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Bis keine Kunst mehr übrig bleibt

Italiens Kulturetat radikal gekürzt

Große Persönlichkeiten wie Dirigent Riccardo Muti sehen die italienische Kultur in ernsthafter Gefahr. Im Vergleich zu 2010 hat Finanzminister Giulio Tremonti den Kulturetat um 40 Prozent gekürzt.

18.03.2011
  • BETTINA GABBE

Mailand/Rom Noch müssen die Mailänder nicht nach Paris fahren, um Theater von Weltrang zu sehen. Trotz radikaler Etatkürzungen schlug Peter Brook als Altmeister des großen Theaters mit minimalem Aufwand das Publikum des Piccolo Teatro mit Mozarts Zauberflöte dieser Tage in seinen Bann. Ein Klavier anstelle des Orchesters, junge Sänger und Brooks präzise agierende Schauspieler begeisterten mit mobilen Bambusstäben als Bühnenbild. Doch in der nächsten Saison wird sich das nach dem auch in Deutschland als Bühnenzauberer bekannten Giorgio Strehler benannte Theater kaum mehr weltberühmte Stars wie Brook leisten können. Die Mailänder Scala sieht ihren Ruf als eines der besten Opernhäuser der Welt unter den Kürzungen der vergangenen Jahre ohnehin bereits empfindlich beeinträchtigt.

Obwohl namhafte Persönlichkeiten wie der Dirigent Riccardo Muti und der Filmregisseur Roberto Benigni ("Das Leben ist schön") vor dem Ende der italienischen Kultur durch Auszehrung warnen, kürzt Finanzminister Giulio Tremonti weiter. Falls der Verkauf von frei gewordenen Sendefrequenzen nicht die erwarteten Einnahmen bringt, wird der staatliche Kulturhaushalt in diesem Jahr im Vergleich zu 2010 um vierzig Prozent auf 231 Millionen Euro gekürzt. "Kultur kann man schließlich nicht essen", sagt Tremonti. Hingegen meinen seine Gegner, dass Italiens Opernhäuser, Museen, Ausgrabungsstätten und Filmproduktionen zu den wertvollsten Kapitalanlagen gehören. Während Deutschland in der Krise in vielen Bereichen nicht bei der Kultur kürzte, erhöhte Frankreich seine Ausgaben sogar. Rom gibt hingegen unter zwei Prozent für Kultur aus.

Die Premiere von Verdis Nabucco geriet unter der Leitung von Riccardo Muti in Rom angesichts der herrschenden Alarmstimmung zu einem patriotischen Hilferuf. Der Gefangenenchor der Oper gilt ohnehin als inoffizielle Nationalhymne, besingt er doch die Leiden des unterdrückten jüdischen Volks, mit dem sich die Italiener unter der österreichischen Herrschaft im 19. Jahrhundert identifizierten. "Dirigenten sollten nicht vom Podium aus sprechen", meint Muti. Im Sturm der Kürzungen drohe das Schiff der italienischen Kultur jedoch unterzugehen. Der Star-Dirigent ließ deshalb statt der Zugabe Chor und Publikum den Gefangenenchor singen. Das Premierenpublikum erhob sich dazu spontan, um Mutis "Schrei gegen die Reduzierung der Kultur auf ein Nichts" Nachdruck zu verleihen.

Der wegen des Einsturzes von Mauern in der Ruinenstadt Pompeji weltweit ins Gerede geratene Kulturminister Sandro Bondi warf mittlerweile das Handtuch, weil es ihm nicht gelang, sein Ressort gegen die Kürzungen zu verteidigen. "Ich kann nur hoffen, dass mein Nachfolger die Autorität haben wird, Abhilfe zu schaffen", sagte er.

Bondi hatte mit der Ernennung des ehemaligen McDonald-Managers Mario Resca zum Vermarkter der italienischen Museen die Privatisierung der italienischen Kulturpolitik eingeläutet. Seither wurde ein Schuh-Hersteller für die Restaurierung des römischen Kolosseums gewonnen. Weniger werbeträchtige Kulturgüter könnten jedoch kaum über Sponsoren finanziert werden, meint der Intendant der Berliner Festspiele, Joachim Sartorius. Die Vorstellung, die Finanzierung von Kultur als Grundelement im demokratischen Entscheidungsfindungsprozess an die Wirtschaft zu delegieren sei absurd, sagte er bei einer Debatte über Kulturpolitik im deutsch-italienischen Zentrum Villa Vigoni am Comer See.

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18.03.2011, 12:00 Uhr
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