sagt Betz. Dennoch seien die doppelten Betriebskosten für zwei Kinos mit jeweils kleinen Leinwänden „wirtschaftlich kaum noch zu bewältigen“.

Ganz oben steht der Papst

Auch das Rottenburger Kino im Waldhorn verzeichnete einen Besucherrückgang von acht Prozent. Bedenklich sei das jedoch noch nicht, sagt Inhaber Elmar Bux. „Wenn es schlecht läuft, gleicht es unsere Kabarettbühne wieder aus.“ Eine besondere Vorliebe habe das Waldhorn-Publikum für Dokumentarfilme. Auch der 2018 mit 1500 Besuchern erfolgreichste Film gehört in dieses Genre: „Papst Franziskus“. Auf Platz zwei steht die Reise-Doku „Weit“, die bereits 2017 gestartet war und die mittlerweile mehr als 5000 Besucher hatte. „Ein neuer Rekord für das Waldhorn“, sagt Bux, „das ist die gute Nachricht für das vergangene Kino-Jahr.“

Die Top 10 im vergangenen Kinojahr

Die Hits der Vereinigten Lichtspiele Tübingen:

1. Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen

2. Bohemian Rhapsody

3. Avengers: Infinity War

4. Die Verlegerin

5. Black Panther

6. Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

7. Dead Pool 2

8. Die Unglaublichen 2

9. Star Wars - Der letzte Jedi

10. Wunder

Die Hits von Arsenal/Atelier:

1. Loving Vincent

2. 25 km/h

3. Weit

4. Transit

5. Gundermann

6. In den Gängen

7. Die brillante Mademoiselle Neila

8. Nanouk

9. Hannah – Ein buddhistischer Weg zur Freiheit

10. Cold War

Die bundesweiten Hits von 2018:

1. Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen

2. Avengers: Infinity War

3. Fifty Shades 3

4. Bohemian Rhapsody 5. Hotel Transsilvanien 3

6. Jurassic World: Das gefallene Königreich

7. Dead Pool 2

8. Mamma Mia! Here We Go Again

9. Die Unglaublichen 2

10. Der Grinch

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Erstellt:
15. Januar 2019, 19:15 Uhr
Aktualisiert:
15. Januar 2019, 19:15 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2019, 19:15 Uhr

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