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Mafia

Ermittler machen Jagd auf die kriminelle Krake

Mit Großrazzien und Festnahmen in Deutschland und anderen Staaten gelingt Ermittlern ein Schlag gegen die Organisation. Die Strukturen zu zerschlagen, ist schwierig.

06.12.2018

Von ANDRé BOCHOW UND BETTINA GABBE

Razzia in Duisburg: Polizisten suchen nach Beweisen für Taten der Mafiaorganisation 'Ndrangheta. Foto:Christoph Reichwein/dpa

Berlin. Einen Tag nachdem der Chef der sizilianischen Mafia festgenommen wurde, erließen europäische Justizbehörden am Mittwoch Haftbefehle gegen 90 mutmaßliche Anhänger der 'Ndrangheta in Europa und Lateinamerika. Wichtige Fragen und Antworten:

War das der entscheidende Schlag bei der Bekämpfung der Mafia? Eher nicht. Durch internationale Vernetzung und eine flächendeckende Kontrolle von Wirtschaft und Gesellschaft in den wirtschaftlich unterentwickelten Herkunftsgebieten ist ihre Macht weitgehend ungebrochen. Aber auf europäischer Ebene haben die Aktionen gegen die 'Ndrangheta größte Bedeutung. Erstmals wurde der international agierenden Mafia eine gemeinsame, europäische Kriminalitätsbekämpfung auf Augenhöhe entgegengesetzt.

Nach jahrelanger Ermittlungsarbeit des „Joint Investigation Teams“ unter Leitung der EU-Justizbehörde Eurojust kam es zu einer konzertierten Aktion gegen die aus Kalabrien stammende kriminelle Vereinigung in Deutschland, Italien, Belgien, den Niederlanden, Costa Rica und Kolumbien.

Ist die Justiz ausreichend für den Kampf gegen die Mafia gerüstet? In der Vergangenheit warfen sich deutsche und italienische Ermittler gegenseitig mangelnde Zusammenarbeit vor. Mittlerweile gehen sie nicht nur über die EU-Behörde Eurojust, sondern auch bei einzelnen Ermittlungen gemeinsam vor. Die Vermischung krimineller Aktivitäten mit Investitionen der Profite in legale Wirtschaftszweige macht eine endgültige Zerschlagung mafiöser Strukturen jedoch besonders schwierig. Und: Die in Italien geltenden, sehr scharfen Anti-Mafia-Gesetze suchen zum Beispiel in Deutschland ihresgleichen.

Wodurch unterscheiden sich die verschiedenen italienischen Mafia-Organisationen? Hauptziel des organisierten Verbrechens in Italien ist die Kontrolle des eigenen Einflussgebiets. Angesichts des seit den 90er Jahren gewachsenen Ermittlungsdrucks vernetzte sich vor allem die 'Ndrangheta international. Sie beherrscht heute einen Großteil des internationalen Drogenhandels. Ursprungsort der 'Ndrangheta ist das kalabrische Bergdorf San Luca.

Mittlerweile leben mehr als 150 Männer aus San Luca in Deutschland. Die Auseinandersetzungen zwischen den zwei Hauptclans führten zu den Mafiamorden 2007 in Duisburg. Einmal im Jahr treffen sich die kalabrischen Mafiabosse im Kloster von Polsi, um die Strategien für das nächste Jahr festzulegen.

Die sizilianische Mafia Cosa Nostra entstand ursprünglich auf dem Land zur Unterdrückung sozialer Proteste. Über Schutzgelderpressungen kontrollieren die Clans heute auch in Großstädten wie Palermo Geschäfte, Bars und Restaurants, den Drogenhandel sowie Unternehmen insbesondere in der Bauwirtschaft.

Die Cosa Nostra ist im Unterschied zu anderen Mafia-Organisationen hierarchisch organisiert, mit einer Spitze, die die einzelnen Clans koordiniert. Bei der jüngsten Massenverhaftung wurde deutlich, dass die jetzige Führungsriege unter dem 80-jährigen Juwelier Settimo Mineo wieder verstärkt auf Traditionen wie ein Verbot von Ehebruch setzt.

Die Clans der neapolitanischen Camorra kontrollierten in der Vergangenheit in Konkurrenz zueinander das Territorium. Ihre horizontale Struktur kennt keinen übergeordneten Chef wie die sizilianische Mafia. Die Inhaftierung zahlreicher Camorra-Chefs schuf ein Vakuum, das zunehmend junge, teils minderjährige Kriminelle füllen. Sie fühlen sich nicht an traditionelle Camorra-Strukturen gebunden und schüchtern die Bewohner der einzelnen Stadtviertel durch offene Gewalt ein.

Als besonders brutal gilt die zahlenmäßig kleinere Mafia aus Apulien. Im Unterschied zu anderen süditalienischen Regionen entstand diese Form des organisierten Verbrechens nicht rund um die italienische Staatengründung im 19. Jahrhundert sondern erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Ist sich die deutsche Politik des wachsenden Mafia-Problems bewusst? Mittlerweile ja. Wie sehr das Problembewusstsein auch bei der Bundesregierung gewachsen ist, zeigen unter anderem deren Antworten auf Anfragen der Grünen im Bundestag zur „Entwicklung italienischer Mafiakriminalität in Deutschland“. Mit Verweis auf das „Bundeslagebild“, das vom Bundeskriminalamt erstellt wird, heißt es über die Bedrohung durch die Organisierte Kriminalität insgesamt, sie befinde sich „weiterhin auf einem sehr hohen Niveau“.

Die Bundesregierung bestätigt auch die dominante Rolle der kalabrischen 'Ndrangheta im Kreise der italienischen Mafia-Gruppierungen und die herausragende Position im deutschen und europäischen Rauschgiftgeschäft.

„Im Bereich des Handels mit Betäubungsmitteln nimmt die 'Ndrangheta im Vergleich zu den übrigen Gruppierungen der Internationalen Organisierten Kriminalität eine führende Rolle ein“, heißt es im aktuellen Bundeslagebild.

Settimo Mineo soll der Anführer der Cosa Nostra auf Sizilien sein. Er wurde festgenommen. Foto: dpa

SWP GRAFIK QUELLE: DPA

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Erstellt:
6. Dezember 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
6. Dezember 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Dezember 2018, 06:00 Uhr

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