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„Manchen geht das zu nahe“

Interview mit Moriz Vohrer vom Freiburger Projekt „Cowfunding“

Bei „Cowfunding“ in Freiburg wird ein Tier erst geschlachtet, wenn alle Teile online verkauft sind – auch die Innereien. Moriz Vohrer über sein Projekt.

02.02.2018

Von ISABELLA HAFNER

Moriz Vohrer und seine Schafe. Foto: I. Hafner

Freiburg. Wer sein Fleisch bei „Cowfunding“ kauft, weiß, wie das Tier aussah und woher es kam. Das Freiburger Projekt vermittelt Kunde und Kuh quasi direkt: Landwirte fotografieren ihr Rind oder Schaf und laden das Foto mit Infos zu Tier und Hof hoch. Der Kunde bestellt über die Seite und bekommt sein Fleisch erst, wenn das Tier verkauft ist. Wir haben mit Moriz Vohrer, Geschäftsführer des Netzwerks, gesprochen.

Herr Vohrer, Sie haben die Internetplattform Cowfunding gegründet. Ist das nicht alter Wein in neuen Schläuchen? Auf dem Dorf lief das früher immer so: Jemand schlachtete, und man holte sein Fleisch.

Moriz Vohrer : Stimmt, allerdings gab's früher noch kein Internet, und in den letzten 60 Jahren haben die Supermärkte ihren Siegeszug angetreten. Das führte zu Anonymität: Konsument und Erzeuger wurden voneinander getrennt. In manchen Wertschöpfungsketten sind so viele Händler zwischengeschaltet, dass selbst die Hersteller nicht mehr wissen, woher Bestandteile ihrer Produkte kommen. Wenn es dann noch einen Lebensmittelskandal gibt, weiß keiner mehr, wo er mit der Suche anfangen soll. Für den Verbraucher ist so ein Modell nicht mehr zeitgemäß. Er will auch in anderen Bereichen wissen, was dahinter steckt, fordert Transparenz. Außerdem hat es eine andere Wertigkeit als ein Supermarktsteak und gibt auch ein gutes Gefühl, weil man seine Region unterstützt.

Wie erfährt der Kunde, wann das Tier komplett verkauft ist?

Er bekommt eine Mail, sobald 50 Prozent verkauft sind, dann nochmal bei 100. Danach erfährt er den Schlachttermin, und wann das Fleisch in die Stadt kommt. Auch am Prozentbalken im Internet kann er mitverfolgen, wie viel schon verkauft wurde. Wir wollen die Leute mitnehmen, auch wenn wir wissen, dass das manchen nahe geht. Zu wissen, was man später auf dem Teller hat, ist nicht jedermanns Sache.

Das ist doch Antiwerbung. Wer das Foto des Tiers sieht, isst kein Fleisch mehr.

Ja, manchen Menschen ist es zu viel, das Tier vorher zu kennen. So sind wir Menschen. Die einen so, die anderen so.

Kann man beim Schlachten zuschauen? Gibt es eine Art Gläserne Produktion?

Nein. Da sollen keine Zuschauer dabei sein. Das ist schon genug Aufregung für das Tier: Es kommt weg von seiner Herde, wird auf einen Hänger geladen? Nur der Landwirt, die Bezugsperson, soll dabei sein.

Wieso schlachten Sie nicht in einer mobilen Schlachtbox, nach einem Bolzenschuss auf der Weide? Das geht seit ein paar Jahren auch in Baden-Württemberg.

Das hätten wir am liebsten, aber das ist noch mit vielen Formalitäten und Auflagen der EU verbunden, da muss man sich reinfuchsen. Wir wollen das für die Zukunft nicht ausschließen.

Und wie geht's nach dem Schlachten weiter?

Das Fleisch muss etwa eine Woche abhängen, wird vakuumverpackt, ein Übergabetermin festgelegt. Der Kunde kann seine Bestellung direkt beim Metzger holen, oder wir treffen uns in der Stadt bei einem unserer Stadt-Land-Paten. Das sind Cafés, die uns ihre Räume für die Übergabe zur Verfügung stellen.

Der deutsche Fleischmarkt ist von Massenproduktion dominiert. Wie wollen Sie da Minderwertiges wie Innereien losbekommen? Wir sind verwöhnt?

Bei uns stirbt ein Tier erst, wenn genug Nachfrage vorhanden ist. Wir drehen das Ganze um, schaffen kein Überangebot, das wir dann zu Dumpingpreisen verkaufen. Wir wollen, dass weniger weggeschmissen wird. Deshalb gibt?s auch keine Edelpakete nur mit Filetstücken. Der Verbraucher sieht in jedem Paket die Mischung, wie sie am Tier dran ist. Das Filet hat dann halt nur 100 Gramm. Innereien schmecken nicht immer allen. Aber manchmal ist es auch nur eine Frage der Zubereitung. Wir stellen bald Rezepte online und zeigen, was man aus welchem Teil gut machen kann. Aus Suppenfleisch eine kräftige Brühe... Für die Knochen suchen wir auch noch nach besseren Lösungen. Die bleiben oft übrig.

Nutzen die Landwirte Ihr Angebot?

Aktuell sind es fünf Landwirte. Die meisten haben zwei bis drei Rinder im Jahr zum Schlachten – könnten aber auch mehr liefern. Wir wachsen mit der Nachfrage. Direktvermarktung ist für diese Landwirte durch Cowfunding einfacher. Meine zwei Mitarbeiter und ich übernehmen Marketing und Pressearbeit, sind Übersetzer. Der Konsument soll erfahren, wie die Landwirtschaft um Freiburg herum funktioniert. Es gibt viele kleine Höfe, und wie überall in Deutschland betreiben viele Landwirtschaft im Nebenerwerb . Vor allem im Südschwarzwald erschweren steile Hänge und Bergstraßen die Arbeit. Mit uns verhandeln die Landwirte einen Preis, sagen, wie viel sie zum Wirtschaften brauchen. In Zukunft soll auch in anderen Gegenden Deutschlands unsere Plattform genutzt werden.

Sie springen also auch auf den Regionaltrend auf?

Alles andere als Regionalität wird in Zukunft in eine Sackgasse führen. Bei vielen Lebensmitteln müssen wir zu regionalen Kreisläufen zurück. Lebensmittel, die auch im Umkreis produziert werden können, über die Weltmeere zu schippern, ist sozialer und ökologischer Unsinn. Und wenn ein Landwirt hier seinem Sohn oder seiner Tochter nicht empfiehlt, Landwirt oder Landwirtin zu werden, läuft überhaupt etwas falsch.

Wie trägt sich das Projekt Cowfunding?

Wir erhalten dreißig Prozent vom Verkaufserlös und Förderungen. Vor kurzem hat uns die Unesco 25?000 Euro gespendet. Damit können wir uns bis Ende des Jahres um den Aufbau kümmern. Viel Zeit fließt gerade auch in die Anschlussfinanzierung. Wir suchen hier noch Unterstützung.

Aber Bio ist ihr Fleisch nicht. Warum?

Auch von unseren Landwirten sind mehrere bio-zertifiziert. Aber wir kommunizieren das nicht. Denn es gibt auch Cowfunding-Landwirte ohne Label. Den Tieren geht es bei ihnen nicht schlechter, aber eine Zertifizierung kostet Zeit und Geld. Kleine Landwirte mit wenigen Tieren wollen sich das oft nicht antun. Da ich früher selbst als Zertifizierer gearbeitet habe, kann ich sagen, dass alle von unseren Landwirten bio-konform arbeiten.

Grafik: SWP

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Erstellt:
2. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
2. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Februar 2018, 06:00 Uhr

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