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TüNews auch auf Sendung

Internationale Redaktion erstellt Newsletter für Flüchtlinge und andere

Wie reagieren die Menschen hier auf die Flüchtlinge? Warum dauern die Verfahren so lang? Wie kann man Fuß fassen? Wer neu ins Land kommt, hat viele Fragen – praktische, politische und rechtliche. Einige beantwortete Landrat Joachim Walter am Dienstag einer Redaktion, die seit November den Newsletter „TüNews international“ erstellt.

16.12.2015

Von Renate Angstmann-Koch

Sieben Reportererinnen und Reporter von „TüNews international“ stellten am Dienstag ihr Projekt vor und interviewten Landrat Joachim Walter, hier am mittleren Tisch mit Dolmetscherin Gentiana Hasi. Von links Bright Igbinovia aus Nigeria, die syrischen Journalisten Tareq Alwawi, Aliaa Hwijah und Mohamad Karaf, auf dem Foto rechts neben dem Landrat Arjola Spaha aus Albanien, Sevdaim Islami aus dem Kosovo und Dadi Gaye aus Gambia, der in erster Linie fotografiert. Bild: Metz

Kreis Tübingen.  Sprachlich ging es im Großen Sitzungssaal des Landratsamts bunt durcheinander. Gesprochen wurde Englisch, Arabisch und Deutsch – und zwar in dieser Mischung von fast allen Versammelten. Dolmetscherin Gentiana Hasi von der Caritas hatte eine schwere Aufgabe. Sie musste Begriffe wie „Erstaufnahmestelle des Landes“, „vorläufige Unterbringung“ oder „sicheres Herkunftsland“ übersetzen.

Vorläufig wird auch bei den Redaktionskonferenzen von „TüNews international“ hauptsächlich Englisch gesprochen. Doch je länger die inzwischen 20 Redaktionsmitglieder hier sind, desto mehr soll Deutsch zur Umgangssprache werden. Sie sind selbst Flüchtlinge und wohnen in den Unterkünften des Kreises. Ihre Herkunftsländer sind Syrien, Nigeria, Gambia, Kosovo oder Albanien. Einige arbeiteten schon früher als Journalisten. Andere sind Seiteneinsteiger. Der Newsletter soll über Kultur, Gewohnheiten und die politische Situation hierzulande informieren, sagte Archivar Wolfgang Sannwald. Er sei glücklich, dass sich die Redaktion so stark einbringt: „Bitte bleiben Sie am Ball.“

Der Newsletter wird in den Unterkünften verteilt. Alle Artikel erscheinen auf Englisch. Es werden auch deutsche, arabische oder anderssprachige Texte abgedruckt. Neben dem Landratsamt und dem Verein Kulturgut sind auch die Volkshochschule und die Wüste Welle im Boot. Chris Wohlwill zeichnete das Gespräch für das Freie Radio auf, es wird auf 96,6 MHz verbreitet.

„Wie viele Flüchtlinge sind im Landkreis untergebracht, und wie ist ihre Prognose für die nächsten fünf Jahre?“, eröffnete Bright Igbinovia aus Nigeria das Interview. Derzeit etwa 3000, sagte der Landrat – 500 in der Erstaufnahmestelle in Ergenzingen, 500 bis 600 nach Abschluss ihres Asylverfahrens in den Gemeinden, die anderen in den Unterkünften des Kreises. Im ersten Halbjahr 2016 wird mit 350 weiteren Asylsuchenden pro Monat gerechnet, im zweiten mit 300. Darüber hinaus wagte Joachim Walter keine Prognose. Er räumte ein, dass es schwierig sei, genügend Häuser zu finden – nicht wegen der Zahl der Flüchtlinge, sondern wegen der Geschwindigkeit, mit der sie kommen.

Aliaa Hwijah aus Syrien wollte wissen, wie der Kreis die Flüchtlinge unterstützt. „Uns ist wichtig, dass sie möglichst schnell Deutsch lernen“, war die Antwort. Das sei Voraussetzung, in dieser Gesellschaft anzukommen und Arbeit zu finden.

Heikel war das Thema, das Sevdaim Islami aus dem Kosovo anschnitt: Was geschieht mit Menschen, die aus einer Region kommen, in der kein Krieg herrscht? Walter antwortete offen: Das Asylrecht gelte nur für vom Staat Verfolgte, die Genfer Konvention für Flüchtlinge aus Bürgerkriegsländern. „Diejenigen, die nur hier arbeiten wollen, können nicht über das Asylrecht kommen“, stellte Walter klar. Sie müssten von zuhause aus einen Weg in Beruf oder Ausbildung finden – „das ist nicht einfach“, räumte er ein. Auch denen, die wohl wieder zurück müssen, empfahl er daher dringend, Deutsch zu lernen.

Auf Unverständnis stieß, dass die Asylverfahren so unterschiedlich lange dauern. Walter schilderte die Personalprobleme des Bundesamts für Migration (BAMF). Immerhin konnte er versichern, dass es nicht vom Zufall abhängt, wer bleiben darf. Wer in der Stadt und wer auf dem Land, etwa in Rottenburg, untergebracht wird, jedoch unter Umständen schon. Oft sei nur eine Frage, wo man gerade Plätze findet.

„Woher stammt das Geld, um den vielen Flüchtlingen zu helfen?“ – auch das wurde gefragt. Hauptsächlich aus Steuern auf Arbeitseinkommen , sagte Walter. Und dass es zwar möglicherweise ein wenig finanzielle Hilfe für Deutschland aus Brüssel gebe, aber nicht von der UNO, wie Tareq Alwawi vermutet hatte.

Info Online findet sich der Newsletter bei www.tuenews-international.de

Ein Newsletter von Flüchtlingen für Flüchtlinge

„TüNews international“ wird vom Verein Kulturgut herausgegeben. Wolfgang Sannwald, Leiter der Abteilung Kultur und Öffentlichkeitsarbeit des Kreises, hatte die Idee und ist verantwortlich.

Die Autorinnen und Autoren porträtieren Menschen wie Sozialarbeiter oder Hausmeister in den Unterkünften. Sie greifen Themen wie Tafelladen, Bustickets, Freizeit- und Sportangebote oder die Bedeutung von Begriffen wie „Duldung“auf.

Im Service-Teil stellen sie etwa Informationen über Apotheken oder öffentliche WIFI-Spots zusammen. Die Stellen in dem integrativen Kulturbetrieb wurden an den Schwarzen Brettern der Unterkünfte ausgeschrieben. Die Redakteurinnen und Redakteure erhalten für ihre gemeinnützige Arbeit 1,05 Euro pro Stunde bei höchstens 80

Stunden im Monat.

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Erstellt:
16. Dezember 2015, 22:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Dezember 2015, 22:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Dezember 2015, 22:00 Uhr

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