Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Der Heute-Journal-Moderator über seine Tübinger Honorarprofessur und seine Studienzeit

Interview mit Claus Kleber: Es gibt immer zwei Parteien

Der Journalist und Moderator des ZDF-Heute-Journals Claus Kleber ist zum Honorarprofessor für Medienwissenschaft der Uni Tübingen ernannt worden. Wie er selbst Journalist wurde und über seine Tübinger Studienzeit sprach er gestern am Telefon mit dem TAGBLATT.

02.02.2015
  • Interview: Angelika Bachmann

SCHWÄBISCHES TAGBLATT: Herr Kleber, Sie sind zum Honorarprofessor der Uni Tübingen ernannt worden. Es gibt viele Honorarprofessoren, mit deren Namen sich die Uni gerne schmückt, die aber nur sehr selten an der Uni lehren. Wie werden Sie das handhaben?

Claus Kleber: Natürlich werde ich Lehrveranstaltungen machen. Aus welchem Grund sollte ich sonst Honorarprofessor werden? (Lacht:) Ich habe jedenfalls nicht vor, mir neues Briefpapier mit dem Professoren-Titel drucken zu lassen.

Sie werden Studierende der Medienwissenschaft in Nachrichtenjournalismus unterrichten. Wird es den Nachrichtenjournalismus, so wie Sie ihn repräsentieren, in 15 Jahren überhaupt noch geben?

Interview mit Claus Kleber: Es gibt immer zwei Parteien
So kennen ihn die meisten: Claus Kleber im feinen Zwirn als Moderator des ZDF-Heute-Journals.

Es wird ihn noch geben. Und er wird wichtiger sein als je zuvor – in unserer vernetzten Welt. Aber anders als heute. Wie, das ist genau die spannende Frage, die ich mit den Studenten diskutieren möchte. Es ist gut, dass Lehren keine Einbahnstraße mehr ist. Ich kann die Frage auch nicht beantworten. Darüber sind ja mittlerweile ganze Bibliotheken vollgeschrieben und zahlreiche Kongresse abgehalten worden – die ich nicht besucht habe. Mal sehen, was wir gemeinsam erarbeiten können.

Sie waren bereits 2005 Gastredner bei den Tübinger Medienwissenschaftlern.

Ich habe als Mediendozent einmal einen zweistündigen Vortrag gehalten – aber das ist ja etwas vollkommen anderes als das, was ich mir jetzt vorgenommen habe. Ich selbst habe den Journalismus als Handwerk erlernt – und das nicht mal richtig, sondern mit „learning by doing“, wo man immer wieder auf die Nase fällt und daraus lernt. Ich habe Jura studiert und lange als freier Mitarbeiter für den Südwestrundfunk gearbeitet. An der Universität treffe ich nun auf Studierende, die Journalismus theoretisch lernen und analysieren. Das wird spannend, darauf freue ich mich: Ich muss das, was ich seit Jahren mache, für das Seminar theoretisch aufarbeiten.

Medientheoretische Abhandlungen sollten die Studierenden aber auch nicht erwarten, oder?

Das Ausbildungsniveau in den Medienwissenschaften ist mittlerweile enorm. Ich treffe jetzt schon gelegentlich auf Studenten, die mich für Studienarbeiten interviewen. Da gibt es lustige Kollisionen zwischen Theorie und Praxis. Eine Studentin wollte wissen, welche in einem bestimmten Lehrbuch beschriebene Interviewtechnik ich bevorzuge: ob ich eher konfrontativ, eher hintergründig oder eher kuschelig oder so ähnlich vorgehe. Sie nannte drei Schubladen und wollte wissen, in welcher ich zu finden bin. Ich habe dann erst mal gelacht und gesagt, das komme immer auf den Gesprächspartner an und auf das Thema. Und wie sich das Gespräch entwickle. Ich wusste gar nicht, wovon sie redet. Aber für das Seminar muss ich natürlich auch bereit sein, meine Arbeit theoretisch zu hinterfragen. Ich glaube nicht, dass es reicht, dass Claus den Studenten ein paar Geschichten aus der Praxis erzählt.

Sie sind promovierter Jurist und haben nach dem zweiten Staatsexamen eine Zeit lang in einer Stuttgarter Anwaltspraxis gearbeitet. Wie viel Jurist steckt in dem Journalisten Claus Kleber?

Interview mit Claus Kleber: Es gibt immer zwei Parteien

Eine ganze Menge! Ich empfehle jungen Leuten, die zu mir kommen und einen Rat für ihr Studium und die journalistische Ausbildung wollen: Studiert etwas, das mit dem wahren Leben zu tun hat.

Jura?

Im Jura-Studium lernt man, Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu sehen. Zu jedem Rechtsstreit gehören schließlich zwei Parteien. Was man auch lernt, ist, aus einem noch so komplizierten Sachverhalt den eigentlichen Kern des Problems herauszuarbeiten. Das braucht man im Journalismus ständig. Wenn man zum Beispiel an so komplexe Themen wie den Euro-Rettungsschirm denkt.

Sie haben Ende der 70er Jahre in Tübingen studiert. Wie war die Uni damals? Wie sind Ihre Erinnerungen?

Ich erinnere mich vor allem an eine unheimlich freie Zeit, in der wir viel machen konnten. Für die Statistiker gehörte ich ja zu den Bummelstudenten. Ich habe 14 Semester studiert. Die Regelstudienzeit für Jura war damals sechs Semester.

Was haben Sie in den 14 Semestern gemacht?

Ich habe meinen Beruf gelernt. Ich habe damals schon sehr viel für den Südwestrundfunk gearbeitet. Die Uni habe ich über Jahre hauptsächlich von innen gesehen, um Professoren für den Rundfunk zu interviewen. Als die Zeit vorbei war, hatte ich aber nicht nur zwei Staatsexamen, sondern auch das Know How und die Erfahrung für meinen Traumberuf.

Heutzutage wäre das kaum noch möglich. Die Studienpläne sind so vollgepackt, dass die Studierenden kaum noch Zeit haben, nebenher zu jobben.

Ist das nicht furchtbar? Ich frage mich allerdings, wie viel von diesem rasanten Studientempo vorgegeben und wie viel selbst auferlegt ist, weil alle in diesem Hamsterrad sitzen und man möglichst schnell fertig sein will. Ich rate allen Studierenden: Genießt die Zeit und die Freiheit, die man im Studium hat.

Sie waren in der katholischen Studentenverbindung Guestfalia. Wie kam es dazu?

Ich bin immer noch Guestfale. Zu der Verbindung kam ich als Studienanfänger, weil mir der Haufen gut gefiel, der damals auf dem Haus aktiv war. Die Guestfalen beschäftigten sich damals – außer mit Feiern – mit dem Semesterthema „Grenzen des Wachstums“. Club of Rome, Umweltschutz, Nachhaltigkeit und so. Das war damals noch völlig neu. Ich fand das spannend. Wir haben uns nächtelang heiße Diskussionen geliefert. Außerdem war es ein tolles Forum mit Studenten aus allen Fakultäten, mit Pharmazeuten, Biologen und aus vielen anderen Fächern. Ich habe immer die Kommilitonen bedauert, die nur Juristen kannten. Und dann auch noch eine Juristin als Freundin hatten. Die Vorstellung, dass Verbindungen immer rechtsnationale Haufen sind – das trifft auf die Guestfalen nicht zu. Übrigens sind die Guestfalen auch der Grund, dass ich nie den Kontakt zu Tübingen verloren habe und oft dort bin. Hätte mich eine andere Uni als die Tübinger gefragt, ob ich Honorarprofessor werden möchte, ich glaube, ich hätte abgelehnt.

Raten Sie jungen Menschen heute noch zu, Journalist zu werden?

Oh ja! Für mich persönlich ist das der schönste und reizvollste Beruf, den es gibt. Man wird dafür bezahlt, dass man jeden Tag Spannendes erlebt oder etwas Neues lernt.

Ob das in Zukunft auch noch bezahlt wird, ist ja noch nicht ausgemacht.

Sicher: Wir befinden uns in einer Phase des Umbruchs, das stimmt. Aber da gibt es auch Auswüchse, die man korrigieren muss. Nämlich die, dass es gut aufgearbeitete Nachrichten umsonst gibt. Journalismus als brotlose Kunst – das funktioniert genau so wenig wie beim Arzt-Beruf oder bei der Müllabfuhr.

Im Heute-Journal haben Sie in den letzten Wochen immer wieder das Schlagwort der „Lügenpresse“ – und auch den Umgang der Medien damit – thematisiert. Dabei hatte man den Eindruck, dass Sie das auch persönlich getroffen hat.

Manche Angriffe sind unter der Gürtellinie. Aber nicht alle. Ich möchte signalisieren, dass wir als Journalisten die Einwände ernst nehmen. Wir sind in unserem Beruf ja immer maximal 24 Stunden entfernt von der nächsten Deadline. Da passieren Fehler. Und wenn uns Leute schreiben, dann antworte ich oft auch: Stimmt, das hätte anders laufen müssen. Was aber nicht passiert, ist das bewusste Verfälschen von Nachrichten. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Leute davon ausgehen, dass wir als Journalisten an Anweisungen von oben gebunden sind. Das ist absurd! Und dass viele Leute das für selbstverständlich halten, treibt mich in die Verzweiflung.

Bei den Tübinger Medienwissenschaften arbeiten Sie künftig mit dem Lehrstuhl für Film- und Fernsehwissenschaft zusammen. Wann sind Sie denn als Dozent erstmals an der Universität?

Meine Antrittsvorlesung halte ich Anfang Juni. Im Wintersemester kommt dann das erste Blockseminar. Da ist noch viel Arbeit nötig.

Jeder kennt Sie als Moderator des Heute-Journals. Weniger bekannt sind sie als Autor von Dokumentarfilmen wie „Hunger“ und „Durst“. Würden Sie gerne mehr Filme drehen?

Ja – am liebsten würde ich dafür ein zweites Leben führen. Für „Hunger“ und „Durst“ hatte ich 65 Drehtage auf fünf Kontinenten – immer zwischen den Moderations-Wochen. Wenn ich längere Zeit keinen Film gedreht habe, wächst das Verlangen, wieder zu filmen. Wenn ich mittendrin bin und der Terminkalender überquillt, frage ich mich manchmal: Warum tust du dir das an? Aber im Grunde weiß ich’s. Der Moderator ist im Herzen Reporter.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

02.02.2015, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular