Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Leitartikel

Internet: Zweifel gegen Lügen

Einst Hoffnungsträger, jetzt Lügennetz? Medium der Erkenntnis oder Propaganda-Maschine? Die Debatte über das Internet ist mindestens so polarisiert wie die politische Diskussion selbst. Immer häufiger trifft man desillusionierte Menschen, die, obwohl technikbegeistert, am Internet verzweifeln. Das Medium, das Transparenz und aufgeklärte Debatten ermöglichen sollte, scheint sich ins Gegenteil zu verkehren.

13.02.2016
  • Ulrike Sosalla

Lügen verbreiten sich schnell und ungeprüft wie zuletzt im Fall des Flüchtlings, der in der Warteschlange vor der Registrierungsstelle in Berlin gestorben sein sollte. Halbwahrheiten und Gerüchte werden von Nutzer zu Nutzer weitergereicht, Fotos und Videos aus dem Zusammenhang gerissen. Besonders hoch geht es bei emotionalisierten Themen wie dem Flüchtlingszuzug her: Auf einer "Hoaxmap", einer Karte der Fälschungen, haben Nutzer bisher 187 Falschmeldungen über Flüchtlinge gesammelt, die im Netz kursieren - von angeblich gestohlenen Ziegen bis zu vermeintlich geschlossenen Lidl-Filialen. Auch bei vielen etablierten Medien leidet die Genauigkeit unter der Jagd nach dem schnellen Klick, gilt Zweifel als Gift im Rennen um die Lesergunst.

Aus solchen Versatzstücken von Wirklichkeit speisen sich Propaganda und Verschwörungstheorien gleichermaßen. Der Effekt wird noch verstärkt durch ein Phänomen, das als Filterblase bekannt ist: In den sozialen Netzen umgeben Menschen sich bevorzugt mit Menschen, die ähnliche Meinungen vertreten - und die Programmierung etwa von Facebook verstärkt dies abermals, indem sie Einträge von Menschen und Webseiten, die man häufig markiert oder kommentiert, bevorzugt anzeigt. Das Ergebnis: Die eigene Meinung wird immer wieder bestätigt, widerstreitende Ansichten und widersprechende Fakten tauchen immer seltener auf - die Verfestigung der Meinung zu einer gefühlten Wahrheit setzt ein.

Hier beginnt das Problem: Wenn eine Sicht der Dinge nicht mehr als eine von mehreren möglichen Sichtweisen erscheint, sondern als alleingültige Wahrheit, gefährdet das die demokratische Meinungsbildung. Wer glaubt, die Wahrheit über die Welt zu kennen, ist selten geneigt, Kompromisse mit dem politischen Gegner zu schließen - oder ihm auch nur vorurteilsfrei zuzuhören.

Dabei geht unter, dass die Wahrheit meist vielschichtig ist und selten in einen Facebook-Post passt. Sie ist auch selten weiß oder schwarz, sondern liegt gewöhnlich irgendwo dazwischen. Doch die Erfahrung zeigt: Abgewogen formulierte Grautöne werden auf Facebook kaum geklickt.

Schon werden Stimmen laut, Facebook und Co. zu regulieren: Die sozialen Netze sollten Posts nach ihrer Vertrauenswürdigkeit bewerten, fordern einige. Doch das wäre ein Irrweg. Einer Zensur würde damit Tür und Tor geöffnet.

Was wir stattdessen brauchen, ist eine Bewegung aus der Gesellschaft selbst, ein Aufbäumen all jener, die sich weigern, in simplen Schwarz-Weiß-Schablonen zu denken. Helfen könnte zusätzlich eine Aufklärungskampagne zur Medienbildung ähnlich wie bei der Aufklärung über die Gefahren von Alkohol, Nikotin und Zucker - nach dem Motto "Einfache Lösungen gefährden das selbstständige Denken".

Vor Gericht gibt es die Maxime "Im Zweifel für den Angeklagten". Im Internet, wo inzwischen jeder von uns ein Weiterverbreiter von Nachrichten ist, sollte gelten: Im Zweifel für den Zweifel.

Oder, wie schon Heinz Erhard sagte: "Glauben Sie nicht alles, was Sie denken."

Selbst Optimisten verzweifeln am

Hass im Netz

leitartikel@swp.de

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

13.02.2016, 08:30 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular