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Ist Fethullah Gülen an allem schuld?
Der Bombenanschlag auf eine Polizeistation in Elazig hat auch Todesopfer gefordert. Polizisten suchen nach Spuren in den Trümmern. Foto: afp
Der türkische Präsident Erdogan sieht Erzfeind auch als Drahtzieher des PKK-Terrors

Ist Fethullah Gülen an allem schuld?

Staatschef Erdogan versucht, den Kurden-Konflikt zu instrumentalisieren. Seinem einstigen Verbündeten Gülen wirft er Kooperation mit der PKK vor.

20.08.2016
  • GERD HÖHLER

Ankara. 14 Tote, fast 300 Verletzte bei drei Terroranschlägen in nur 24 Stunden: Im Südosten der Türkei tobt der Kurdenkrieg noch heftiger als in den 1990er Jahren. Premierminister Binali Yildirim besuchte am Donnerstag Elâz??, einen der drei Anschlagsorte. Urheber der Attentate sei die kurdische PKK, „daran gibt es keinerlei Zweifel“, sagte Yildirim. Der Präsident kennt allerdings den wahren Drahtzieher der blutigen Anschläge: seinen stärksten Widersacher Fethullah Gülen, den er auch für die Putsch-Pläne verantwortlich macht. Die „terroristische Gülen-Gruppe“, so Erdogan, habe die PKK mit Informationen und geheimdienstlichen Erkenntnissen versorgt, Anhänger Gülens seien Komplizen bei den Attacken der PKK. So versucht Erdogan, die Anschläge der kurdischen Terroristen zur Waffe gegen Gülen umzufunktionieren.

Gülen selbst bestreitet aus seinem Exil in den USA jede Beteiligung an den Putsch-Plänen. Ob die Vorbereitungen von ihm ausgingen, ist bisher unklar. Es gibt aber Indizien für eine Beteiligung seiner Anhänger an dem Umsturzversuch. Der türkische Generalstabschef Hulusi Akar, der in der Nacht des Coups von Aufständischen als Geisel genommen wurde, berichtet, Putsch-Offiziere hätten versucht, ihn zum Mitmachen zu überreden – unter Berufung auf Gülen. Der Prediger erklärte inzwischen, wenn einige seiner Gefolgsleute an dem Putsch beteiligt gewesen sein sollten, so sei das gegen seinen Willen geschehen.

Erdogans These von einer Aktionsgemeinschaft Gülens mit der PKK klingt auf den ersten Blick unstimmig. Die Kurdenfrage war einer der Streitpunkte, die 2013 zum Bruch zwischen den einstigen Verbündeten Gülen und Erdogan führten: Während Erdogan eine friedliche Lösung des Konflikts anstrebte, lehnte der Nationalist Gülen jedes Zugeständnis an die kurdische Autonomiebewegung ab. Es seien die Gülenisten gewesen, die den damaligen Friedensprozess sabotierten, sagt der Regierungspolitiker Mehdi Eker. Auch der Kurdenpolitiker Hatip Dicle bestätigt, die Gülen-Bewegung habe damals „alles darangesetzt, den Friedensprozess zu blockieren“. Im Regierungslager heißt es jetzt, das schließe allerdings nicht aus, dass sich nun versprengte Gülen-Anhänger im Sicherheitsapparat mit der PKK zusammentun, um den Konflikt zu schüren und den Staat zu schwächen.

Schon Ende 2014 sprach der damalige Premierminister Ahmet Davutoglu von angeblichen Verbindungen der kurdischen Arbeiterpartei PKK zu Gülen und seiner konservativen Islambewegung: „Wir wissen, wer mit wem spricht, wir haben Beweise“, erklärte er damals. Der Journalist Ahmet S?k, der 2011 in seinem Buch „Die Armee des Imam“ die Unterwanderungsstrategie der Gülenisten im Staatsapparat beschrieb und als einer der besten Kenner der Gülen-Bewegung gilt, hält diese These zwar für „absoluten Unsinn“. Sie passt aber in das allgemeine Klima einer regelrechten Hexenjagd auf Gülen-Anhänger.

Noch vor einigen Jahren, als Gülen und Erdogan Verbündete waren, konnte man „ohne ein Empfehlungsschreiben Gülens nicht mal Klassensprecher werden“, spottet der Kurdenpolitiker Selahattin Demirtas.

Wer jetzt regierungsnahe Medien verfolgt, muss den Eindruck gewinnen: Gülen ist an allem schuld. Der Mord an dem armenischen Bürgerrechtler Hrant Dink 2007 wird ebenso der Gülen-Bewegung in die Schuhe geschoben wie der Luftangriff der türkischen Streitkräfte auf 34 kurdische Dorfbewohner im Dezember 2011 und der Abschuss des russischen Bombers im syrischen Grenzgebiet Ende November 2015. Selbst Can Gürkan, der Chef der Soma-Minengesellschaft, in dessen Zeche 2014 bei einem Brand über 300 Kumpel starben, hat Gülen als Sündenbock entdeckt: Die Bewegung des Predigers stecke hinter dem Unglück, erklärte Gürkan jetzt vor Gericht.

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20.08.2016, 06:00 Uhr
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