Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Der Narr als Objekt für die Forscher

Interview mit dem Freiburger Volkskundeprofessor und "Fastnachtspapst" Werner Mezger

Fastnachtsforschung? Auch wenns verrückt klingt: Ernsthafte Wissenschaftler untersuchen, was die Narren treiben und was sie dazu treibt. Was dabei herauskommt, erklärt Fastnachtsforscher Werner Mezger.

27.01.2010

Von HENNING PETERSHAGEN

Herr Mezger, was will die Fastnachtsforschung?

WERNER MEZGER: Zwar ist Fastnacht die schönste Nebensache der Welt, aber es hat die Leute schon immer interessiert, woher sie kommt und was dahinter steckt.

Wie lautet das Ergebnis?

MEZGER: Die Fastnacht hat viele Wurzeln. Ihre älteste Schicht ist sicher im bäuerlichen Naturjahr begründet: in der Freude über das Ende des Winters, die sich im gemeinsamen Feiern Ausdruck verschaffte, ehe mit dem Frühling die Feldarbeit wieder begann. Ihre entscheidende Prägung erhielt die Fastnacht aber im hohen und späten Mittelalter durchs Kirchenjahr, indem sie zum "Schwellenfest" vor der Fastenzeit wurde. Daher auch ihr Name: "Nacht vor dem Fasten".

Hat die Fastnacht nun also vorchristliche Wurzeln, wie immer wieder behauptet wird?

MEZGER: Als Vorabend der Fastenzeit ist sie rein christlich bedingt, was nicht ausschließt, dass ältere Elemente in ihr aufgegangen sind. Kontinuitäten bis in vorchristliche Zeiten zu konstruieren, war typisch für die Volkskunde des 19. Jahrhunderts. Sie suchte die Ursprünge der Fastnacht in der germanischen Mythologie. Das war hoch spekulativ - und fatal, weil es später ins ideologische Konzept der Nazis passte.

Man brauchte also andere Modelle?

MEZGER: Nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog die Fastnachtsforschung einen grundlegenden Wandel. Sie stützte sich nur noch auf klar belegbare historische Fakten und untersuchte sowohl die christlichen Bezüge als auch die soziokulturellen Rahmenbedingungen des Festes. Daneben gab es kulturräumliche Forschungen, etwa nach der Verbreitung bestimmter Maskierungs- und Verkleidungstypen. Und eine ganz neue Richtung schlug in den 1960er-Jahren in Tübingen eine Forschergruppe um Hermann Bausinger ein, die den Ist-Stand der Fastnacht erstmals mit sozialwissenschaftlichen Methoden analysierte.

Heißt das, dass die Fastnachtsforschung ständig etwas anderes sagt?

MEZGER: Wissenschaft ist immer Kind ihrer Zeit. Dementsprechend verändern sich ihre Interessen und Fragestellungen. Inzwischen gibt es in unserem Fach einige bemerkenswerte Arbeiten, in denen gar nicht mehr die Fastnacht selbst erforscht, sondern eben die Geschichte ihrer Erforschung untersucht wird. Mindestens so interessant wie das Problem, woher die Fastnacht kommt, ist nämlich die Frage, was hinter ihren jeweils zeitspezifischen Erklärungsmustern steckt.

Ist die Fastnachtsforschung also vor allem mit sich selbst beschäftigt?

MEZGER: Ganz sicher nicht. Zum Beispiel ist es überaus lohnend, junge Zünfte zu erforschen. Jede einzelne neu kreierte Narrenfigur bietet nämlich einen Blick in den Baukasten lokaler Identität und erschließt sich somit letztendlich als Antwort auf die Globalisierung.

Blicken Sie auch über die Grenze?

MEZGER: Selbstverständlich Da wäre vor allem die europäische Dimension zu nennen. Der Kulturraum Europa ist mit den modernen digitalen Medien so detailliert vergleichend zu erschließen, wie das noch vor kurzen undenkbar war. Bei Recherchen zu Fastnachtsbräuchen haben wir von der iberischen Halbinsel bis zum Schwarzen Meer und von der Nordsee bis zum Mittelmeer hocherstaunliche Parallelen und Vernetzungen entdeckt.

Die Narren sind also überall gleich?

MEZGER: Eben nicht. So sehr die großen Parallelen verblüffen, so erhellend sind andererseits die feinen, mentalitätsbedingten Unterschiede. In den Fastnachten Südeuropas finden wir beispielsweise eine Fülle von Wettkampfsituationen, die bei uns längst verschwunden sind. Da gibt es etwa einen halsbrecherischen Reiterkarneval in Oristano auf Sardinien, einen atemberaubenden fingierten Stierkampf im italienischen Offida, eine unglaubliche Schlammschlacht mit Weinhefe im südfranzösischen Cournonterral und anderes mehr.

Was lernen wir daraus?

MEZGER: Zeige mir, wie du feierst, und ich sage dir, wer du bist.

Hat sich die Fastnachtsforschung auf die Fastnacht ausgewirkt?

MEZGER: Zweifellos. Bis in die 1950er-Jahre hat die Volkskunde alten Stils den Brauchträgern die Mythen geliefert. Als die Forschung später den mythologischen Ballast über Bord warf und nach 1968 gar anfing, den Traditionsbegriff kritisch zu hinterfragen, fühlten sich die Traditionalisten in manchen Fastnachtshochburgen angegriffen und reagierten mit einem mehr oder weniger trotzigen Fundamentalismus: Bräuche wurden rigide reglementiert, Überlieferungen zementiert, Kritik ignoriert.

Gibt es auch Positives zu vermelden?

MEZGER: Durchaus. Als zum Beispiel der Tübinger Forscherkreis in den 1960er-Jahren die dörflichen Fastnachten im Hegau-Bodenseegebiet untersuchte, fühlten sich die dortigen Narren dadurch geadelt, gewannen Selbstbewusstsein und gründeten auf Schloss Langenstein das erste Fastnachtsmuseum im Land. Später ging die Tübinger Arbeitsgruppe sogar im "Langensteiner Kreis für Fastnachtsforschung" auf.

Was erforschen die Fastnachtsforscher nach Aschermittwoch?

MEZGER: Das Vordringen karnevalesker Phänomene in die Zeit nach der Fastnacht. Solche Phänomene finden Sie nicht nur beim Berliner Karneval der Kulturen, der Loveparade, der Streetparade und dem Christopher Street Day, sondern bei fast jeder Demonstration, wo Leute Masken tragen, Trillerpfeifen blasen oder auf Trommeln schlagen.

Bräuche im Blick: Werner Mezger, wohl populärster Fastnachtsforscher, erklärt sein Fach. Foto: Volkmar Könneke

Zum Artikel

Erstellt:
27. Januar 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Januar 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2010, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+      Google+