Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Zugvogel-Nachschub für den Feinschmecker-Grill

Italien ignoriert bestehende Verbote - EU setzt ihre Schutzgesetze nach wie vor nicht durch

Millionen Stunden investieren deutsche Vogelschützer, damit Lerchen oder Finken überleben. Ziehen die Tiere gen Süden, verenden Hunderttausende. Italienische Provinzen ignorieren EU-Verbote. Brüssel schaut zu.

14.11.2009

Von MARTIN HOFMANN

497 300 Buchfinken, 94 600 Bergfinken, 50 000 Wiesenpieper und 32 000 Kernbeißer dürfen ganz offiziell bis Ende Dezember in der Lombardei erlegt werden. Erreichen die italienischen Jäger diese Zahlen, dürfte etwa der Wiesenpieper - bisher steht er auf der Vorwarnstufe der Roten Liste über gefährdete Vogelarten - ganz nach oben rutschen. Der spatzengroße, olivbraune Bewohner freier Wiesen- und Ackerflächen wäre akut vom Aussterben bedroht. Denn in unserer ausgeräumten Agrarlandschaft findet er immer weniger Lebensraum und Nahrung: kleine Insekten, deren Larven und Spinnen.

Dass sie gegen EU-Recht verstoßen und streng geschützte Arten jagen, interessiert die Vogelfänger zwischen Iseo- und Gardasee so wenig wie die Regionalpolitiker, die ihnen diese alte "Tradition" auch noch ermöglichen. Zum Abschuss werden solche Zugvögel freigegeben, weil die zurückgehenden Bestände an Drosseln oder Lerchen den Bedarf an Vogelfleisch in der Lombardei, Venetien und der Toskana nicht mehr decken. Denn zur Polenta werden gern Spießchen mit gegrillten Vogelbrüstchen auf Lorbeerblatt und Speck serviert.

Als dreist und unverschämt empfinden Vogelschützer, wenn die Regionalregierungen dann noch von "nachhaltiger Jagd" oder "Bestandsregelung" faseln, um die Jagdfreigabe zu begründen. "Wenn der Bestand einer Art in Zentraleuropa seit Jahren zurückgeht, darf sie auf gar keinen Fall bejagt werden", sagt Axel Hirschfeld vom deutschen Komitee gegen den Vogelmord. "Dies konterkariert alle Schutzbemühungen diesseits der Alpen."

Der Vogelfang in Italien ist ein Millionengeschäft. Da schickt Silvio Berlusconis Nationalregierung während des Vogelzugs zwar ein Team Forstpolizisten in die Berge um Brescia, lässt den Parteifreunden in der Provinz aber mit ihren Verordnungen zum Vogelfang zuvor freie Hand. Bis die Wächter über die EU-Gesetze aufwachen, sind die Tierchen längst in den Tiefkühltruhen der Wilderer verschwunden. Allein in einem Gefrierschrank fand die Polizei 450 gerupfte Rotkehlchen. Axel Hirschfeld: "Wir haben die EU-Kommission im September um rasches Einschreiten gegen die aktuellen Sondergenehmigungen gebeten." Doch auf ein Echo aus Brüssel wartet er noch immer.

Beim Protest belässt es das Komitee seit Jahren nicht. Den ganzen Oktober über errichten deutsche und italienische Vogelschützer in der Region um Brescia ein Camp und durchstreifen das Hochgebirge, um Jäger aufzuspüren und Fanganlagen einzusammeln. Dieses Jahr wurden 46 Wilderer überführt, 2651 Fallen und 171 Netze abgebaut. Besonders effektiv schlägt die Bogenfalle zu. Die Vögel werden mit Futter auf ein Stöckchen gelockt. Sitzen sie dort, schnellt ein gespannter Draht hoch, bricht den Tieren die Beine und klemmt sie fest. Nun hängen sie kopfüber da und verenden nach stundenlangem Todeskampf. Wer 70 solcher Vorrichtungen aufstellt, erbeutet im Schnitt täglich zehn Piepmätze - zu 90 Prozent sind es Rotkehlchen.

Doch diese Aktionen sind nicht viel mehr als der Tropfen auf den heißen Stein. Schon legal dürfen in Italien 15 Millionen Drosseln und Lerchen abgeschossen werden. "Etwa die gleiche Anzahl Tiere wird illegal getötet", schätzt Hirschfeld. Sein Komitee fordert, das von den 82 Arten, die im Anhang der EU-Vogelschutzrichtlinie noch als bejagbar zugelassen sind, 20 sofort herausgenommen werden müssen. Sonst brechen diese Populationen völlig zusammen. Dazu zählen neben den Lerchen Kiebitze oder Turteltauben. Bei einem weiteres Dutzend Arten ist klar, dass auf sie eine "ökologisch ausgewogenen Regulierung der Bestände", wie das EU-Gesetz vorschreibt, keinesfalls mehr zutrifft. Doch die Kommission in Brüssel will sich mit der starken Jägerlobby, die über Fürsprecher in den nationalen Regierungen Italiens, Frankreichs, auf Malta oder Zypern verfügt, nicht anlegen. Auf Zypern erhaschen die Fänger Zugvögel noch mit Leimruten, meist bei ihrem Rückflug im Frühjahr. Auf Malta ist es Brauch, Greifvögel aus reinem Schießvergnügen vom Himmel zu holen. 17 000 Jäger beteiligen sich an diesem Hobby.

Was sind also Vorschriften wert, die ihr Hauptziel verfehlen oder ignoriert werden? "Die Vogelschutzrichtlinie - seit 30 Jahren in Kraft - verkommt zu einem Papiertiger", schimpft Hirschfeld. Der Reutlinger CDU-Umweltpolitiker Oskar Riedinger setzt darauf, dass die Europaabgeordneten der EU-Exekutive richtig Dampf machen. "Den Vogelfrevlern muss endlich das Handwerk gelegt werden." Brüssel brauche doch nur längst beschlossene Gesetze durchsetzen. Zu hohen Strafzahlungen bei Gesetzesverstößen greife die EU sonst auch. "Hier steht immerhin das Überleben unserer Mitgeschöpfe auf dem Spiel."

Total veräppelt kommen sich die ehrenamtlichen Vogelschützer vor. Allein die 30 000 aktiven Mitglieder des Naturschutzbundes leisten rund 2,2 Millionen Stunden pro Jahr, um den Vogelbestand zu sichern. Nur ein Beispiel: Mit viel Mühe überreden sie inzwischen Landwirte, bei der Getreideaussaat die Maschine für kurze Zeit zu stoppen, damit Feldlerchen bei ihrer Wiederkehr aus dem Süden einen Nistplatz finden und ihr helles Zwitschern nicht verstummt. Fast jedes Brutpaar des seltenen Goldregenpfeifers werden extra gehegt und gepflegt. Landen sie auf ihrem Flug in ihr Winterquartier in den südfranzösischen Sevennen in einem Fangnetz, war die ganze Arbeit umsonst. Jede zweite heimische Vogelart wandert im Herbst Richtung Süden, jede achte steht auf der Roten Liste.

Ende des Zugs nach Süden: Rotkehlchen im Fangnetz. Privatfoto

Zum Artikel

Erstellt:
14. November 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
14. November 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. November 2009, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+