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Dichter und ihre Orte · Thomas Mann

Italienblick an der Ostsee

Thomas Manns Feriendomizil an der Kurischen Nehrung in Litauen war ein idyllisches Refugium. Heute erinnert dort ein Kulturzentrum an den Autor.

01.09.2017
  • DPA

Nida. Für Thomas Mann war es Liebe auf den ersten Blick. Nur wenige Tage im Sommer 1929 genügten dem Autor, um sein Herz an die Landschaft der Kurischen Nehrung zu verlieren. Überwältigt von der Schönheit der Natur ließ sich der Schriftsteller (1875-1955) im litauischen Fischerdorf Nida ein Sommerhaus errichten. Dort entstanden Teile seiner Roman-Tetralogie „Joseph und seine Brüder“. Doch Mann und seine Familie sollten nur drei Sommer dort verbringen können. Die Machtübernahme der Nazis zwang sie ins Exil.

„Den Traum vom eigenen Sommerhaus hatte Thomas Mann bereits auf früheren Reisen gehabt. Doch erst hier sollte er ihn sich erfüllen“, sagt Lina Motuziene. Die Litauerin ist Leiterin des Thomas-Mann-Kulturzentrums, das heute zusammen mit einem Museum in dem rotbraunen Holzhaus mit Reetdach und in „Niddener Blau“ gehaltenen Fensterläden untergebracht ist. Entdeckt hatten Thomas Mann und Ehefrau Katia den idyllischen Landstrich am Rande einer Reise nach Königsberg. Einer Empfehlung folgend fuhren sie in das einstige Nidden, das bis Ende des Ersten Weltkrieges zum deutschen Memelland gehörte und sich zu einer Künstlerkolonie entwickelt hatte.

Der kurze Aufenthalt hinterließ tiefen Eindruck. „Die phantastische Welt der Wanderdünen, die von Elchen bewohnten Kiefern- und Birkenwälder zwischen Haff und Ostsee, die wilde Großartigkeit des Strandes haben uns so ergriffen, dass wir beschlossen, an so entlegener Stelle einen festen Wohnsitz zu schaffen“, schrieb Thomas Mann. Ein Jahr später war das im Stil einer Fischerkate errichtete Anwesen fertig, am 16. Juli 1930 konnte die Familie Mann einziehen. Finanziert wurde der Bau mit dem Preisgeld für den Literatur-Nobelpreis, den Mann für seinen ersten Roman „Buddenbrooks“ erhalten hatte.

Die Anreise aus München dauerte zwei Tage: Erst mit dem Zug nach Berlin und dann nach Königsberg. Von dort aus ging es mit dem Taxi nach Cranz und mit dem Salondampfboot nach Nidden. Bei ihrer Ankunft erwartete die prominenten Urlaubsgäste ein Menschenauflauf. Auch danach sollte die Schriftstellerfamilie reges Interesse auf sich ziehen, Nidden erlebte einen Aufschwung im Tourismus. Umringt von Schaulustigen machten sich die Manns mit einer Pferdekutsche auf den Weg hinauf zum sogenannten Schwiegermutterberg. Auf der Anhöhe befand sich „Onkel Toms Hütte“, wie das Sommerhaus im Volksmund genannt wurde.

Nach Zerstörungen im Krieg und Umbauten in der Sowjetzeit erstrahlt das Haus heute scheinbar unversehrt. Das Mobiliar allerdings fehlt – es wurde nach dem Zweiten Weltkrieg geplündert. Dafür vermitteln Fotos, Zeitungsausschnitte und Schautafeln eine Vorstellung. In der unteren Etage liegt das Wohnzimmer mit Veranda, von der sich ein traumhafter Blick auf das Kurische Haff auftut. Wie auch vom Arbeitszimmer des Hausherrn in der Mansarde – Thomas Mann sprach von seinem „Italienblick“. Allerdings verstellen Kiefern inzwischen etwas die Sicht.

In seinem Arbeitszimmer saß Mann auch in den Ferien. „Er hatte immer einen sehr strengen, disziplinierten Tagesablauf“, erzählt Motuziene. Darauf hatte die Familie Rücksicht zu nehmen. Nach dem Frühstück und einem kurzen Waldspaziergang habe sich Mann zurückgezogen und an seinen Josephs-Geschichten gearbeitet. Angeblich sollen ihn die Dünen zur Schilderung der Wüstenlandschaft Ägyptens angeregt haben. Mittags sei Mann der Familie an den Strand gefolgt, schildert Motuziene. Danach las er und schrieb Briefe. Abends sei Musik gehört oder selbst musiziert worden.

Der lange Schatten der Politik

Während der Literat in seine Arbeit vertieft war und die Öffentlichkeit mied, genossen seine Kinder ihre Zeit. Nidden sollte jedoch nur kurze Zeit ein unbeschwertes Sommerparadies für die Manns bleiben. Die Entwicklung in Deutschland warf ihre Schatten.

Nach einer Polemik im „Berliner Tageblatt“, in der er Angriffe auf NSDAP-Gegner in Königsberg verurteilte und vor der Gefahr der „Volkskrankheit“ Nationalsozialismus warnte, fand Mann im August 1932 ein Paket vor seinem Sommerhaus. Darin befand sich ein verkohltes Exemplar der „Buddenbrooks“. Immer lauter schallten die Marschlieder der Hitlerjugend herüber – das Ferienidyll hatte seine Unschuld verloren. Ohne zu wissen, dass er „das schöne Fleckchen Erde“ nicht wiedersehen würde, verließ der Schriftsteller im September 1932 sein geliebtes Nidden. Der Abschied sollte ein endgültiger sein. „Wir würden dort ohne Frage umgebracht werden“, schrieb Manns Sohn Klaus später an einen Freund.

Nach der Machtergreifung Hitlers wanderte die Familie 1933 aus und emigrierte in die USA. Thomas Mann sollte nie mehr nach Nidden zurückkehren, das für ihn aus Sicht seines Lieblingsenkels Frido zu einem „Refugium, vielleicht sogar einer Art Vor-Exil“ geworden war. Alexander Welscher, dpa

Kulturzentrum und Festival-Ort

Das ehemalige Sommerhaus des Schriftstellers in Nida ist seit 1995 Sitz eines Kulturzentrums, in dem Manns Werk und seine Ideen als Humanist bekannt gemacht werden sollen. Dazu werden Seminare, Lesungen und Konferenzen veranstaltet. Höhepunkt ist alljährlich das Thomas-Mann-Festival im Juli.

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01.09.2017, 06:00 Uhr
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