Harry Wörz wartet noch immer auf eine Entschuldigung

Jahrelanger Kampf des Justizopfers um eine Entschädigung

Harry Wörz hat über 13 Jahre gegen ein Fehlurteil gekämpft. Aber selbst ein Freispruch verhalf ihm nicht zu einer Rückkehr in ein sorgenfreies Leben. Er ist krank und verklagt das Land auf Schadenersatz.

21.01.2015

Von HANS GEORG FRANK

Birkenfeld Wenn Psychotherapeutin Sigrun Wieske ihren bekanntesten Patienten mit Spielzeugfiguren die eigene Situation nachstellen lässt, dann greift dieser zum Cowboy - gefesselt an einen Marterpfahl, umgeben von Monstern und Hexen, der Staatsgewalt. Harry Wörz (48), durch einen skandalösen Justizirrtum zu unrühmlicher Berühmtheit gelangt, ist auch über vier Jahre nach seinem endgültigen Freispruch nicht wirklich frei. Nicht frei von Ängsten, von Sorgen um seine Zukunft. Er fühlt sich gefesselt von der Ohnmacht gegen eine übermächtig anmutende Obrigkeit, die kein Einsehen zu kennen scheint.

Harry Wörz aus Birkenfeld (Enzkreis) saß viereinhalb Jahre im Gefängnis für ein Verbrechen, das er nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs vom 15. Dezember 2010 nicht begangen hat.

Im April 1997 hatte ein Unbekannter die Polizistin Andrea Z, Wörz' Ex-Frau und Mutter des gemeinsamen Kindes, zu töten versucht. Wörz wurde verhaftet, obwohl es andere Verdächtige gab, die jedoch im Dienst der Pforzheimer Polizei standen. Einer Polizei, die sich Fehler und Schlampereien leistete, die in solch gehäufter Form sonst kaum bekannt werden. Der Fall konnte nie geklärt werden, auch, weil offenbar zu viel Energie in die Verfolgung und Verurteilung von Wörz gesteckt worden war.

Für seine Rehabilitation kämpft der Gas- und Wasserinstallateur, der damals gerade zum Bauzeichner umschulte, bis heute. Der Journalist Gunther Scholz widmet Wörz einen vierten Fernsehfilm, der heute in der SWR-Reihe "Betrifft" (20. 15 Uhr) ausgestrahlt wird.

"Mein Lebensinhalt ist der Kampf um Gerechtigkeit", sagte Wörz der SÜDWEST PRESSE. Fragt man ihn, wie es ihm gehe, sagt er: "Es geht. Wenn ich sagen würde ,gut', wäre es nicht richtig." Der "gefesselte Cowboy" ist krank, psychisch und körperlich, er kann nicht arbeiten. Sein Hausarzt spricht von "existenzieller Panik", auch weil eine Rente nur bis zum Jahr 2016 sicher ist.

Jetzt bereitet sich Wörz auf einen weiteren Prozess vor. Das Landgericht Karlsruhe muss voraussichtlich im April entscheiden, wie viel Entschädigung ein fataler Justizirrtum wert ist. Anerkannt wurde bisher nur die Hälfte dessen, was Wörz verlangte. Für den Aufenthalt im Knast musste er Verpflegung bezahlen, sein Lohn wurde einbehalten.

Wörz ist ein Grübler, ein Aktenstudierer, der den Inhalt tausender Seiten kennt. Er lässt nicht locker, bis er etwa den Generalstaatsanwalt widerlegen kann, der behauptet hatte, keinen Parkbeleg für eine Erstattung verlangt zu haben. Der stille Schwabe igelt sich meist ein. Selten wagt er sich aus dem gewohnten Umfeld. Im Mai 2014 kam er zur Gemeinschaftskundestunde in die Steinbeisschule Mühlacker. Vor angehenden Zerspanungstechnikern referierte er über Urteil und Vorurteil, über Recht und Gerechtigkeit.

Seine Therapeutin weiß, was Wörz fehlt: "Er braucht eine Entschuldigung, eine ausgestreckte Hand des Staates." Dazu war jedoch niemand bereit. Also prozessiert der Prozessgeschädigte weiter.

Harry Wörz treibt bis heute das Fehlurteil gegen ihn um. Foto: SWR/Martin Greve

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Erstellt:
21. Januar 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Januar 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2015, 12:00 Uhr

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