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Die Kulturwissenschaftlerin Claudia Bosch erforschte das Treiben im Festzelt auf dem Wasen

„Irgendwann sind Sie einfach nur noch da“

Eigentlich wollte sie nur verstehen, was in einem Festzelt geschieht. Doch dann wurde Claudia Braun selbst mitgerissen von der Stimmung. Die Kulturwissenschaftlerin entdeckte den „Flow“-Zustand.

01.10.2015

Frau Bosch, für Ihre Dissertation sind Sie zeitweise täglich auf den Wasen gefahren. Haben Sie dabei auch ein Dirndl getragen?

Als ich im Festzelt geforscht habe, waren die Dirndl auf dem Volksfest noch nicht in Mode. Aber heute würde ich bei der Feldforschung im Zelt schon ein Dirndl tragen.

Wie forscht man denn im Festzelt? Saßen Sie mit ernstem Gesicht und Notizblock inmitten des Trubels?

Als Wissenschaftlerin fallen Sie natürlich in so einer Umgebung sofort auf: Wenn die Leute jemanden mit Block am Tisch sitzen sehen, ändern sie sofort ihr Verhalten. Allerdings nur kurzfristig. Bei einer „teilnehmenden Beobachtung“, wie ich sie gemacht habe, muss die Forscherin ja mitfeiern. Wenn man das tut, fällt man irgendwann nicht mehr auf.

Sind Wissenschaftler denn überhaupt körperlich und geistig in der Lage, in einem Festzelt mitzufeiern?

Ich bin schon als Jugendliche gern auf den Wasen gegangen und wusste, wie es da zugeht. Aber auch als Wissenschaftlerin hat mich die Stimmung im Zelt immer wieder mitgerissen. Ich habe das daran gemerkt, dass die Notizen irgendwann immer spärlicher wurden, und so ab 22 Uhr manchmal gar nichts mehr im Block stand.

Wen haben Sie denn beobachtet?

Die Menschen im Festzelt, die um mich rum waren. Auch habe ich Bustouren zum Wasen gebucht und bin mit den Busgesellschaften ins Zelt. Während der Busfahrt haben die Leute meine Fragebögen beantwortet. Im Zelt selbst habe ich keine Fragen mehr gestellt. Das ging einfach nicht.

Heute sieht man im Festzelt fast nur noch Leute in Tracht. Warum eigentlich? Dirndl und Lederhose galten mal als ziemlich altbacken.

Der Trend zur Tracht kommt aus München, vom Oktoberfest, und hat sich ausgebreitet. Dirndl und Lederhose sind heute ein wichtiger Teil der Inszenierung. Sie schaffen Abstand zum Alltag und stellen zugleich eine Verbindung zu Zeit und Raum her. Die Tracht wirkt ja historisch, auch wenn sie es gar nicht ist. Die Dirndl und Lederhosen, die auf dem Wasen getragen werden, sind keineswegs authentisch. Sie sind modisch, geben sich sexy und jung.

Wie läuft ein typischer Wasen-Besuch ab?

Es gibt da drei Phasen. Die erste Phase ist die Aufwärmphase, die Trennung vom Alltag. Das geschieht über den Ortswechsel, das Umkleiden, das Vorglühen, den Weg zum Zelt. Schritt für Schritt wird es dabei lauter, enger, intensiver. Im Zelt selbst geht es erst noch vergleichsweise statisch zu, doch dann gerät die Sache allmählich in Bewegung. Das Geschehen wechselt, wie ich das nenne, „von fest zu flüssig“.

Welche Rolle spielt der Alkohol dabei?

Natürlich wird in einem Festzelt viel Bier getrunken, aber es ist nicht so, dass die Leute sich ins Koma trinken wollen. Es geht um was anderes.

Um das, was in Phase zwei geschieht?

Ja. In Phase zwei, der Schwellenphase, die werktags so um 20 Uhr beginnt, findet die Enthemmung statt, die Ordnung verwandelt sich in kontrollierte Unordnung. Das Essen ist gegessen, vielleicht zwei Bier getrunken, die Band gibt nach der Pause richtig Gas, macht Party, und die Leute kommen sich näher, auch körperlich. Es wird getanzt, gesungen und immer wieder zum Prosit angestoßen, bis sich, hauptsächlich natürlich im Mittelschiff des Festzelts, ein großes Wir-Gefühl ausbreitet. Man steht auf, bewegt sich, umarmt einander. Irgendwann geraten die Besucher dann in einen Flow-Zustand. Sie sind einfach nur noch da, denken an nichts mehr, die Welt draußen verschwindet.

Welche Rolle spielt dabei die Musik?

Ohne Musik geht es nicht.

Was zeichnet denn gute Festzelt-Musik aus?

Das Allerwichtigste ist, dass man sie kennt. Alles, was im Festzelt gespielt wird, wurde schon oft gespielt. Außerdem muss die Musik schön einfach sein, jeder muss mitsingen können. Sie muss in Dur sein und einen Vier-Viertel-Takt haben. Das Tempo liegt ungefähr bei 120 Schlägen pro Minute. So gibt es den Tony-Marschall-Effekt: Es ist flott, aber man kann noch mitklatschen. Blas- oder Schunkelmusik ist nicht mehr gefragt, da haben die Wasen-Wirte rechtzeitig die Kurve gekriegt. Es geht heute rockiger zu, nicht tümelnd, und oben auf der Bühne steht auch mal eine Sängerin aus Jamaica. Gespielt werden Medleys: Ein Lied folgt unmittelbar auf das andere. „Marmorstein und Eisen bricht“, „YMCA“, „Atemlos durch die Nacht“: Die Musik ist permanent da, Sie werden nicht in Ruhe gelassen.

Soll es nicht auch ein bisschen gemütlich sein?

Das „Prosit der Gemütlichkeit“ ist enorm wichtig, das gibt’s auch schon seit über 100 Jahren. Im Zelt wird es auf unterschiedliche Weise zelebriert und kommt sicher 20 mal pro Abend. Die Prosits strukturieren den Abend, werden bewusst nach Playlist gesetzt. Einerseits sollen sie den Bierkonsum ankurbeln. Andererseits aber auch die Leute einbinden. Die Besucher, besser Teilnehmer, sind ja zentraler Teil der Feier. Sie müssen sich aktiv einbringen, aufeinander zugehen. Das ist wichtig fürs große Wir-Gefühl.

Gibt es Exzesse? Oder Sex?

Natürlich kann es am Rande auch mal zum Geschlechtsverkehr kommen. Aber dann greift der Sicherheitsdienst schnell ein. Der Abend im Festzelt wird nie zur Orgie. Es wird geflirtet, aber nicht mehr.

Die Leute halten sich an Regeln?

Genau. Man lässt sich gehen, aber alles bleibt unter Kontrolle. Sobald die Stimmung zu heiß wird, spielt die Band etwas Ruhigeres. Da achten die Wirte drauf.

Was ist sonst noch wichtig?

Alles muss einen Rahmen haben. Das Zelt, oft im Bauernhof-Look, vermittelt einen bodenständigen Eindruck. Es sieht gemütlich aus, wirkt echt und nicht aufgesetzt (auch wenn natürlich alles aufgesetzt ist). Manieren sind nicht so wichtig, man darf sich gehen lassen. Die Bänke sind einfach, und die Krüge machen einen soliden, fast grobschlächtigen Eindruck: Man soll sie gut fassen können und viel damit anstoßen. Sektgläser haben da nichts zu suchen.

In der dritten Phase ist dann Schluss mit Fiesta Mexicana?

In der dritten Phase findet die Wiedereingliederung in den Alltag statt. Das verläuft genau umgekehrt wie in der Aufwärmphase. Man stellt wieder Abstand her. Abstand zum Ort und Abstand zueinander. Alles wird leiser und statischer.

Braucht es eigentlich noch den Rummel drumherum, Achterbahn und Schießbude?

Auf jeden Fall. Das gehört dazu, das schafft den Rahmen, auch wenn der typische Festzeltbesucher ihn kaum nutzt. Aber es gibt schon Leute, die sich mehr für den Rummel interessieren.

Warum boomen eigentlich Oktoberfest und Wasen, während die kleinen Volksfeste wie das Tübinger Sommerfest verkümmern?

Das ist komisch. Zur Jahrtausendwende kämpfte mancher Wasen-Wirt ums Überleben. Mittlerweile sind die Zelte fast jeden Abend ausgebucht. Die Leute wollen das hippe Massenereignis. Das Tübinger Sommerfest hat diesen Nimbus einfach nicht.

Interview: Ulrich Janßen

Info „Fest und flüssig. Das Feiern im Festzelt als Cultural Performance“, heißt die Dissertation von Claudia Bosch. Sie ist soeben als Buch im Tübinger TVV-Verlag erschienen.

„Irgendwann sind Sie einfach nur noch da“
Claudia Bosch hat in Tübingen promoviert. Die 46-jährige, die auch schon im Rottenburger Gemeinderat saß, lebt heute im amerikanischen New Haven.

„Irgendwann sind Sie einfach nur noch da“
„Zentraler Teil der Feier“: Teilnehmer im Festzelt auf dem Cannstatter Wasen. Das Volksfest dauert noch bis 11. Oktober.

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01.10.2015, 12:00 Uhr
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