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Eine Ohrfeige für den Darling

Ist das Französische Viertel eine Ökospießer-Siedlung?

Das Französische Viertel – eine „grüne Hölle“, so steht es im „Spiegel“ dieser Woche. In einer vierseitigen Reportage wird der Medien-Darling als Hauptquartier der Öko-Spießer abgewatscht, wir hörten uns im Viertel um.

23.03.2011
  • ulla steuernagel

Tübingen. Grüne Mustersiedlungen scheinen vor dieser Landtagswahl besonders interessant. Vor kurzem sah sich die „Zeit“-Journalistin Mariam Lau im Freiburger Vauban um („Abenteuerspielplatz für Erwachsene“, 21. Februar), nun „Spiegel“-Reporter Markus Feldenkirchen in Tübingen. Wie lebt es sich in diesen Vierteln, in denen der grüne Geist im Penthouse residiert und die Grünen stärkste Partei sind? Die Quartiere werden als Miniaturmodelle einer neuen Baden-Württemberg-Vision inspiziert. Das „Spiegel“-Tübingen verdient jedenfalls nicht das Attribut „bessere Welt“.

Ist das Französische Viertel eine Ökospießer-Siedlung?
„Grüne Hölle“ oder grüne Insel? Das Französische Viertel eignet sich als Projektionsfläche für unterschiedliche Vorstellungen und manches Vorurteil. Bild: Metz

Hier treten nämlich Prototypen von Bewohnern auf. Da ist Boris Palmer, der mit seiner Familie das Viertel inzwischen gar nicht mehr bewohnt und als Kronzeuge für eine allgemein abgeflaute und erst jüngst wieder aufkeimende Atomkraft-Gegnerschaft zitiert wird.

Da tritt eine pedantisch auf perfektes Wohnambiente bedachte Lehrerin auf. Die Lehrerin, sie heißt Susanne Tromposch, kommentiert dies dem TAGBLATT gegenüber so: „Ich werde als Design-Tante dargestellt.“ Sie sieht sich damit sehr eindimensional wiedergegeben, als zähle für sie nichts anderes als ein ästhetisches Konzept. „Ich versuche es, mit Humor zu sehen,“ sagt die so Porträtierte, aber ein bisschen verärgert sei sie schon. Dass selbst ihre abgelatschten Filzlatschen im „Spiegel“ nun als hochwertige Design-Pantoffeln vorgestellt werden, amüsiert sie jedenfalls.

Marianne Mösle, im Viertel wohnende Journalistin und Autorin, kritisiert den Artikel als „schlecht recherchiert“. „Da kam jemand mit einem Vorurteil her und fand seine Vorurteile bestätigt.“ Dass die Bewohner soziale Konflikte auf die andere Seite der Stuttgarter Straße verbannen, weist sie lebhaft von sich. Und die Öko-Spießer, wo sind die? „Ich würde auch nicht behaupten, dass alles toll ist“, sagt sie. „Es gibt auch im Viertel eine gewisse Selbstzufriedenheit“, aber diese bestimme nicht das Klima.

Anne Kuhn lebt in der Aixer Straße in einem Haus, das genossenschaftlich organisiert ist und von Anfang an auf eine bunte soziale Mischung aus Eigentümern und Mietern bedacht war. „Klar“, sagt Kuhn, „gibt es auch Auseinandersetzungen im Viertel.“ Das aber macht für die Keramikerin gerade den Reiz aus. Ihr Mann und sie mögen die Urbanität der dichten Bebauung und stören sich weder an Bus-, noch anderem Lärm.

„Latour“-Wirt Bruno Gallo findet im „Spiegel“ scharfe Worte für das Ruhebedürfnis der Anlieger, die unter anderem seine Konzertveranstaltungen torpedieren. Gallo steht zwar hinter dieser Kritik – „keiner hat so oft die Polizei da wie ich“ –, aber er betont, dass er dem Viertel, in dem er seit 13 Jahren als Koch und Wirt arbeitet, auch viele guten Seiten abgewinnen kann. Die beispielhafte Behinderten-Integration fällt ihm da ein: „Die ist einzigartig hier!“ Ansonsten glaubt er, dass es im Viertel die gleichen Probleme gibt wie anderswo. Sein Eindruck nach der Lektüre des Artikels: „Der Journalist hat das Bild vom Viertel schon mitgebracht.“ Schelte für seine Quartier-Schelte bezog Gallo bisher jedenfalls nicht, egal ob das nun auf Toleranz oder Konfliktvermeidung schließen lässt.

Baubürgermeister Cord Soehlke lebt seit 13 Jahren im Französischen Viertel und ist ganz und gar von seinem Wohnsitz überzeugt. Der Artikel entspreche seiner eigenen Wahrnehmung nicht, aber, dies setzt er hinzu, jeder habe eben eine andere Wahrnehmung, und die wolle er auch dem Journalisten nicht nehmen. „Etwas holzschnittartig“ kommt ihm das Bild des Viertels dennoch vor. Ihm fällt hier immer die große Vielfalt auf: „Hier gibt es Leute mit viel, mit wenig Geld, junge, alte, Leute mit Migrationshintergrund, Arbeiter, Akademiker.“ Nachdem das Quartier jedoch zehn Jahre Streicheleinheiten bekommen habe, sei wohl auch einmal „etwas Bilderstürmerei“ fällig.

Schlagersänger Dieter Thomas Kuhn wohnt laut „Spiegel“ in einer „schicken Eigentumswohnung“, die, wie Kuhn findet, gar nicht schick ist und seinen Porsche will er auch nicht, wie behauptet, verkaufen. Aber – „Spiegel“-Kritik hin oder her – er lebt gerne in der „grüne Hölle“ und hier auch nicht anders, als er im Berliner Prenzlauer Berg leben würde, wo der „Spiegel“-Journalist in einem Loft wohnt.

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23.03.2011, 12:00 Uhr
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