Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Interview mit HIV-Forscher Hendrick Streeck
Die roten Schleifen machen auf die Krankheit aufmerksam so wie hier in Kalkutta (Indien). Foto: Saikat Paul/Pacific Press/ZUMA Wire/dpa
„Das Ziel nicht erreicht“

Interview mit HIV-Forscher Hendrick Streeck

HIV ist eine behandelbare Krankheit. Doch der Kampf gegen neue Infektionen kommt kaum voran, kritisiert Experte Hendrik Streeck.

29.07.2018
  • THOMAS BLOCK

Berlin. Hendrick Streeck ist Gründer und Direktor des Instituts für HIV-Forschung in Essen. Er hält HIV für gut behandelbar, doch ein Sieg über die Krankheit ist nicht in Sicht.

Herr Professor Streeck, Sie waren auf der Welt-Aids-Konferenz. Was haben Sie da mitgenommen?

Hendrik Streeck: Inhaltlich habe ich zwei Sachen mitgenommen: Zum einen, dass die HIV-Prophylaxe Prep tatsächlich in der Gesellschaft angekommen ist und in naher Zukunft wohl zur Eindämmung von HIV beitragen wird. Schon heute werden damit in vielen Ländern gute Ergebnisse erzielt. Und zum anderen habe ich mitgenommen, dass es auf der Suche nach einer Heilung eher Rückschritte als Fortschritte gibt.

Können Sie erklären, was Prep ist?

Die sogenannte Präexpositionsprophylaxe ist eine Pille, die vor dem Sex oder kontinuierlich eingenommen wird und sehr gut vor einer HIV-Infektion schützt. Sie verhindert, kurz gesagt, dass sich jemand mit HIV ansteckt, schützt aber natürlich nicht vor anderen Geschlechtskrankheiten.

Gesundheitsminister Spahn will, dass Prep Kassenleistung wird.

Eine sehr gute Idee. Es ist vor allem sehr begrüßenswert, wie schnell die Regierung da reagiert hat. Prep ist erst vor relativ kurzer Zeit in der Forschung entwickelt worden und hat sich als sehr effektiv erwiesen. Deutschland hat hier eine Vorreiterrolle in der Prävention eingenommen.

Wieso gibt es noch Länder mit einer hohen Neuansteckungsrate?

Der beste Schutz vor HIV ist eine vernünftige Therapie von Menschen, die mit HIV infiziert sind. Mit den richtigen Medikamenten kann die Viruslast im Blut so stark verringert werden, dass auch eine HIV-positive Person nicht mehr ansteckend ist. Doch leider gibt es auf der Welt viel zu viele Menschen, die gar nichts von ihrer HIV-Infektion wissen. Die können andere auch nicht vor einer Ansteckung schützen.

Interview mit HIV-Forscher Hendrick Streeck
Hendrik Streeck: Zu viele wissen nichts von ihrer Infektion. Foto: Privat

Warum ist das so?

Viele Menschen lassen sich einfach nicht testen. Vor allem in osteuropäischen Ländern ist HIV noch immer mit einem gewissen Stigma behaftet. Und in anderen Ländern ist es noch immer schwer, an Therapien ranzukommen. Da sind wir in der westlichen Welt natürlich sehr privilegiert. Es müssten weltweit mehr Menschen diagnostiziert und behandelt werden. Und es müssten mehr Menschen Zugang zu Verhütungsmitteln haben. Das schließt auch Prep ein. Das kostet schon in Deutschland derzeit etwas mehr als 50 Euro pro Monat. Hinzukommen die Untersuchungskosten. Viele Menschen in anderen Ländern können sich das nicht leisten.

Wie ist denn der aktuelle Stand im Kampf gegen Aids?

In den vergangenen zehn Jahren hat es einen dauerhaften Rückgang der HIV-Neuinfektionen gegeben. Wir kommen allerdings nicht so schnell voran, wie es manche erhofft hatten. Das UN-Programm UNAids hatte vorgesehen, dass im Jahr 2020 90 Prozent der HIV-Infizierten von ihrer Infektion wissen, 90 Prozent der Diagnostizierten behandelt werden und 90 Prozent der Behandelten eine Viruslast unter der Nachweisgrenze haben. Dieses Ziel wird wohl nicht erreicht.

Und wie ist der Stand in Deutschland?

Wir haben hierzulande eine konstante Zahl an Neuinfektionen, die liegt bei etwa 3400 pro Jahr. In einzelnen Risikogruppen sehen wir sogar einen leichten Abfall – etwa in der Gruppe der homosexuellen Männer.

Was bedeutet es heute, HIV-positiv zu sein?

Die Lebenserwartung eines HIV-Positiven, der in guter Behandlung ist, ist fast identisch mit der eines HIV-Negativen. Die einzige Einschränkung, die ein HIV-Patient derzeit hat, ist, dass er jeden Tag ein Medikament einnehmen muss. HIV ist heute eine chronische Erkrankung, mit der man sehr gut leben kann, ein bisschen wie Diabetes.

Werden Sie es erleben, dass HIV besiegt ist?

Ich glaube nicht, dass HIV noch zu meinen Lebzeiten geheilt werden kann. Für eine vollständige Heilung müsste der Virus aus jeder Zelle des Körpers vertrieben werden. Das sehe ich nicht kommen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass wir in absehbarer Zukunft einen Impfstoff haben werden, der vor Neuansteckungen schützt. Und dass auch wegen eines solchen Impfstoffes HIV weltweit zu einem kleineren Problem wird. Das werde ich hoffentlich noch erleben.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

29.07.2018, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular