Gier und Arroganz der Banker

Irische Finanzmanager verspotteten deutsche Anleger - Merkel: Ich habe dafür nur Verachtung

Die Chefs der Anglo Irish Bank haben ihr Land in die Krise gestürzt. Doch darüber amüsierten sie sich. Verächtlich äußerten sie sich über Deutsche, die ihrem Geldhaus vertrauten. Telefonmitschnitte belegen dies.

29.06.2013

Von JOCHEN WITTMANN

"Deutschland, Deutschland über alles", singt der Banker und sein Kollege kann sich vor Lachen kaum halten. Sie machen sich lustig über deutsche Anleger, die immer noch in irische Banken investieren wollen. "Diese Scheiß-Deutschen", nennt der Banker seine naiven Kunden vom Kontinent, denen er das Geld aus der Tasche ziehen wird. Es handelt sich um David Drumm, den Chef der "Anglo Irish Bank" (AIB), und John Bowe, einen seiner Top-Manager, die sich hier austauschen.

Dieses Telefongespräch vom September 2008 hat die Zeitung "Irish Independent" zusammen mit diversen anderen Mitschnitten der internen Telefonate der Banker jetzt veröffentlicht. Drumm und Bowe können sich etwa kaum vor Lachen halten, dass sie die Garantieerklärungen des irischen Staates ausnutzten, um deutsche Anleger anzulocken. Später amüsieren sie sich, wie sie deutsche Sparer und den eigenen Staat ausgenommen haben.

Die Gespräche haben Empörung in der ganzen Welt ausgelöst. Es sind Äußerungen von Insidern, die aufschlussreicher kaum sein können, weil sie den Zynismus, die Gier und die Unverschämtheit von Bankern belegen, die die Finanzkrise ausgelöst haben.

Kanzlerin Angela Merkel, die beim EU-Gipfel in Brüssel auf die Telefonate angesprochen wurde, fand ganz deutliche Worte: Dafür habe sie "wirklich nur Verachtung" übrig. Die Haltung dieser Banker sei eine "richtige Schädigung der Demokratie, der sozialen Marktwirtschaft und allem, wofür wir arbeiten". Sie merkte zudem an: Diese Skrupellosigkeit sei für Menschen, "die ganz normal jeden Tag zur Arbeit gehen, die ihr Geld verdienen, einfach nur ganz, ganz schwer zu verkraften, um nicht zu sagen, gar nicht zu verkraften". Merkel sieht in diesen Äußerungen auch keinen Einzelfall. Wie Geldmanager mit der Krise umgingen, "scheint bankenübergreifend gleich zu sein".

So wie die deutsche Regierungschefin denken viele Menschen. In den mitgeschnittenen Telefonaten wird offenbar, wie eine Clique von Finanzmanagern die Öffentlichkeit hinters Licht führte. Es geht nur am Rande um die Deutschen, aber vor allem darum, wie die Banker ihr Schäfchen ins Trockene bringen.

Die Situation, in der die Gespräche stattfanden, war folgende:

Im Herbst 2008, führte die Pleite der US-Investmentbank "Lehman Brothers" zu einer weltweiten Finanzklemme: Keine Bank wollte einer anderen mehr Geld leihen. Die AIB sitzt auf einem Berg von Schrottkrediten und weiß, dass sie bald selbst Bankrott anmelden muss.

Um einen Kollaps des gesamten Finanzsystems zu verhindern, hatte die irische Regierung eine umfassende Garantie für alle Verbindlichkeiten der irischen Banken abgegeben. Die AIB nutzte dies schamlos aus, indem sie, wie die Telefonate der Manager eindrücklich belegen, der Regierung vorspiegelte, dass die Schulden nur sieben Milliarden Euro betragen - eine Zahl, die, wie es AIB-Kapitalmarktchef John Bowe ausdrückte, er sich "aus dem Arsch gezogen" habe. Dies erklärte er einem Kollegen, der ihn fragte, warum die AIB bei der irischen Zentralbank nur nach sieben Milliarden Euro Hilfe gefragt habe. Bowe erläuterte: Bei Angabe des tatsächlichen Finanzbedarfs würden die Bankenretter eventuell davor zurückschrecken, für die AIB geradezustehen.

Tatsächlich hat die Rettung der AIB den irischen Staat am Ende rund 30 Milliarden Euro gekostet. Das Geldinstitut wurde 2009 verstaatlicht. Im Krisenjahr 2008 witzelten Drumm und Co. noch über solch eine Maßnahme. Da die AIB dennoch Verluste in Milliardenhöhe verzeichnete, wurde sie 2011 endgültig abgewickelt. Zuletzt hatte sie noch 850 Mitarbeiter. Die EU und der Internationale Währungsfonds mussten im November 2010 mit einem Rettungspaket von 85 Milliarden Euro die Pleite des irischen Staates abwenden. Als erstes Land schlüpfte die Inselrepublik unter den Euro-Rettungsschirm.

Die ehemaligen Manager von AIB sind inzwischen zu öffentlichen Hassfiguren geworden. Kein Wunder, wenn man sie in den mitgeschnittenen Telefonaten über die von der öffentlichen Hand gewährte Nothilfe lachen hört: Man werde das Geld "zurückzahlen, wenn wir es haben . . . also nie". Sie bestätigen sich gegenseitig, dass die Bank technisch schon insolvent sei. Gleichzeitig besprechen sie ihre Strategie, wie man die Regierung davon überzeugen kann, dass es sich nur um ein vorübergehendes Liquiditätsproblem handele. Einmal fordert Bankchef David Drumm seine Mitstreiter auf, "einfach das Geld einzutreiben", das aus Steuermitteln stammt. Oder er erklärt einfach: "ein neuer Tag, einer weitere Milliarde".

Die Opposition in Irland fordert eine parlamentarische Untersuchung der Vorgänge in der AIB. Der stellvertretende Premierminister Eamon Gilmore sagte, dass die Enthüllungen "wirklich schockierend" seien und die Arroganz, Gier und Selbstgefälligkeit der Banker verdeutlichen würden. Er versprach, schnell die nötigen Rahmenbedingungen für eine Aufarbeitung der Vorgänge zu schaffen. Über die Details der Untersuchung wird zwischen den Parteien noch verhandelt.

Bankmanager John Bowe hat sich zu den Telefonmitschnitten geäußert. Er bestritt, die irische Zentralbank über das wirkliche Desaster seines Hauses im Unklaren gelassen zu haben. Er habe von dem Plan der Regierung, eine Garantieerklärung für die Banken abzugeben, nichts gewusst. Immerhin bedauerte er jetzt die Sprache und den Ton der Gespräche. "Das war sowohl unüberlegt als auch unangebracht."

Die Wut und Empörung der Iren wird er damit nicht dämpfen. Das Land und seine Bürger haben schwer unter der Finanzkrise gelitten. Auf Twitter bemerkt ein Bürger denn auch: "Es sagt eine Menge über dieses Land aus, dass diese Idioten nicht im Gefängnis sind."

Inzwischen haben die mitgeschnittenen Gespräche auch große öffentliche Aufmerksamkeit in den USA, in Frankreich, in Australien und in Deutschland bekommen, weil sie die Praxis und Gesinnung jener sinnfällig demonstrieren, die die Weltwirtschaft in eine ihrer schwersten Krisen gestürzt haben.

Der frühere AIB-Chef David Drumm - seine Kollegen nannten ihn intern gern Drummer - hat sich vor drei Jahren in die USA abgesetzt. In Boston meldete er Privatinsolvenz an. Er weigert sich seither, seine privaten Schulden bei der Bank in Höhe von 8,5 Millionen Euro zurückzuzahlen.

Der Passant hatte es schon 2009 eilig, an dieser Filiale der Anglo Irish Bank vorbeizukommen. Damals wurde sie verstaatlicht. Foto: afp

David Drumm setzte sich vor drei Jahren in die USA ab. Foto: Getty

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Erstellt:
29. Juni 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
29. Juni 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. Juni 2013, 12:00 Uhr

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