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Festspiele

Ist Karl May noch zeitgemäß?

Jeden Sommer reitet Winnetou über deutsche Freilichtbühnen. Amerikanisten kritisieren die Spektakel.

18.06.2019

Von DPA

Jean-Marc Birkholz spielt Winnetou. Foto: Marius Becker/dpa

Bad Segeberg. Es ist wieder Karl-May-Festspiel-Zeit in Deutschland. Am Samstag kehrte Winnetou auf die Naturbühne Elspe im Sauerland zurück, am 29. Juni wird er vor der imposanten Kalkstein-Kulisse von Bad Segeberg erwartet. Doch ist es eigentlich im Jahr 2019 noch zeitgemäß, wenn sich Deutsche rot anmalen und Indianer spielen?

Mita Banerjee, Professorin für Amerikanistik am Obama Institute for Transnational American Studies in Mainz, findet, dass die Karl-May-Spiele so wie bisher nicht weitermachen können. Sie förderten ein klischeehaftes Bild von „den“ Indianern, die es so als Einheit gar nicht gegeben habe, kritisiert sie. Die Vielfalt indianischer Kulturen finde keine Berücksichtigung. „Ein kurzes Gedanken-Experiment kann uns das Problem vielleicht verdeutlichen“, sagt die Wissenschaftlerin. „Stellen Sie sich vor, irgendwo in Afrika feiert ein Land ein Festival, bei dem eine erfundene Geschichte über einen Deutschen aufgeführt wird, und alle tragen ausschließlich Lederhosen und Dirndl und essen nichts als Sauerkraut. Da würden wir sagen: ,Das ist ja ein absolutes Klischee. In Wahrheit bin ich ganz anders und bei uns gibt es so viel mehr.'“

Banerjee geht nicht so weit, ein Ende der Karl-May-Festspiele zu fordern. „Aber wir müssen sie dringend verändern.“ Zum Beispiel könnte sie sich vorstellen, dass indigene (indianische) Künstler aus den USA mit einem Film oder einem anderen Projekt in das Programm integriert würden. „Sonst bleibt es eine koloniale Geste. Dann sagen wir: Es ist uns egal, ob wir eure Wirklichkeit darstellen oder nicht – euer Bild gehört uns!“

Auch Anne Slenczka, Amerika-Referentin im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln, fehlt bei Karl May die Stimme der „Native Americans“, wie die „Indianer“ in den USA und in Kanada meist genannt werden. Sie plädiert dafür, den Begriff „Indianer“ ebenso zu streichen wie das Wort „Rothaut“. Denn die Ureinwohner Amerikas hätten keineswegs eine rote Hautfarbe gehabt. Vielmehr hätten sie sich zu bestimmten Anlässen das Gesicht bemalt – manchmal in Rot. „Nicht nur bei den Native Americans, sondern weltweit spielt Gesichtsbemalung bei indigenen Ethnien eine große Rolle.“

Wie bei Harry Potter

Jean-Marc Birkholz, der Winnetou-Darsteller in Elspe, kann die Diskussion nicht nachvollziehen: „Winnetou ist eine Märchenfigur“, sagt der 45-jährige Schauspieler. Ute Thienel, Geschäftsführerin der Karl-May-Spiele Bad Segeberg, sieht es genauso: „Die Karl-May-Spiele erheben überhaupt nicht den Anspruch, die Realität im Nordamerika des 19. Jahrhunderts darzustellen. Wir bringen die Traumwelt des Schriftstellers Karl May auf die Bühne.“ Zwar gebe es bei Karl May Anklänge an den echten Wilden Westen, aber alles sei stark romantisiert – ungefähr so wie bei Harry Potter: Da komme zwar auch der sehr reale Bahnhof King‘s Cross in London vor, aber ebenso das magische Gleis 9 3/4.

„Karl May ist Fiktion“, betont auch Christian Wacker, Direktor des Karl-May-Museums in Radebeul bei Dresden. „Seine Bücher sind Fantasy-Geschichten.“ May schrieb seine Romane, ohne je in den USA gewesen zu sein – erst im fortgeschrittenen Alter schaffte er es erstmals dorthin. „Indianische Kulturen studieren konnte er nicht, weil es diesen Forschungszweig noch gar nicht gab“, sagt Wacker. dpa

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Erstellt:
18. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2019, 06:00 Uhr

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